Gedichte

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05 Jul 2024 13:26 #48732 von Kaninchen
 

Der Sack und die Mäuse

Wilhelm Busch

Ein dicker Sack voll Weizen stand
Auf einem Speicher an der Wand. -
Da kam das schlaue Volk der Mäuse
Und pfiff ihn an in dieser Weise:
"Oh, du da in der Ecke,
Großmächtigster der Säcke!
Du bist ja der Gescheitste,
Der dickste und der Breitste!
Respekt und Referenz
Vor eurer Exzellenz!"
Mit innigem Behagen hört
Der Sack, daß man ihn so verehrt.
Ein Mäuslein hat ihm unterdessen
Ganz unbemerkt ein Loch gefressen.
Es rinnt das Korn in leisem Lauf.
Die Mäuse knuspern's emsig auf.
Schon wird er faltig, krumm und matt.
Die Mäuse werden fett und glatt.
Zuletzt, man kennt ihn kaum noch mehr,
Ist er kaputt und hohl und leer.
Erst ziehn sie ihn von seinem Thron;
Ein jedes Mäuslein spricht ihm hohn;
Und jedes, wie es geht, so spricht's:
"Empfehle mich, Herr Habenichts!"

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06 Jul 2024 13:07 #48749 von Kaninchen
Die Zauberin im Walde

… eine Ballade von Joseph von Eichendorff

„Schon vor vielen, vielen Jahren
Saß ich drüben an dem Ufer,
Sah manch Schiff vorüberfahren
Weit hinein ins Waldesdunkel.

Denn ein Vogel jeden Frühling
An dem grünen Waldessaume
Sang mit wunderbarem Schalle,
Wie ein Waldhorn klang’s im Traume.

Und gar seltsam hohe Blumen
Standen an dem Rand der Schlünde,
Sprach der Strom so dunkle Worte,
’s war, als ob ich sie verstünde.

Und wie ich so sinnend atme
Stromeskühl und Waldesdüfte,
Und ein wundersam Gelüsten
Mich hinabzog nach den Klüften:

Sah ich auf kristallnem Nachen,
Tief im Herzensgrund erschrocken,
Eine wunderschöne Fraue,
Ganz umwallt von goldnen Locken.

Und von ihrem Hals behende
Tät sie lösen eine Kette,
Reicht‘ mit ihren weißen Händen
Mir die allerschönste Perle.

Nur ein Wort von fremdem Klange
Sprach sie da mit rotem Munde,
Doch im Herzen ewig stehen
Wird des Worts geheime Kunde.

Seitdem saß ich wie gebannt dort,
Und wenn neu der Lenz erwachte,
Immer von dem Halsgeschmeide
Eine Perle sie mir brachte.

Ich barg all‘ im Waldesgrunde,
Und aus jeder Perl der Fraue
Sproßte eine Blum zur Stunde,
Wie ihr Auge anzuschauen.

Und so bin ich aufgewachsen,
Tät der Blumen treulich warten,
Schlummert oft und träumte golden
In dem schwülen Waldesgarten.

Fortgespült ist nun der Garten
Und die Blumen all‘ verschwunden,
Und die Gegend, wo sie standen,
Hab ich nimmermehr gefunden.

In der Fern liegt jetzt mein Leben,
Breitend sich wie junge Träume,
Schimmert stets so seltsam lockend
Durch die alten, dunklen Bäume.

Jetzt erst weiß ich, was der Vogel
Ewig ruft so bange, bange,
Unbekannt zieht ew’ge Treue
Mich hinunter zu dem Sange.

Wie die Wälder kühle rauschen,
Zwischendurch das alte Rufen,
Wo bin ich so lang gewesen? —
O ich muß hinab zur Ruhe!“

Und es stieg vom Schloß hinunter
Schnell der süße Florimunde,
Weit hinab und immer weiter
Zu dem dunkelgrünen Grunde.

Hört‘ die Ströme stärker rauschen,
Sah in Nacht des Vaters Burge
Stillerleuchtet ferne stehen,
Alles Leben weit versunken.

Und der Vater schaut‘ vom Berge,
Schaut‘ zum dunklen Grunde immer,
Regte sich der Wald so grausig,
Doch den Sohn erblickt‘ er nimmer.

Und es kam der Winter balde,
Und viel Lenze kehrten wieder,
Doch der Vogel in dem Walde
Sang nie mehr die Wunderlieder.

Und das Waldhorn war verklungen
Und die Zauberin verschwunden,
Wollte keinen andern haben
Nach dem süßen Florimunde.

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07 Jul 2024 10:50 - 07 Jul 2024 11:14 #48759 von Kaninchen
  Mutter bei der Wiege

Das Gedicht „Die Mutter bei der Wiege“ stammt aus der Feder von Matthias Claudius.

Schlaf, süßer Knabe, süß und mild!
Du, deines Vaters Ebenbild!
Das bist du; zwar dein Vater spricht,
Du habest seine Nase nicht.
Nur eben itzo war er hier
Und sah dir ins Gesicht
Und sprach: Viel hat er zwar von mir,
Doch meine Nase nicht.
Mich dünkt es selbst, sie ist zu klein,
Doch muß es seine Nase sein;
Denn wenns nicht seine Nase war,
Wo hättst du denn die Nase her?

Schlaf, Knabe, was dein Vater spricht,
Spricht er wohl nur im Scherz;
Hab immer seine Nase nicht
Und habe nur sein Herz! 
Letzte Änderung: 07 Jul 2024 11:14 von Kaninchen.

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07 Jul 2024 16:33 #48760 von Kaninchen
 

Die lange Nase

Joachim Ringelnatz

Hans wird der Nasenkönig genannt,
denn er hat eine lange Nase.
Sie rufen´s ihm nach auf der Straße.
Hans läßt sie rufen; er macht sich nichts draus,
die Eltern und Bruder und Schwester zuhaus,
sie lachen ja alle so oft ihn aus
und spotten über die Nase.
Hans kommt in die Schule. Er hört, daß man lacht,
daß man sich über ihn lustig macht,
daß man vom Nashorn, vom Rüsseltier spricht,
und von der Gurke in seinem Gesicht. ---
So folgt ihm der Ulk auf Schritt und Tritt.
Und Hans lacht mit.

Er wird ein Soldat. Er wird ein Mann.
Und überall trifft er den Spottvogel an.
Der pfeift und singt und läßt keine Ruh.
Hans lacht dazu.
Hans lacht dazu, wenn man witzelt und höhnt,
er hat mit der Zeit sich daran wohl gewöhnt.

Hans freite des Nachbars Liesel so gern,
da drüben über die Straße.
Und er fragt ganz schüchtern mal bei ihr an,
da sagt ihm die Liesel : Sie mag keinen Mann
mit einer so langen Nase. ---

In der Nacht, im Garten vorm Rasenplatz
da küßt sich die Liesel mit ihrem Schatz.
Sie tanzen, se springen, sie singen vereint,
und drüben, über der Straße,,
im Stübchen, wo noch die Lampe scheint,
sitzt Hans vorm Spiegel und weint und weint
über die lange Nase.

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08 Jul 2024 15:44 #48771 von Kaninchen
 

Mit freundlicher Genehmigung Norbert van Tiggelen

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11 Jul 2024 14:12 #48805 von Kaninchen
 

JAKOB VAN HODDIS

Weltende

Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut,
In allen Lüften hallt es wie Geschrei.
Dachdecker stürzen ab und gehn entzwei,
Und an den Küsten – liest man – steigt die Flut.

Der Sturm ist da, die wilden Meere hupfen
An Land, um dicke Dämme zu zerdrücken.
Die meisten Menschen haben einen Schnupfen.
Die Eisenbahnen fallen von den Brücken.

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