Gedichte

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05 Apr 2020 05:56 #27856 von Feschtbrueder
Zitronenfalter im April

Grausame Frühlingssonne,
Du weckst mich vor der Zeit,
Dem nur in Maienwonne
Die zarte Kost gedeiht.
Ist nicht ein liebes Mädchen hier,
Das auf der Rosenlippe mir
Ein Tröpfchen Honig beut,
So muss ich jämmerlich vergehn
Und wird der Mai mich nimmer sehn
In meinem gelben Kleid.

Eduard Mörike

:-) Humor ist, wenn man trotzdem lacht! Lachen ist die beste Medizin!

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05 Apr 2020 08:51 #27873 von Kaninchen


Katzentier

Eines Sonntags, völlig arglos,
sitzt beim Kaffee du um vier.
Plötzlich maunzt es, raschelt, kratzt es-
es erscheint ein Katzentier.

Mit den Pfoten samtenzart,
unnachahmlich in der Art,
schleicht es sich mit viel Allüre
heimlich durch die Hintertüre.

Schlabbert zierlich und mit Wonne
Milch, die du ihm eingegossen.
Und schon hast du ganz ungeplant
einen neuen Hausgenossen.
Unnütz, Unmut zu bekunden
denn noch eh du dich versehn,
hat er seinen Platz gefunden
und das Wunder ist geschehn.

Schnurrend drang er in Dein Leben,
das er zärtlich nun regiert.
Macht zum Katzennarr dich eben-
stahl dein Herz ganz ungeniert.

Autor leider unbekannt





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06 Apr 2020 08:18 - 06 Apr 2020 08:24 #27894 von Kaninchen
Johann Georg Jacobi



April

Was kümmerts dich in deinen Wolken droben,
Du launischer April,
Ob wir dich tadeln, oder loben?
Ein großer Herr tut meistens, was er will.
Auch halten wir geduldig still,
Und leiden, was wir leiden müssen.
Gib uns zuweilen nur ein wenig Sonnenschein,
Damit wir dessen uns erfreun:
Dann magst du wiederum mit Schnee und Regengüssen,
Mit Sturm und Blitz und Hagel dir
Bey Tag und Nacht die Zeit vertreiben!
In unsrer kleinen Wirtschaft hier
Soll dennoch gutes Wetter bleiben.
Letzte Änderung: 06 Apr 2020 08:24 von Kaninchen.

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07 Apr 2020 07:52 - 07 Apr 2020 07:57 #27913 von Kaninchen
April

Bald ein rauhes kaltes Rauschen,
Daß der dunkle Forst erkracht;
Bald ein Flüstern, Kosen, Lauschen,
Wie die stillste Frühlingsnacht.

Bald der Himmel, bald die Sonne,
Bald die Wolken, bald der Schnee -
Wie der Liebe erste Wonne,
Wie der Liebe erstes Weh.

Bald das Jauchzen, bald die Trauer
In der aufgeregten Brust —
Und noch halb in Winterschauer,
Und schon halb in Frühlingslust.

Bald ein ungestümes Ringen,
Bald ein Frieden sonntagsstill —
O, was wirst Du mir noch bringen
Schöner, stürmischer April?

Julius Rodenberg

Aus der Sammlung "Die Jahreszeiten"

Letzte Änderung: 07 Apr 2020 07:57 von Kaninchen.

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08 Apr 2020 08:03 #27931 von Kaninchen
Röschens Trauung

Als die ersten Lerchen sangen,
Ward das Osterfest begangen,
Und des Dorfes junge Welt
Hat zum muntren Spiel' der Eier
Auf der Wiese, an dem Weiher
Sich schon rüstig eingestellt.

Nur Schön Röschen aus der Pfarre,
Wie das junge Volk auch harre,
Ist nicht mehr wie sonst gesinnt;
Kam der Junker aus der Weite,
Sechzehn Lenze zählt' sie heute,
Nimmermehr ist sie ein Kind.

Wie die Blumen auf der Haide,
Gott und Menschen nur zur Freude,
Wuchs sie auf in Lust und Scherz;
Doch in ihrem engen Mieder
Regte sich's schon hin und wieder
Und es pocht' ihr kleines Herz.

Röschen und der Junker waren
Frohe Kinder, gleich an Jahren,
Bis er in die Fremde zieht;
Doch verändert kehrt er wieder,
Röschen schlagt die Augen nieder
Und des Jünglings Wange glüht. —

Gleich der Rose, halb verschlossen,
Wie die Lilie, kaum entsprossen,
Tritt vor ihn die Jungfrau hin;
Züchtig, in bescheidner Hülle,
Regt sich jugendliche Fülle
Und berauscht des Jünglings Sinn.

Und auch Röschen, still erzogen,
Fühlt sich machtig angezogen,
Als sie ihren Freund erblickt;
Und das schwache Herz erglühte,
Wie er sich um sie bemühte,
Als er ihr die Hand gedrückt. —

Wie des Mädchens stilles Sehnen
Ueberströmt in sanften Thränen
In dem stillen Kämmerlein,
Schlagen hohe Liebesflammen
In des Jünglings Brust zusammen,
Die, zerstörend, sich befrei'n.

Täglich an der Gartenmauer
Steht der Junker auf der Lauer,
Haschend nach des Mädchens Blick';
Doch der lieblichste der Köpfe
Hinter Rosmarientöpfe
Zieht sich immer still zurück.

Ja, selbst über heil'ge Schwelle,
In die stille Dorfkapelle,
Läßt er die Begierden zieh'n;
Und mit seinen Feueraugen
Mag er an den Reizen saugen,
Die vor ihm so lieblich blüh'n.

Und der Pfarrer fühlt sein Ende,
Faltet segnend seine Hände,
Warnt die Tochter, streng gesinnt:
„Muß ich hilflos Dich verlassen,
Und in Herzensangst erblassen
Um mein vielgeliebtes Kind?

Aber achte Vaters Lehre,
Bleibe fromm und halt auf Ehre,
Denn sie ist das höchste Glück;
Solltest Du nicht treu ihr bleiben,
Aus dem Grabe würd's mich treiben
In die Welt, zu Dir zurück! —"

Und die Augen schließt der Vater;
Ach, der beste Freund und Rather
Endet seinen frommen Lauf! —
In des nahm Gartens Mitte,
Nach des Sel'gen letzter
Bitte, Werfen sie den Hügel auf.

Monde waren so vergangen,
Und mit bleich gehärmten Wangen
Stand das arme Röschen da;
Schön war wol die rothe Rose,
Reizender die farbenlose,
Die der Jüngling vor sich sah.

Doch der Waise zücht'ge Blicke
Hielten stechen Wunsch zurücke,
Zu der Liebe herbem Schmerz';
Sie bekämpft des Jünglings Triebe
Und die Gluthen seiner Liebe,
Aber nicht das eigne Herz. —

Und an dem Johannis-Abend'
War die Luft so mild und labend,
Athmend Glück und Liebeslust;
Ach, da strömen Röschens Thränen,
Und ein namenloses Sehnen
Regt sich in des Mädchens Brust. —

Schmeichelnd ziehen Frühlingslüfte,
Führen süsse Balsamdüfte
Ihr vor den erregten Sinn;
Bäche rauschen in der Ferne,
Würmer tragen tausend Sterne
Durch die tiefsten Schatten hin.

Wie sie sich an's Fenster lehnet
Und das arme Herz sich sehnet
Nach des Kirchhofs stiller Ruh,
Hört sie es, gleich Mannertritten,
Und es kommt in schnellen Schritten
Grade auf das Häuschen zu.

Bald, in blassen Leidenszügen,
Sieht den Freund sie vor sich liegen,
Flehend um der Liebe Glück;
Ach, sie kann nicht widerstehen,
Mag sie ins Verderben gehen,
Nimmer weist sie ihn zurück.

Morgen lassen wir uns trauen,
Wirst die schönste aller Frauen;
Komm, mein Liebchen, folge mir,
Laß in Deinen heissen Küssen
Ganz mich Deine Liebe wissen,
Daß ich nicht verzweifle hier! —

Und er zieht sie von der Schwelle
Bei des Mondes sanfter Helle
In die stille Sommernacht;
Und am duft'gen blauen Flieder
Laßt er die Geliebte nieder,
Die kein Engel mehr bewacht.

Und in unerlaubtem Glücke
Wechseln sie die trunknen Blicke
An des Abgrunds Blumenrand';
Doch, wie mit verschämten Wangen
Sie schon bräutlich sich umfangen,
Packt sie eine Todtenhand. —

Aus dem nahen Leichensteine
Steigen modernde Gebeine,
Die ein Priesterrock umhüllt;
Ueber sich, entsetzt, sie schauen,
Unter Liebe, Scham und Grauen,
Ernst des Pfarrers blasses Bild.

„Dachtest nicht an Vaters Lehre,
Nicht an Tugend, nicht an Ehre,
Bist nur Deines Buhlen Braut;
Doch ein ehrlich Ehebette Findest
Du an dieser Stätte,
Denn Du wirst von mir getraut."

Und am öden Schauerorte
Murmelt gräßlich er die Worte
Geisterhafter Trauung her;
Legt mit grabesdumpfem Amen
Ihre Hände dann zusammen,
Und das Brautpaar lebt nicht mehr.


Rochus Otto Manderup Heinrich zu Lynar

Aus der Sammlung Balladen, Romanzen, Erzählungen

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09 Apr 2020 06:40 #27944 von Feschtbrueder
Der Panther

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, dass er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein grosser Wille steht.

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf -. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille -
und hört im Herzen auf zu sein.

Rainer Maria Rilke

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