Gedichte

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24 Feb 2021 07:27 #34276 von Kaninchen
Die Alten und die Jungen

"Unverständlich sind uns die Jungen"
Wird von den Alten beständig gesungen;
Meinerseits möcht ich's damit halten:
"Unverständlich sind mir die Alten."
Dieses am Ruder bleiben Wollen
In allen Stücken und allen Rollen,
Dieses sich unentbehrlich Vermeinen
Samt ihrer »Augen stillem Weinen«,
Als wäre der Welt ein Weh getan -
Ach, ich kann es nicht verstahn.
Ob unsre Jungen, in ihrem Erdreisten,
Wirklich was Besseres schaffen und leisten,
Ob dem Parnasse sie näher gekommen
Oder bloß einen Maulwurfshügel erklommen,
Ob sie, mit andern Neusittenverfechtern,
Die Menschheit bessern oder verschlechtern,
Ob sie Frieden sä'n oder Sturm entfachen,
Ob sie Himmel oder Hölle machen -
Eins läßt sie stehn auf siegreichem Grunde:
Sie haben den Tag, sie haben die Stunde;
Der Mohr kann gehn, neu Spiel hebt an,
Sie beherrschen die Szene, sie sind dran.

Theodor Fontane
1819 - 1898
dt. Schriftsteller

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25 Feb 2021 07:34 #34295 von Kaninchen
Herr Luchs spricht keinem Menschen
nach dem Mund,
und doch gelang es ihm,
so hoch zu steigen ?
Ja, denn der Schalk versteht
die fein're Kunst,
den großen Herren
nach dem Mund zu schweigen.

Otto Ernst
1862 - 1926
eigentlich Otto Ernst Schmidt, deutscher Erzähler, ursprünglich Volksschullehrer

 

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26 Feb 2021 07:22 #34312 von Kaninchen
Spiritus familiaris

Frank Wedekind

 

Eine schwarze Katze kauert vor meiner Tür,
Eine kleine, schwarze, kurzgeschorene Katze;
Ich komme nach Hause, und mit einem Satze,
Wie ich aufschließe, springt sie herein zu mir.

Was will die kleine, schwarze Katze bei mir ?
Wär es ein Hündchen, ich wüßte es zu verstehen;
Ein Frauenhündchen, ich weiß damit umzugehen.
Die Katze ist mir ein völlig fremdes Tier

Sie ist die Seele von meinem Spiritus
Familiaris . Er hat sich umgebrungen.
Die schwarze Katze kommt zu mir hereingesprungen,
Weil sie doch irgendwo übernachten muß.

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27 Feb 2021 07:50 #34332 von Kaninchen
Ach wie ist's möglich

Ach, wie ist's möglich dann,
Daß ich dich lassen kann!
Hab dich so herzlich lieb,
Das glaube mir!
Du hast das Herze mein
Ganz mir genommen ein,
Daß ich kein andre lieb,
Als dich allein!

Blau blüht ein Blümelein,
Das heißt Vergiß nicht mein,
Das Blümelein leg ans Herz,
Und denk an mich!
Stirbt Blum' und Hoffnung gleich,
Wir sind an Liebe reich,
Denn die stirbt nicht bei mir,
Das glaube mir!

Wär' ich ein Vögelein,
Bald wollt' ich bei dir sein,
Scheut' Falk' und Habicht nicht,
Flög' schnell zu dir.
Schöß mich ein Jäger tot,
Fiel' ich in deinen Schoß,
Sähst du mich traurig an,
Gern stürb' ich dann !

Helmina von Chézy (1783 - 1856), eigentlich Wilhelmine Christiane von Chézy, deutsche Schriftstellerin, Korrespondentin mehrerer Zeitschriften in Paris, Lyrikerin und Dichterin

Das ursprünglich aus dem Thüringer Wald stammende Volkslied wurde 1824 von Wilhelmine von Chezy umgeformt und 1827 von Friedrich Wilhelm Kücken vertont



 

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28 Feb 2021 08:06 #34344 von Kaninchen
Siehst du die Gräber dort im Tal ?
Das waren die Raucher von Reval.

Und siehst du die Gräber an anderen Orten ?
Das waren die Raucher von anderen Sorten.

Und siehst du die Gräber dort in der Ferne ?
Das waren welche, die rauchten so gerne.

 



Deutsches Sprichwort

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01 Mär 2021 07:22 #34364 von Kaninchen
Wer rings nach Gunst nur schielet,
Nach Huld gefügig strebt,
Nach Lob nur lüstern zielet,
Nur für den Beifall lebt,
Wer stets gesenkten Hauptes,
Was Andre meinen, meint,
Der Allerweltsfreund, glaubt es,
Ist keines Menschen Freund.

Karl Egon Ebert
1801 - 1882
deutsch-böhmischer Dichter

 

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