Gedichte
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24 Aug 2020 07:34 #30675
von Kaninchen
Es war ein armer Schneider
Es war ein armer Schneider,
Der nähte sich krumm und dumm;
Er nähte dreißig Jahre lang
Und wußte nicht warum.
Und als am Samstag wieder
Eine Woche war herum:
Da fing er wohl zu weinen an
Und wußte nicht warum.
Und nahm die blanken Nadeln
Und nahm die Schere krumm –
Zerbrach so Scher und Nadel
Und wußte nicht warum.
Und schlang viel starke Fäden
Um seinen Hals herum –
Und hat am Balken sich erhängt
Und wußte nicht warum.
Er wußte nicht– es tönte
Der Abendglocken Gesumm.
Der Schneider starb um halber acht,
Und niemand weiß warum.
Georg Weerth
(1821 - 1856)
deutscher Kaufmann, Erzähler, Lyriker und Feuilletonist, war mit Marx und Engels befreundet
Es war ein armer Schneider,
Der nähte sich krumm und dumm;
Er nähte dreißig Jahre lang
Und wußte nicht warum.
Und als am Samstag wieder
Eine Woche war herum:
Da fing er wohl zu weinen an
Und wußte nicht warum.
Und nahm die blanken Nadeln
Und nahm die Schere krumm –
Zerbrach so Scher und Nadel
Und wußte nicht warum.
Und schlang viel starke Fäden
Um seinen Hals herum –
Und hat am Balken sich erhängt
Und wußte nicht warum.
Er wußte nicht– es tönte
Der Abendglocken Gesumm.
Der Schneider starb um halber acht,
Und niemand weiß warum.
Georg Weerth
(1821 - 1856)
deutscher Kaufmann, Erzähler, Lyriker und Feuilletonist, war mit Marx und Engels befreundet
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25 Aug 2020 08:07 #30695
von Kaninchen
Max Dauthendey
Die Lerchen schliefen schon im Feld
Die Sonne war wieder einmal am Ziel,
Wie ein Apfel, der golden ins Dunkel fiel,
so löste sie sich aus den Wolken los
und sank den Hügeln in den Schoß.
Die Lerchen schliefen schon im Feld.
Wir gingen einsam durch die Welt
mit Lippen und mit Wangen rot;
die kannten weder Schlaf noch Tod.
Ein Vogel jählings schrie im Schlaf,
sein Ruf uns beide schreckhaft traf,
wie ein Gedanke, der aufgewacht,
einer, der Angst hat vor der Nacht.
Die Fledermaus, die kreuzte vorbei,
und immer einsamer gingen wir zwei.
Der Wald und Acker schrumpften ein,
und alles ward im Dunkel klein.
Wir fühlten plötzlich wunderbar,
daß jeder Halm entschlummert war,
und dachten beide darüber nach:
Warum bleibt stets die Sehnsucht wach?
Die Lerchen schliefen schon im Feld
Die Sonne war wieder einmal am Ziel,
Wie ein Apfel, der golden ins Dunkel fiel,
so löste sie sich aus den Wolken los
und sank den Hügeln in den Schoß.
Die Lerchen schliefen schon im Feld.
Wir gingen einsam durch die Welt
mit Lippen und mit Wangen rot;
die kannten weder Schlaf noch Tod.
Ein Vogel jählings schrie im Schlaf,
sein Ruf uns beide schreckhaft traf,
wie ein Gedanke, der aufgewacht,
einer, der Angst hat vor der Nacht.
Die Fledermaus, die kreuzte vorbei,
und immer einsamer gingen wir zwei.
Der Wald und Acker schrumpften ein,
und alles ward im Dunkel klein.
Wir fühlten plötzlich wunderbar,
daß jeder Halm entschlummert war,
und dachten beide darüber nach:
Warum bleibt stets die Sehnsucht wach?
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26 Aug 2020 07:41 #30712
von Kaninchen
Begegnung
Wohl unter der Linde erklingt die Musik,
Da tanzen die Burschen und Mädel,
Da tanzen zwei, die niemand kennt,
Sie schaun so schlank und edel.
Sie schweben auf, sie schweben ab,
In seltsam fremder Weise,
Sie lachen sich an, sie schütteln das Haupt,
Das Fräulein flüstert leise:
Mein schöner Junker, auf Eurem Hut
Schwankt eine Neckenlilie,
Die wächst nur tief im Meeresgrund –
Ihr stammt nicht aus Adams Familie.
Ihr seid der Wassermann, Ihr wollt
Verlocken des Dorfes Schönen.
Ich hab’ Euch erkannt beim ersten Blick
An Euren fischgrätigen Zähnen.
Sie schweben auf, sie schweben ab
In seltsam fremder Weise,
Sie lachen sich an, sie schütteln das Haupt,
Der Junker flüstert leise:
Mein schönes Fräulein, sagt mir, warum
So eiskalt Eure Hand ist?
Sagt mir, warum so naß der Saum
An Eurem weißen Gewand ist?
Ich hab’ Euch erkannt beim ersten Blick
An Eurem spöttischen Knickse –
Du bist kein irdisches Menschenkind,
Du bist mein Mühmchen, die Nixe.
Die Geigen verstummen, der Tanz ist aus,
Es trennen sich höflich die beiden.
Sie kennen sich leider viel zu gut,
Suchen sich jetzt zu vermeiden.
Heinrich Heine
Begegnung
Wohl unter der Linde erklingt die Musik,
Da tanzen die Burschen und Mädel,
Da tanzen zwei, die niemand kennt,
Sie schaun so schlank und edel.
Sie schweben auf, sie schweben ab,
In seltsam fremder Weise,
Sie lachen sich an, sie schütteln das Haupt,
Das Fräulein flüstert leise:
Mein schöner Junker, auf Eurem Hut
Schwankt eine Neckenlilie,
Die wächst nur tief im Meeresgrund –
Ihr stammt nicht aus Adams Familie.
Ihr seid der Wassermann, Ihr wollt
Verlocken des Dorfes Schönen.
Ich hab’ Euch erkannt beim ersten Blick
An Euren fischgrätigen Zähnen.
Sie schweben auf, sie schweben ab
In seltsam fremder Weise,
Sie lachen sich an, sie schütteln das Haupt,
Der Junker flüstert leise:
Mein schönes Fräulein, sagt mir, warum
So eiskalt Eure Hand ist?
Sagt mir, warum so naß der Saum
An Eurem weißen Gewand ist?
Ich hab’ Euch erkannt beim ersten Blick
An Eurem spöttischen Knickse –
Du bist kein irdisches Menschenkind,
Du bist mein Mühmchen, die Nixe.
Die Geigen verstummen, der Tanz ist aus,
Es trennen sich höflich die beiden.
Sie kennen sich leider viel zu gut,
Suchen sich jetzt zu vermeiden.
Heinrich Heine
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27 Aug 2020 07:53 - 27 Aug 2020 07:54 #30737
von Kaninchen
Letzte Änderung: 27 Aug 2020 07:54 von Kaninchen.
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28 Aug 2020 07:43 #30756
von Kaninchen
Menschendünkel
Der Bach zu deinen Füßen klingt,
Du aber weißt nicht, was er spricht.
Zu Häupten dir der Vogel singt,
Und was er singt, verstehst du nicht.
Die Bienen summen dir ins Ohr
Ihr ewig unenträtselt' Lied,
In hundert Zungen spricht das Moor,
Der Wald, die Heide und das Ried.
Und hundertfältig um dich her
Ist Leben, reich wie deins gewebt,
Du aber weißt davon nicht mehr
Als einer, der im Monde lebt.
Und dennoch dünkst du unerreicht
Dich über alle sie gestellt
Als einzig Weiser! Ach, vielleicht
Bist du der einz'ge Narr der Welt!
A. de Nora (1864 - 1936)
Pseudonym für Anton Alfred Noder, deutscher Arzt und Dichter
Menschendünkel
Der Bach zu deinen Füßen klingt,
Du aber weißt nicht, was er spricht.
Zu Häupten dir der Vogel singt,
Und was er singt, verstehst du nicht.
Die Bienen summen dir ins Ohr
Ihr ewig unenträtselt' Lied,
In hundert Zungen spricht das Moor,
Der Wald, die Heide und das Ried.
Und hundertfältig um dich her
Ist Leben, reich wie deins gewebt,
Du aber weißt davon nicht mehr
Als einer, der im Monde lebt.
Und dennoch dünkst du unerreicht
Dich über alle sie gestellt
Als einzig Weiser! Ach, vielleicht
Bist du der einz'ge Narr der Welt!
A. de Nora (1864 - 1936)
Pseudonym für Anton Alfred Noder, deutscher Arzt und Dichter
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29 Aug 2020 08:34 #30776
von Kaninchen
Weisheitsregel
Für zwei Dinge hier auf Erden
Schwärmt der Weise kolossal,
Um vor Schmutz bewahrt zu werden:
Für Galoschen und Moral.
Ja, die Gummischuhe tragen
Einen sicher durch den Dreck,
Und in andern Lebenslagen
Dient Moral demselben Zweck.
Wo es reinlich und manierlich
Zugeht in dem Jammertal,
Läßt der Mensch zu Haus natürlich
Die Galoschen und Moral.
Wenn er dahingegen nieder
In den Pfuhl des Lasters tritt,
Nimmt er selbstverständlich wieder
Eines von den beiden mit.
A. de Nora
Für zwei Dinge hier auf Erden
Schwärmt der Weise kolossal,
Um vor Schmutz bewahrt zu werden:
Für Galoschen und Moral.
Ja, die Gummischuhe tragen
Einen sicher durch den Dreck,
Und in andern Lebenslagen
Dient Moral demselben Zweck.
Wo es reinlich und manierlich
Zugeht in dem Jammertal,
Läßt der Mensch zu Haus natürlich
Die Galoschen und Moral.
Wenn er dahingegen nieder
In den Pfuhl des Lasters tritt,
Nimmt er selbstverständlich wieder
Eines von den beiden mit.
A. de Nora
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