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16 Feb 2018 07:20 #16282 von Kaninchen
Nimmer geh' ich weg ...

Und nimmer geh' ich weg von hier,
Wie hart das Schicksal auch zu mir,
Und wenn's auch noch viel ärger wär',
Ich bleib', ich gehe nimmermehr!

Der Platz ist mir so lieb und schön!
Und geht der Lenz, so mag er gehn,
Und gehn die Sonne, die Sterne weg,
Ich bleib', ich bleib' auf diesem Fleck!

Die Wurzel gibt dem Baume Kraft,
Doch sie bleibt in des Bodens Haft;
Und meine Seele wurzelt hier,
Wo Liebchen ward geboren mir!

Drum geh' ich nimmer weg von hier,
Wie hart das Schicksal auch zu mir,
Und wenn's auch noch viel ärger wär',
Ich bleib', ich gehe nimmermehr!

Sándor Petöfi (1823 - 1849, gefallen)


commons.wikimedia.org

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17 Feb 2018 07:28 - 17 Feb 2018 07:29 #16299 von Kaninchen
Marie von Ebner-Eschenbach
1830-1916



Ein kleines Lied, wie geht´s nur an
daß man so lieb es haben kann?
Was liegt darin? erzähle!

Es liegt darin ein wenig Klang
ein wenig Wohllaut und Gesang
und eine ganze Seele
Letzte Änderung: 17 Feb 2018 07:29 von Kaninchen.

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18 Feb 2018 07:04 - 18 Feb 2018 07:06 #16306 von Kaninchen
Der Wanderer

Flaumflocken flüstern vom Himmel leis.
Ein Wandrer steigt über Firn und Eis.
Die Schneefrau folgt ihm mit tückischem Schritt:
»Halt stille, mein Lieber, und nimm mich mit,
Der Abend ist nah, und der Gipfel ist fern.
Ich spiel dir zur Kurzweil ein Liedchen gern.«
Sie setzt an die Lippe die grüne Schalmei,
die jauchzte von Blumen und Lenz und Mai.
Er lauschte, die Wangen von Tränen naß,
dann schlug er ein Kreuzchen und zog fürbaß.

Und finstrer wölkt sich der dämmernde Schnee.
Sie schlich ihm zur Seite auf listiger Zeh':
»Halt! daß ich dir leuchte, du wandelst irr
Ein freundliches Märchen erzähl' ich dir.«
Eine Ampel zog sie aus ihrem Gewand;
Da glänzt ihm vor Augen der Heimat Land,
der Hügel, der Garten, die Eltern sein
im seligen goldigen Jugendschein.
Er schwankte. Schon kürzt er der Schritte Maß,
dann schlug er ein Kreuzchen und zog fürbaß.

Und es stürmt und es stöbert mit Sturmesmacht,
vom heulenden Felsen gähnt weiße Nacht.
Sein Wille versagte, sein Knie versank.
Da saß sie auf einer steinernen Bank.
»Hier ist es behaglich; komm, setze dich,
Ich weiß zu kosen gar minniglich.
Und lockt dich der Schlummer und lacht dir ein Traum
An meinem warmen Busen ist Raum.«
Sie blickte so lieblich, sie nickte so hold,
als ob sich der Himmel ihm öffnen wollt.
Er wankt ihr entgegen in taumelndem Lauf
und fiel ihr zu Füßen - stand nie mehr auf.



Carl Spitteler
Geboren: 24. April 1845, Liestal, Schweiz
Gestorben: 29. Dezember 1924, Luzern, Schweiz
Auszeichnungen: Nobelpreis für Literatur 1919 (verliehen 1920)
Letzte Änderung: 18 Feb 2018 07:06 von Kaninchen.

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19 Feb 2018 06:50 - 19 Feb 2018 06:51 #16326 von Kaninchen


Helene von Schwerin

Helene Luise Elisabeth, Herzogin zu Mecklenburg [-Schwerin], französisch Hélène de Mecklembourg-Schwerin, Duchesse d'Orléans (* 24. Januar 1814 in Ludwigslust; † 18. Mai 1858 in Richmond, England), war eine deutsche Prinzessin und durch Heirat Herzogin von Orléans und Chartres.


Wer einsam steht im bunten Lebenskreise
Und was das Leben teuer macht verlor,
Wie bebt sein Herz, trifft eine liebe Weise
Aus ferner Jugendzeit sein horchend Ohr!

Musik, du Mächtige! vor dir verschwindet
Der armen Sprache ausdrucksvolles Wort;
Warum auch sagen, was das Herz empfindet,
Tönt doch in dir die ganze Seele fort.

Der Freundschaft Worte haben oft gelogen,
Es täuscht die Liebe durch Beredsamkeit;
Musik allein hat nie ein Herz betrogen
Und viele Herzen hoch erfreut.
Letzte Änderung: 19 Feb 2018 06:51 von Kaninchen.

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20 Feb 2018 06:41 #16339 von Kaninchen
Ich halte ihr die Augen zu...

Ich halte ihr die Augen zu
Und küss sie auf den Mund;
Nun lässt sie mich nicht mehr in Ruh,
Sie fragt mich um den Grund.

Von Abend spät bis Morgens früh,
Sie fragt zu jeder Stund:
Was hältst du mir die Augen zu,
Wenn du mir küsst den Mund?

Ich sag ihr nicht, weshalb ichs tu,
Weiss selber nicht den Grund -
Ich halte ihr die Augen zu
Und küss ihr auf den Mund.

Heinrich Heine

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22 Feb 2018 17:53 - 22 Feb 2018 17:57 #16365 von Kaninchen
Zufriedenheit

Wie sanft, wie ruhig fühl` ich hier
Des Lebens Freuden ohne Sorgen!
Und sonder Ahnung leuchtet mir
Willkommen jeder Morgen.

Mein frohes, mein zufried`nes Herz
Tanzt nach der Melodie der Haine,
Und angenehm ist selbst mein Schmerz,
Wenn ich vor Liebe weine.

Wie sehr lach` ich die Großen aus,
Die Blutvergießer, Helden, Prinzen!
Denn mich beglückt ein kleines Haus,
Sie nicht einmal Provinzen.

Wie wüten sie nicht wider sich,
Die göttergleichen Herr`n der Erden!
Doch brauchen sie mehr Raum als ich,
Wenn sie begraben werden?

Christian Felix Weiße, 1726-1804
Letzte Änderung: 22 Feb 2018 17:57 von Kaninchen.

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