Gedichte
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09 Mai 2022 07:55 #40680
von Kaninchen
Sachliche Romanze
Als sie einander acht Jahre kannten
(und man kann sagen, sie kannten sich gut)
kam ihre Liebe plötzlich abhanden,
wie andern ein Stock oder Hut.
Sie waren traurig, betrugen sich heiter,
versuchten Küsse, als ob nichts sei,
und sahen sich an und wußten nicht weiter.
Da weinte sie schließlich. Und er stand dabei.
Vom Fenster aus konnte man Schiffen winken.
Er sagte, es wäre schon Viertel nach vier
und Zeit, irgendwo einen Kaffee zu trinken.
Nebenan übte ein Mensch Klavier.
Sie gingen ins kleinste Café am Ort
und rührten in ihren Tassen.
Am Abend saßen sie immer noch dort.
Sie saßen allein und sie sprachen kein Wort
und konnten es einfach nicht fassen.
Erich Kästner
Sachliche Romanze
Als sie einander acht Jahre kannten
(und man kann sagen, sie kannten sich gut)
kam ihre Liebe plötzlich abhanden,
wie andern ein Stock oder Hut.
Sie waren traurig, betrugen sich heiter,
versuchten Küsse, als ob nichts sei,
und sahen sich an und wußten nicht weiter.
Da weinte sie schließlich. Und er stand dabei.
Vom Fenster aus konnte man Schiffen winken.
Er sagte, es wäre schon Viertel nach vier
und Zeit, irgendwo einen Kaffee zu trinken.
Nebenan übte ein Mensch Klavier.
Sie gingen ins kleinste Café am Ort
und rührten in ihren Tassen.
Am Abend saßen sie immer noch dort.
Sie saßen allein und sie sprachen kein Wort
und konnten es einfach nicht fassen.
Erich Kästner
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10 Mai 2022 08:15 #40691
von Kaninchen
Der Mai ist ein Monat, da passieren so Sachen,
Knospen werden zu Blüten, bringen Kinder zum Lachen.
Bäume ergrünen im prallen Blätterwald,
Die Welt wandelt sich, ändert ihre Gestalt.
Er ist wie ein Anfang, ein Neubeginn.
Er ist Teil des Lebens, des Zyklus, des Seins.
Sei Dir bewußt, halte still, halte in.
Der Mai hat einen ganz eigenen Sinn.
Der Mai ist ein Monat, da passieren so Sachen,
Knospen werden zu Blüten, bringen Kinder zum Lachen.
Bäume ergrünen im prallen Blätterwald,
Die Welt wandelt sich, ändert ihre Gestalt.
Er ist wie ein Anfang, ein Neubeginn.
Er ist Teil des Lebens, des Zyklus, des Seins.
Sei Dir bewußt, halte still, halte in.
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11 Mai 2022 07:34 #40703
von Kaninchen
Der Wunsch
Gotthold Ephraim Lessing
Wenn ich, Augenlust zu finden,
unter schattig kühlen Linden
schielend auf- und niedergeh´
und ein häßlich Mädchen sehe,
wünsch´ ich plötzlich, blind zu sein.
Wenn ich, Augenlust zu finden,
unter schattig kühlen Linden
schielend auf- und niedergeh´
und ein schönes Mädchen sehe,
möcht´ ich lauter Auge sein.
Der Wunsch
Gotthold Ephraim Lessing
Wenn ich, Augenlust zu finden,
unter schattig kühlen Linden
schielend auf- und niedergeh´
und ein häßlich Mädchen sehe,
wünsch´ ich plötzlich, blind zu sein.
Wenn ich, Augenlust zu finden,
unter schattig kühlen Linden
schielend auf- und niedergeh´
und ein schönes Mädchen sehe,
möcht´ ich lauter Auge sein.
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12 Mai 2022 07:01 #40712
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13 Mai 2022 12:11 #40723
von Kaninchen
Der Werwolf
Christian Morgenstern
Der Werwolf eines nachts entwich
von Weib und Kind und sich begab
an eines Dorfschullehrers Grab
und bat ihn : Bitte, beuge mich !
Der Dorfschulmeister stieg hinauf
auf seines Blechschilds Messingknauf
und sprach zum Wolf, der seine Pfoten
geduldig kreuzte vor dem Toten:
"Der Werwolf" sprach der gute Mann,
"des Werfolfs" - Genitiv sodann,
"dem Werwolf", - Dativ wie man´s nennt,
"den Werwolf", - damit hat´s ein End.
Dem Werwolf schmeichelten die Fälle,
er rollte seine Augenbälle.
Indessen bat er, füge doch
zur Einzahl auch die Mehrzahl noch!
Der Dorfschulmeister aber mußte
gestehn, daß er von ihr nichts wußte.
Zwar Wölfe gäb´s in großer Schar,
doch "Wer" gäb´s nur im Singular.
Der Wolf erhob sich tränenblind -
er hatte ja doch Weib und Kind !!
Doch da er ja kein Gelehrter eben,
so schied er dankend und ergeben.
Der Werwolf
Christian Morgenstern
Der Werwolf eines nachts entwich
von Weib und Kind und sich begab
an eines Dorfschullehrers Grab
und bat ihn : Bitte, beuge mich !
Der Dorfschulmeister stieg hinauf
auf seines Blechschilds Messingknauf
und sprach zum Wolf, der seine Pfoten
geduldig kreuzte vor dem Toten:
"Der Werwolf" sprach der gute Mann,
"des Werfolfs" - Genitiv sodann,
"dem Werwolf", - Dativ wie man´s nennt,
"den Werwolf", - damit hat´s ein End.
Dem Werwolf schmeichelten die Fälle,
er rollte seine Augenbälle.
Indessen bat er, füge doch
zur Einzahl auch die Mehrzahl noch!
Der Dorfschulmeister aber mußte
gestehn, daß er von ihr nichts wußte.
Zwar Wölfe gäb´s in großer Schar,
doch "Wer" gäb´s nur im Singular.
Der Wolf erhob sich tränenblind -
er hatte ja doch Weib und Kind !!
Doch da er ja kein Gelehrter eben,
so schied er dankend und ergeben.
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14 Mai 2022 14:31 #40734
von Kaninchen
Im Kastanienbaum der Wind
Hermann Hesse
Im Kastanienbaum der Wind
reckt verschlafen sein Gefieder,
an den spitzen Dächern rinnt
Dämmerung und Mondschein nieder.
Alle Brunnen rauschen kühl
vor sich hin verworrne Sagen,
Zehnuhrglocken im Gestühl
rüsten feierlich zum Schlagen.
In den Gärten unbelauscht
schlummern mondbeglänzte Bäume,
durch die runden Kronen rauscht
tief das Atmen schöner Träume.
Zögernd leg ich aus der Hand
meine warmgespielte Geige,
staune weit ins blaue Land,
träume, sehne mich und schweige.
Im Kastanienbaum der Wind
Hermann Hesse
Im Kastanienbaum der Wind
reckt verschlafen sein Gefieder,
an den spitzen Dächern rinnt
Dämmerung und Mondschein nieder.
Alle Brunnen rauschen kühl
vor sich hin verworrne Sagen,
Zehnuhrglocken im Gestühl
rüsten feierlich zum Schlagen.
In den Gärten unbelauscht
schlummern mondbeglänzte Bäume,
durch die runden Kronen rauscht
tief das Atmen schöner Träume.
Zögernd leg ich aus der Hand
meine warmgespielte Geige,
staune weit ins blaue Land,
träume, sehne mich und schweige.
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