Gedichte

Mehr
27 Nov 2022 08:26 #42731 von Kaninchen
 

An dem Ende seiner Tage
steht der Kater Hiddigeigei
und er denkt mit leiser Klage,
wie sein Dasein bald vorbei sei.

Möchte gerne aus dem Schatze
reicher Weisheit Lehren geben,
dra in Zukunft manche Katze
Haltpunkt fänd´ im schwanken Leben.

Ach, der Lebenspfad ist holpernd,
- liegen dort so manche Steine,
dran wir Alte, schmählich stolpernd,
oftmals uns verrenkt die Beine.

Ach, das Leben bringt viel Hader
und schlägt viel unnütze Wunden,
mancher tapfre schwarze Kater
hat umsonst den Tod gefunden.

Doch wozu der alte Kummer,
und ich hör´ die Jungen lachen,
und sie treiben´s noch viel dummer,
Schaden erst wird klug sie machen.

Fruchtlos stets ist die Geschichte;
Mögen seh´n sie, wie sie´s treiben !
- Hiddigeigeis Lehrgedichte
werden ungesungen bleiben.

Joseph Victor von Scheffel
deutscher Dichter

Quelle : Scheffel, Der Trompeter von Säckingen, 1854
Lieder des Katers Hiddigeigei

Bitte Anmelden oder Registrieren um der Konversation beizutreten.

Mehr
28 Nov 2022 08:41 #42742 von Kaninchen
 

Fliegenmahlzeit

Die Familie Siebenbein
führt heut, welche Wonne,
alle hundert Kinderlein
in die Abfalltonne.

Mhm, wie riecht´s hier wunderbar
nach verfaulten Pflaumen.
Ach, solch grüne Wursthaut gar
kitzelt mir den Daumen.

Schimmelkäse, alt und zäh,
eine ganze Schüssel !
Kinder, wenn ich sowas seh,
wässert mir der Rüssel.

Immer schönmanierlich sein,
nicht so hastig schlecken !
Brumsebrim, es ist nicht fein,
sich was einzustecken.

Sissilinchen, Du vergißt :
Nicht mit allen sechsen !
Wenn man in Gesellschaft ist,
darf man nicht so klecksen.

Friedrich Hofmann
1813-1888
dt. Schriftsteller

Bitte Anmelden oder Registrieren um der Konversation beizutreten.

Mehr
29 Nov 2022 11:03 #42753 von Kaninchen
Friedrich Theodor Vischer

ANWENDBAR

Ein weich verpackter,
ein fein befrackter
nicht sehr intakter
Charakter.

Den Vers, den hab ich im Vorrat gemacht,
ganz ohne Objekt; Ich hab halt gedacht :
Ich mach ihn einmal, er wird schon passen,
man kann ihn brauchen in allen Gassen.

nach 1860


Eine Welt, wo soviel gelacht wird,
kann so schlecht nicht sein

Bitte Anmelden oder Registrieren um der Konversation beizutreten.

Mehr
29 Nov 2022 15:52 #42754 von Kaninchen
 

Grabschrift unseres Haushahns

An diesem Baume ruht
der Haushahn, treu und gut.
Er führt´ ins achte Jahr
der lieben Hennen Schar.
Als wackrer Ehemann
rührt´ er kein Krümchen an
was wir ihm vorgebrockt,
bis er die Fraun gelockt.
Nun strotzt er nicht mehr
im Hofe stolz umher,
und jagt aus seinem Ort
des Nachbarn Hühner fort.
Nun schützt er nicht vor Graun
in Sturm und Nacht die Fraun.
Nun wecket uns nicht früh
sein helles Kikeriki.
Vor Alter blind und taub
sank er zuletzt in Staub.
Sein Kamm, so schön und rot,
hing nieder, bleich vom Tod.
Hier gruben wir ihn ein,
wir Kinder, groß und klein,
und sagten wehmutsvoll :
Du guter Hahn, schlaf´ wohl !

Johann Heinrich Voß
dt. Versdichter
erster Übersetzer der "Odyssee" und der "Ilias"

Bitte Anmelden oder Registrieren um der Konversation beizutreten.

Mehr
30 Nov 2022 10:39 #42766 von Kaninchen
 

Pfannkuchen und Salat

Von Fruchtomletts da mag berichten
Ein Dichter aus den höhern Schichten.

Wir aber, ohne Neid nach oben,
Mit bürgerlicher Zunge loben
Uns Pfannekuchen und Salat.

Wie unsre Liese delikat
So etwas backt und zubereitet,
Sei hier in Worten angedeutet.

Drei Eier, frisch und ohne Fehl,
und Milch und einen Löffel Mehl,
die quirlt sie eifrig durcheinand
zu einem innigen Verband.

Sodann, wenn Tränen auch ein Übel,
zerstückelt sie und mengt die Zwiebel
mit Öl und Salz zu einer Brühe,
daß der Salat sie an sich ziehe.

Um diesen ferner herzustellen,
hat sie Kartoffeln abzupellen.
Da heißt es fix die Finger brauchen,
den Mund zu spitzen und zu hauchen,
denn heiß geschnitten nur allein,
kann der Salat geschmeidig sein.

Hierauf so geht es wieder heiter
mit unserm Pfannekuchen weiter.

Nachdem das Feuer leicht geschürt,
die Pfanne sorgsam auspoliert,
der Würfelspeck hineingeschüttelt,
sodaß es lustig brät und brittelt,
pisch, kommt darüber mit Gezisch
das ersterwähnte Kunstgemisch.

Nun zeigt besonders und apart
sich Lieschens Geistesgegenwart,
denn nur zu bald, wie allbekannt,
ist solch ein Kuchen angebrannt.

Sie prickelt ihn, sie stochert ihn.
Sie rüttelt, schüttelt, lockert ihn
und lüftet ihn, bis augenscheinlich
die Unterseite eben bräunlich,
die umgekehrt, geschickt und prompt,
jetzt ihrerseits nach oben kommt.

Geduld, es währt nur noch ein bissel,
dann liegt der Kuchen auf der Schüssel.

Doch späterhin die Einverleibung,
wie die zu Mund und Herzen spricht,
das spottet jeglicher Beschreibung,
und darum endet das Gedicht.

Wilhelm Busch

Bitte Anmelden oder Registrieren um der Konversation beizutreten.

Mehr
01 Dez 2022 16:35 #42777 von Kaninchen
 

Ohne Feindschaft

Meinem Hunde rief ich zu,
höre : gut sei und gescheit,
Kätzchen ist ein Tier wie Du,
also tue ihm kein Leid.

Und dem Kätzchen rief ich zu,
höre : Gut sei und gescheit,
Mäuschen ist ein Tier wie Du,
also tue ihm kein Leid.

Und so leben wir im Haus,
friedlich teilend manch Gericht,
ich, mein Hund und Katz´´ und Maus,
nur die Menschen lernen´s nicht !

Finden auch dem Fenster nahn,
speisen mit in Sang und Sing,
Nachbarn freilich, die es sahn,
nennen mich den Sonderling.

Emil Claar
österr. Schriftsteller

Bitte Anmelden oder Registrieren um der Konversation beizutreten.

Ladezeit der Seite: 0.117 Sekunden
Powered by Kunena Forum