Gedichte

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30 Okt 2022 11:18 #42460 von Kaninchen
 

Ist die Liebe so verstrickt,
oder ich so ungeschickt ?
Als ich es mit ihr begonnen,
und ihr Netz mich eingesponnen;
Wenn sie manchen Kuß mir lieh,
ob sie liebte ? wußt ich nie.
Und nachdem das Netz zerrissen´,
schein´ ich noch es nicht zu wissen,
wenn sie einen Blick mir gibt,
ob sie nicht noch jetzo liebt ?

Friedrich Rückert
dt. Dichter, Lyriker

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31 Okt 2022 12:20 #42470 von Kaninchen
 

Unruhige Nacht

Heut ward mir bis zum jungen Tag
der Schlummer abgebrochen,
im Herzen ging es Schlag auf Schlag
mit Hämmern und mit Pochen.

Als trieb´ sich eine Bubenschar
wild um in beiden Kammern;
Gewährt hat, bis es Morgen war,
das Klopfen und das Hammern.

Nun weist es sich bei Tagesschein,
was drin geschafft die Rangen :
Sie haben mir im Herzensschein
Dein Bildnis aufgehangen !

Conrad Ferdinand Meyer
schweiz. Novellist, Dichter und Epiker

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01 Nov 2022 08:29 #42480 von Kaninchen
 

Zu wenig und zu viel ist beides ein Verdruß;
So fehl ist überm Ziel wie unterm Ziel ein Schuß.

Zu wenig und zu viel ist gleich sehr unvollkommen;
Im Ernst ist und im Spiel das rechte Maß willkommen.

Friedrich Rückert
dt. Dichter
Übersetzer arabischer, hebräischer, indischer, persischer und chinesischer Dichtung

Quelle : Rückert, Gedichte, Die Weisheit des Brahmanen, 1836-1839

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02 Nov 2022 07:59 #42490 von Kaninchen
 

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03 Nov 2022 13:50 #42500 von Kaninchen
Mein kleinster Fehler ist der Neid. -
Aufrichtigkeit, Bescheidenheit,
Dienstfertigkeit und Frömmigkeit,
obschon es herrlich schöne Gaben,
die gönn´ ich allen, die sie haben.
Nur, wenn ich sehe, daß der Schlechte
das kriegt, was ich gern selber möchte;
Nur wenn ich leider in der Nähe
so viele böse Menschen sehe,
und wenn ich dann so oft bemerke,
wie sie durch sittenlose Werke
den lasterhaften Leib ergötzen,
das freilich tut mich tief verletzen.
Sonst, wie gesagt, bin ich hinieden,
Gottlobunddank so recht zufrieden.

Wilhelm Busch

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04 Nov 2022 16:05 #42511 von Kaninchen
 

Gärtner, laß die Blätter liegen,
die jetzt über die Erde rollen
und die müde von der Reise
sich zur Ruhe legen wollen.

Wie sie gelb und braun geworden -
und der Reif an ihrem Rande -
ruh´n sie, tote Sommervögel,
auf dem dunkelroten Sande.

Sieh, sie wollen deinem rauhen
Besen sich nur ungern fügen;
Du vermagst des Winter´s Nahen
doch nicht recht hinwegzulügen.

Heinrich Lersch
dt. Kesselschmied und Arbeiterdichter

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