Gedichte

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07 Jul 2022 07:47 #41285 von Kaninchen
 

Der Kirschbaum

Ein Gedicht von Roman Herberth

Der Kirschbaum ist jetzt nicht mehr ohne.
Er hat schon Blätter in der Krone.
Und zart ergrünen Zweig und Ast,
was herrlich in die Landschaft paßt.

Sein Blätterdach steht nicht im Regen.
Er prahlt mit seinem Blütensegen.
Die Bienen haben ihn entdeckt.
So wie ein andres Flugobjekt.

Die ganze Welt will ihn vernaschen.
Man füllt die Krüge und die Flaschen.
Man schwirrt zu ihm, es summt und brummt,
doch abends ist der Lärm verstummt.

Der Kirschbaum schaut nach seinen Pollen,
die ihm zuliebe fruchten sollen.
Bald werden seine Träume wahr,
das liegt an der Insektenschar.

Das Heimspiel ist noch nicht gewonnen.
Der Himmel wird nicht täglich sonnen.
Es droht noch Kälte, Schnee und Eis,
sogar im Mai, wie jeder weiß.
 

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08 Jul 2022 08:22 #41295 von Kaninchen
 

August Friedrich Ernst Langbein

Der Adler und die Schnecke

Adler : Wie find ich dich, du träges Tier,
auf diesem Eichenwipfel hier ?
Wie kamst Du her ? - So rede doch !

Je nun, ich kroch.

Sein hohes Ehrenamt gewann
nicht anders mancher Schneckenmann

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09 Jul 2022 18:54 #41306 von Kaninchen
 

... als eine Reihe von guten Tagen

von Joachim Ringelnatz

Wir wollen uns wieder mal zanken
auf etwas hacken wie Raben,
daß unsre zufriednen Gedanken
eine Abwechslung haben.

Wir wollen irgendein harmloses Wort
entstellen
dann uns verleumden und zum Tort
etwas tun ; das schlägt dann Wellen.

Wir wollen dritte aufhetzen
versuchen,
dann unsre Freundschaft verfluchen,
einmal sogar ein Messer wetzen,
dann aber uns - in Blickweite-
auseinander zusammensetzen,
um superior jedem weiteren Streite
auszuweichen;
Mit dem Schwur beiseite :
Uns nimmermehr zu vergleichen.

Dann wollen wir, jeder mit Ungeduld,
ein paar Nächte schlecht träumen,
dann heimlich eine gewisse Schuld
dem anderen einräumen,
dann lächeln, dann seufzen, dann stöhnen,
dann plötzlich uns gründlich bezechen,
dann von dem vergänglichen
wunderschönen Leben sprechen

und dann uns wieder einmal versöhnen.

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11 Jul 2022 15:50 - 11 Jul 2022 15:55 #41326 von Kaninchen
Das Lächeln der Mona Lisa

Kurt Tucholsky

Ich kann den Blick nicht von dir wenden.
Denn über deinem Mann vom Dienst
hängst Du mit sanft verschränken Händen
und grienst.

Du bist berühmt wie jener Turm von Pisa,
dein Lächeln gilt für Ironie.
Ja ... warum lacht die Mona Lisa ?
Lacht sie über uns, wegen uns, trotz uns, mit uns, gegen uns -
oder wie - ?

Du lehrst uns still, was zu geschehn hat.
Weil uns dein Bildnis, Lieschen, zeigt :
Wer viel von dieser Welt gesehn hat -
der lächelt, legt die Hände auf den Bauch und schweigt.

 
Letzte Änderung: 11 Jul 2022 15:55 von Kaninchen.

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11 Jul 2022 15:54 - 11 Jul 2022 15:59 #41327 von Kaninchen
 

Das Lächeln der Mona Lisa im Valentin-Karlstadt Musäum in München

 
Letzte Änderung: 11 Jul 2022 15:59 von Kaninchen.

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12 Jul 2022 09:36 #41337 von Kaninchen
 
Alexander Sergejewitsch Puschkin
russischer Nationaldichter,

Arion

Voll Menschen war der leichte Kahn.
Derweil die straff das Segel zogen,
zerteilten jene scharf die Wogen;
stumm lenkte durch die Wasserbahn
der Steuermann den schweren Nachen.
Wir trauten seiner sichern Hut,
und ich, in der Begeisterung Glut,
sang Hymnen ... plötzlich schwoll die Flut -
rings Sturmgebrüll und Donnerkrachen !...
Mit allen Schiffern sank das Boot.
Nur mich, den Sänger, mied der Tod :
Ans Ufer trugen mich die Fluten.
Nun sing´ ich Hymnen an dem Strand
und trockne mein durchnäßt Gewand
am Felsen in der Sonne Gluten.-

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