Gedichte

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12 Nov 2024 16:25 #50303 von Kaninchen
 

Die letzte Rose

Detlev von Liliencron

Die Fahne der Vergessenheit,
Sie mußte lange wehen:
Auf meinen Wegen traf ich die,
Die lang ich nicht gesehen.

Woher, wohin, wie ging es dir,
Du hast so schmale Wangen.
Wenn Zeit du hast, komm mit. Bald hat
Sie mir am Arm gehangen.

An einem Flusse schritten wir,
Und in den alten Garten
Sind wir getreten, wo wir einst
Sehnsüchtig auf uns harrten.

Wir sprachen viel, wir lachten auch,
Erzählten uns Geschichten.
Wie anders damals. Heute wars
Ein mühelos Verzichten.

Wir kehrten in die Stadt zurück,
Von neuem riß der Faden.
Doch eh wir schieden, blieb ich stehn
Vor einem Blumenladen.

Die schönste Rose wählt ich aus,
Für sie die letzte Spende,
Und küßte ihr zum letzten Mal
Dankbar die lieben Hände.

Zwei Straßenbahnen kreuzten sich,
Als wir das Haus verlassen.
Wir stiegen ein – in Nord und Süd
Verschlangen uns die Gassen.

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15 Nov 2024 13:05 #50335 von Kaninchen
 

Zum Fressen geboren, zum Kraulen bestellt;
in Schlummer verloren - gefällt mir die Welt.

Ich schnurr' auf dem Schoße, ich ruhe im Bett;
in lieblicher Pose - ob schlank oder fett.

So gelte ich allen als göttliches Tier -
sie stammeln und lallen und huldigen mir.

Liebkosen mir glücklich den Bauch, Öhrchen und Tat wählte es wieder -
das Leben der Katz.

Johann Wolfgang von Goethe

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17 Nov 2024 15:35 #50357 von Kaninchen
 

Gustav Falke

Späte Rosen

Jahrelang sehnten wir uns,
Einen Garten unser zu nennen,
Darin eine kühle Laube steht
Und rote Rosen brennen.

Nun steht das Gärtchen im ersten Grün,
Die Laube in dichten Reben,
Und die erste Rose will
Uns all ihre Schönheit geben.

Wie sind nun deine Wangen so blaß,
Und so müde deine Hände.
Wenn ich nun aus den Rosen dir
Ein rotes Kränzlein bände

Und setzte es auf dein schwarzes Haar,
Wie sollt ich es ertragen,
Wenn unter den leuchtenden Rosen hervor
Zwei stille Augen klagen.

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20 Nov 2024 11:20 - 21 Nov 2024 17:16 #50384 von Kaninchen
Rose weiß, Rose rot

Rose weiß, Rose rot,
wie süß ist doch dein Mund,

Rose rot, Rose weiß,
Dein denk ich alle Stund,
daß Dein Mund mir zugelacht
alle Stund bei Tag und Nacht,
dass dein Mund mir zugelacht,
dein roter Mund.

Ein Vogel sang im Lindenbaum,
ein süßes Lied er sang,
Rose weiß, Rose rot,
das Herz im Leib mir sprang,
sprang vor Freude hin und her,
als ob dein Lachen bei ihm wär,
so süß es klang.

Rose weiß, Rose rot,
was wird aus mir und dir?
Ich glaube gar, es fiel ein Schnee,
dein Herz ist nicht bei mir,
nicht bei mir, geht andern Gang,
falsches Lied der Vogel sang
von mir und dir.

Hermann Löns

 
Letzte Änderung: 21 Nov 2024 17:16 von Feschtbrueder. Grund: Korrekturen

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21 Nov 2024 16:22 #50403 von Kaninchen
 

Das Alter

Das Alter ist ein herrlich Ding,
und macht vor keinem halt.
Es bringt die grauen Haare, ring
und raubt die locken, bald.
Es zwingt den Starken in die Knie,
umarmt den Großen, wie den Kleinen.
Es nimmt den Reichen das Genie,
und gibt den Armen... Zeit zu weinen.

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22 Nov 2024 15:30 #50413 von Kaninchen
 

Ein Gedicht von Goethe

Wie, Wilder Schnee, kommst du geflogen,
Da alles starr und trüb gedeckt ist,
Die Äste krachen, die Sträuche biegen,
Und alles ächzet, beschwert und schmachtet.

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