Gedichte
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12 Apr 2019 07:27 - 12 Apr 2019 07:28 #22645
von Kaninchen
Ludwig Thoma
Auf Höhen
Und ich fragte meinen Lehrer,
Wo der liebe Herrgott wohnt.
»Ei, im blauen Himmel oben,
Wo er mit den Englein thront.«
Und die grauen Felsenberge
Ragen doch so hoch empor!
Sieht man von dem steilen Gipfel
In das offne Himmelstor?
Sieht man auch die Engelsscharen?
Hat der Himmel dort ein Loch?
»Ja, natürlich,« sprach der Lehrer,
»Warte, du begreifst es noch.«
Nein, ich hab' es nie begriffen,
Als ich dann nach manchem Jahr
Oft und oft und immer wieder
Auf den Bergesgipfeln war.
Hoch zu Häupten, fest verschlossen
Wölbte sich das Himmelszelt,
Und ich sah nur kleiner werden
Unter mir die Erdenwelt.
Ludwig Thoma
Auf Höhen
Und ich fragte meinen Lehrer,
Wo der liebe Herrgott wohnt.
»Ei, im blauen Himmel oben,
Wo er mit den Englein thront.«
Und die grauen Felsenberge
Ragen doch so hoch empor!
Sieht man von dem steilen Gipfel
In das offne Himmelstor?
Sieht man auch die Engelsscharen?
Hat der Himmel dort ein Loch?
»Ja, natürlich,« sprach der Lehrer,
»Warte, du begreifst es noch.«
Nein, ich hab' es nie begriffen,
Als ich dann nach manchem Jahr
Oft und oft und immer wieder
Auf den Bergesgipfeln war.
Hoch zu Häupten, fest verschlossen
Wölbte sich das Himmelszelt,
Und ich sah nur kleiner werden
Unter mir die Erdenwelt.
Letzte Änderung: 12 Apr 2019 07:28 von Kaninchen.
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13 Apr 2019 07:44 #22661
von Kaninchen
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14 Apr 2019 06:17 #22667
von Feschtbrueder
Humor ist, wenn man trotzdem lacht! Lachen ist die beste Medizin!
Der Seufzer
Ein Seufzer lief Schlittschuh auf nächtlichem Eis
und träumte von Liebe und Freude.
Es war an dem Stadtwall, und schneeweiss
glänzten die Stadtwallgebäude.
Der Seufzer dacht an ein Maidelein
und blieb erglühend stehen.
Da schmolz die Eisbahn unter ihm ein –
und er sank – und ward nimmer gesehen.
Christian Morgenstern
Ein Seufzer lief Schlittschuh auf nächtlichem Eis
und träumte von Liebe und Freude.
Es war an dem Stadtwall, und schneeweiss
glänzten die Stadtwallgebäude.
Der Seufzer dacht an ein Maidelein
und blieb erglühend stehen.
Da schmolz die Eisbahn unter ihm ein –
und er sank – und ward nimmer gesehen.
Christian Morgenstern
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14 Apr 2019 08:17 #22677
von Kaninchen
Abschiedsworte an Pellka
Jetzt schlägt deine schlimmste Stunde,
Du Ungleichrunde,
Du Ausgekochte, du Zeitgeschälte,
Du Vielgequälte,
Du Gipfel meines Entzückens.
Jetzt kommt der Moment des Zerdrückens
Mit der Gabel! – – Sei stark!
Ich will auch Butter und Salz und Quark
Oder Kümmel, auch Leberwurst in dich stampfen.
Mußt nicht so ängstlich dampfen.
Ich möchte dich doch noch einmal erfreun.
Soll ich Schnittlauch über dich streun?
Oder ist dir nach Hering zumut?
Du bist ein so rührend junges Blut. –
Deshalb schmeckst du besonders gut.
Wenn das auch egoistisch klingt,
So tröste dich damit, du wundervolle
Pellka, daß du eine Edelknolle
Warst, und daß dich ein Kenner verschlingt.
Joachim Ringelnatz
Jetzt schlägt deine schlimmste Stunde,
Du Ungleichrunde,
Du Ausgekochte, du Zeitgeschälte,
Du Vielgequälte,
Du Gipfel meines Entzückens.
Jetzt kommt der Moment des Zerdrückens
Mit der Gabel! – – Sei stark!
Ich will auch Butter und Salz und Quark
Oder Kümmel, auch Leberwurst in dich stampfen.
Mußt nicht so ängstlich dampfen.
Ich möchte dich doch noch einmal erfreun.
Soll ich Schnittlauch über dich streun?
Oder ist dir nach Hering zumut?
Du bist ein so rührend junges Blut. –
Deshalb schmeckst du besonders gut.
Wenn das auch egoistisch klingt,
So tröste dich damit, du wundervolle
Pellka, daß du eine Edelknolle
Warst, und daß dich ein Kenner verschlingt.
Joachim Ringelnatz
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15 Apr 2019 07:44 #22691
von Kaninchen
Der Kuckuck hat gerufen:
Nun lasst uns fröhlich sein!
Er kündet uns den Frühling
mit seinem Sonnenschein.
Kuckuck! Kuckuck! Kuckuck!
Der Kuckuck hat gerufen,
er ruft uns fort von Haus,
wir sollen jetzt spazieren
zum grünen Wald hinaus.
Kuckuck! Kuckuck! Kuckuck!
Der Kuckuck hat gerufen,
und wer's nicht hören mag,
für den ist grün geworden
kein Feld, kein Wald noch Hag.
Kuckuck! Kuckuck! Kuckuck!
August Heinrich Hoffmann von Fallersleben
Der Kuckuck hat gerufen:
Nun lasst uns fröhlich sein!
Er kündet uns den Frühling
mit seinem Sonnenschein.
Kuckuck! Kuckuck! Kuckuck!
Der Kuckuck hat gerufen,
er ruft uns fort von Haus,
wir sollen jetzt spazieren
zum grünen Wald hinaus.
Kuckuck! Kuckuck! Kuckuck!
Der Kuckuck hat gerufen,
und wer's nicht hören mag,
für den ist grün geworden
kein Feld, kein Wald noch Hag.
Kuckuck! Kuckuck! Kuckuck!
August Heinrich Hoffmann von Fallersleben
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16 Apr 2019 07:47 #22708
von Kaninchen
Der Koch und der Kater
Ein Koch, der ganz gebildet war,
lief einst aus seiner Küche in die Schenke.
Daß man dabei nur ja nichts Arges denke!
Es lag ein Pate auf der Totenbahr',
und es war Pflicht, den Leichenschmaus zu feiern.
Den Kater Waska ließ der Koch zu Haus,
dem Mäusevolk zu steuern.
Er kommt zurück, doch welch ein Graus,
der hier sich seinen Augen beut!
Von einer Fischpastete nur noch Reste
umhergestreut –
der Kater hinterm Essigfaß
knurrt, schnurrt und spinnt ohn Unterlaß
und letzet sich an einem Huhn aufs beste.
»Du Vielfraß du, du Schwerenöter«,
so fährt der Koch den Kater an,
»du Taugenichts, du Leisetreter,
was hast du hier getan?
Es muß die Scham dich ja erdrücken,
wie kannst du nun
dich vor den Menschen lassen blicken?«
Der Waska putzt an seinem Huhn.
»Du warst bis jetzt so ein honetter Kater,
man pries als Tugendmuster dich,
jetzt schlägst du um, und sicherlich
fragt einer bald den andern: »Sag, was tat er?«
»Ja«, heißt es, »Waska ist ein Schelm, ein Dieb,
der arg es trieb,
den darf man nicht mehr in die Küche lassen,
ja, es tut not, daß man vom Hof ihn scheucht
wie einen Wolf, der um den Schafstall schleicht.
Man muß fortan auf Schritt und Tritt ihm passen,
zur Plage ward, zur Pest er für den Ort.'«
Der Waska hört's und tafelt munter fort.
Der Koch ergeht sich noch mit Eloquenz
und findet des Sermons kein Ende,
er deklamiert, er hebt die Hände;
was war zuletzt die Konsequenz?
Derweil den Sünder er ermahnt, belehrt,
hat Waska seinen Braten aufgezehrt.
Gar manchem Koche würd' ich raten,
dies Motto sich zu schreiben an die Wand:
Es ist ein Unverstand,
zu schwatzen, wo zum Ziel nur führen Taten.
Iwan Andrejewitsch Krylow
Ein Koch, der ganz gebildet war,
lief einst aus seiner Küche in die Schenke.
Daß man dabei nur ja nichts Arges denke!
Es lag ein Pate auf der Totenbahr',
und es war Pflicht, den Leichenschmaus zu feiern.
Den Kater Waska ließ der Koch zu Haus,
dem Mäusevolk zu steuern.
Er kommt zurück, doch welch ein Graus,
der hier sich seinen Augen beut!
Von einer Fischpastete nur noch Reste
umhergestreut –
der Kater hinterm Essigfaß
knurrt, schnurrt und spinnt ohn Unterlaß
und letzet sich an einem Huhn aufs beste.
»Du Vielfraß du, du Schwerenöter«,
so fährt der Koch den Kater an,
»du Taugenichts, du Leisetreter,
was hast du hier getan?
Es muß die Scham dich ja erdrücken,
wie kannst du nun
dich vor den Menschen lassen blicken?«
Der Waska putzt an seinem Huhn.
»Du warst bis jetzt so ein honetter Kater,
man pries als Tugendmuster dich,
jetzt schlägst du um, und sicherlich
fragt einer bald den andern: »Sag, was tat er?«
»Ja«, heißt es, »Waska ist ein Schelm, ein Dieb,
der arg es trieb,
den darf man nicht mehr in die Küche lassen,
ja, es tut not, daß man vom Hof ihn scheucht
wie einen Wolf, der um den Schafstall schleicht.
Man muß fortan auf Schritt und Tritt ihm passen,
zur Plage ward, zur Pest er für den Ort.'«
Der Waska hört's und tafelt munter fort.
Der Koch ergeht sich noch mit Eloquenz
und findet des Sermons kein Ende,
er deklamiert, er hebt die Hände;
was war zuletzt die Konsequenz?
Derweil den Sünder er ermahnt, belehrt,
hat Waska seinen Braten aufgezehrt.
Gar manchem Koche würd' ich raten,
dies Motto sich zu schreiben an die Wand:
Es ist ein Unverstand,
zu schwatzen, wo zum Ziel nur führen Taten.
Iwan Andrejewitsch Krylow
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