Gedichte

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14 Mär 2019 07:37 #22181 von Kaninchen


Die Schnupftabaksdose

Es war eine Schnupftabaksdose,
Die hatte Friedrich der Große
Sich selbst geschnitzelt aus Nussbaumholz.
Und darauf war sie natürlich stolz.

Da kam ein Holzwurm gekrochen.
Der hatte Nussbaum gerochen.
Die Dose erzählte ihm lang und breit
Von Friedrich dem Großen und seiner Zeit.

Sie nannte den alten Fritz generös.
Da aber wurde der Holzwurm nervös
Und sagte, indem er zu bohren begann:
"Was geht mich Friedrich der Große an!"

Joachim Ringelnatz
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15 Mär 2019 07:43 #22192 von Kaninchen

bild von vinson tan auf pixaby

Aus der Mühle schaut der Müller,
Der so gerne mahlen will.
Stiller wird der Wind und stiller,
Und die Mühle stehet still.

So geht´s immer, wie ich finde,
Rief der Müller voller Zorn.
Hat man Korn, so fehlt´s am Winde,
Hat man Wind, so fehlt das Korn.

Wilhelm Busch
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16 Mär 2019 07:41 #22210 von Kaninchen


Ein Federchen flog durch das Land


Ein Federchen flog durch das Land;
Ein Nilpferd schlummerte im Sand.

Die Feder sprach: „Ich will es wecken!“
Sie liebte, andere zu necken.

Aufs Nilpferd setzte sich die Feder
Und streichelte sein dickes Leder.

Das Nilpferd sperrte auf den Rachen
Und musste ungeheuer lachen.

Joachim Ringelnatz



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17 Mär 2019 08:20 #22228 von Kaninchen
Fulda Ludwig
(1862-1939)

Die Erschaffung des Weibes


Nach einer indischen Legende

Brahma, Schöpfer alles Lebens,
Saß und sann im Weltenmai,
Sann und grübelte vergebens,
Wie das Weib zu schaffen sei.

Denn als er den Mann geschaffen,
Hatte seine Meisterhand
Alle festen, alle straffen
Elemente schon verwandt.-

Wie das neue Werk beginnen,
Da kein Stoff mehr übrig war?
Erst nach langem, tiefem Sinnen,
Ward's ihm endlich offenbar:

Und er nahm der Blume Sammet
Und den frommen Blick des Rehs
Und die Glut, die lodernd flammet,
Und den kalten Hauch des Schnees;

Nahm den schlanken Wuchs der Gerte
Und des Windes Flattersucht,
Und des Diamanten Härte
Und die Süßigkeit der Frucht;

Nahm den zarten Schmelz vom Laube
Und den Flaum vom Sperlingskleid,
Das Gegirr der Turteltaube
Und des Tigers Grausamkeit;

Und vom morgendlichen Rasen
Nahm er Tränenfluss des Taus,
Nahm die Furchtsamkeit des Hasen
Und die Eitelkeit des Pfaus;

Nahm vom Schilfe das Gezitter
Und des Vollmonds schwellend Rund
Und des Sonnenstrahles Flitter
Und des Hähers Plappermund;

Nahm der Kletterpflanze Schlingen,
Nahm der Schlange Wellenleib,
Und aus allen diesen Dingen
Schuf der Weltenherr das Weib.

Und dem Manne zum Genossen
gab er es mit güt'gem Sinn;
Doch, bevor ein Mond verflossen,
Trat der Mann vor Brahma hin,

Und er sprach: „O Herr, das Wesen,
Das du mir so gnadenvoll
Zur Gesellschaft hast erlesen,
Macht mich elend, macht mich toll.

Ach, es plappert Tag' und Nächte,
Raubt mir Schlaf und Zeit und Ruh‘,
Fordert viel, doch nie das Rechte,
Stört und quält mich immerzu.

Es vergiftet mir mein Leben,
Es zertrümmert mir mein Glück
Du , der mir das Weib gegeben,
Großer Brahma, nimm 's zurück!“

- Brahma tat nach seiner Bitte;
Doch nach einer Woche schon,
trat der Mann mit raschem Schritte
Wiederum vor seinen Thron.

„Herr", so sprach er scheu beklommen,
„Meines Jammers dich erbarm`.
Seit mir dies Geschöpf genommen,
Ward mein Leben leer und arm.

Ach, gedenken muss ich täglich,
Wie dies Wesen tanzt' und sang,
Wie's mich ansah, herzbeweglich,
Und mit weichem Arm umschlang,

Die geschmeidig sanften Glieder
Und das liebliche Gesicht.
Brahma, gib das Weib mir wieder,
Meines Lebens Lust und Licht!"

Brahma stillte sein Verlangen
Doch drei Tage kaum vergangen,
Kam der Mann mit bleichen Wangen
Abermals zurück und sprach:

"Sieh mich, Herr, voll bitt'rer Reue!
Ach, ich war ein blinder Tor;
Seit das Weib mir ward aufs neue ,
Bin ich ärmer als zuvor.

Niemals wieder mich betrügen
Wird ihr Lächeln und ihr Kuss
Winzig klein ist das Vergnügen,
Riesengroß ist der Verdruss.

Ach, mir blieb kein Hoffnungsschimmer;
Drum erhör' mich, großer Gott;
Nimm das Weib mir ab für immer !"
Brahma forsch: „Bin ich dein Spott?!

Scher' dich heim! Für deine Klagen
Bleibt mein Ohr fortan verschanzt;
Lern's so gut es geht, ertragen,
Was du nicht entbehren kannst."

Traurig schlich der Mann von hinnen,
Und im Wandern seufzt' er bang':
„Großer Brahma, nicht entrinnen
Werd' ich meinem Untergang.

Was du mir heraufbeschworen
Durch das Weib, verschmerz' ich nie;
Beide Mal bin ich verloren -
Mit ihr - oder ohne sie."



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18 Mär 2019 07:14 - 18 Mär 2019 07:16 #22249 von Kaninchen


Es erklingen alle Bäume

Es erklingen alle Bäume,
Und es singen alle Nester -
Wer ist der Kapellenmeister
In dem grünen Waldorchester?

Ist es dort der graue Kiebitz,
Der beständig nickt so wichtig?
Oder der Pedant, der dorten
Immer kuckuckt, zeitmaßrichtig?

Ist es jener Storch, der ernsthaft,
Und als ob er dirigieret',
Mit dem langen Streckbein klappert,
Während alles musizieret?

Nein, in meinem eignen Herzen
Sitzt des Walds Kapellenmeister,
Und ich fühl, wie er den Takt schlägt,
Und ich glaube, Amor heißt er.

Heinrich Heine
Letzte Änderung: 18 Mär 2019 07:16 von Kaninchen.

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19 Mär 2019 08:14 #22266 von Kaninchen


Das Kätzchen

Ein unerfahrenes Kätzchen sah
Zum ersten Mal den Mond in vollem Lichte prangen
Und sprach entzückt zum Großpapa:
"Sieh an der Decke dort den schönen Käse hängen.
Oh, hätten wir ihn doch!" – "Ei, lerne, blöder Fant",
Versetzt der Großpapa, "fürs erste Mäuse fangen,
Die sind uns näher bei der Hand."

Gottlieb Konrad Pfeffel

1736 - 1809
deutscher Fabeldichter und Erzähler



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