Gedichte

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07 Sep 2019 08:17 #24453 von Kaninchen


Eine Vogelweise

Wir wandelten im Lenz einst
Im Park für uns so fort;
Lockend wie ein Geheimnis
War der verbotene Ort.

Die lauen Weste fächelten,
Der Himmel war so blau;
Hoch in der Linde saß und sang
Des Sperlings junge Frau.

Ich malte Dichterbilder,
Wie Regenbogen bunt;
Zwei braune Augen hingen
Leuchtend an meinem Mund.

Mit Wispern und mit Lachen
Flog's ob uns hin und her; –
Doch wir, wir sagten: Schatz, fahr' wohl!
Und sahn uns nimmermehr. –

Und wandr' ich jetzo einsam
Den Lindengang im Park,
So macht's das kleine Federvolk
Mir manchmal schier zu arg.

Frau Sperling hat behorcht uns,
Dieweil wir blind geschwätzt,
Und hat auf uns ein Lied gemacht
Und in Musik gesetzt.

Und alle singen's nach nun;
Es ist kein Zweig im Hag,
Da nicht ein Nasweis trällerte
Von jenem lichten Tag.

Henrik Ibsen



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08 Sep 2019 10:00 #24477 von Kaninchen


Ode auf das Schwein von Aloys Blumauer

Heil dir, geborstetes
Ewig geworstetes,
Dutzend geborenes
Niemals geschorenes,
Liebliches Schwein.
Dichter begeisterst du,
Eicheln bemeisterst du,
Alles verzehrest du,
Christen ernährest du,
Gütiges Schwein.
Heil dir drum,
ewiges, Immerfort schäbiges,
Niemals gereinigtes,
Vielfach gebeinigtes,
Liebliches Schwein.

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09 Sep 2019 08:43 #24489 von Kaninchen
An meinen Lehrer



von Joachim Ringelnatz


Ich war nicht einer deiner guten Jungen.
An meinem Jugendtrotz ist mancher Rat
Und manches wohlgedachte Wort zersprungen.
Nun sieht der Mann, was einst der Knabe tat.
Doch hast du, alter Meister, nicht vergebens
An meinem Bau geformt und dich gemüht.
Du hast die besten Werte meines Lebens
Mit heißen Worten mir ins Herz geglüht.
Verzeih, wenn ich das Alte nicht bereue.
Ich will mich heut wie einst vor dir nicht bücken.
Doch möcht ich dir für deine Lehrertreue
Nur einmal dankbar, stumm die Hände drücken.

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10 Sep 2019 07:21 #24509 von Kaninchen


Morgenlied

Die Sterne sind erblichen
mit ihrem güldnen Schein;
bald ist die Nacht entwichen,
der Morgen dringt herein.

Noch waltet tiefes Schweigen
im Tal und überall;
auf frisch betauten Zweigen
singt nur die Nachtigall.

Sie singet Lob und Ehre
dem hohen Herrn der Welt,
der überm Land der Meere
die Hand des Segens hält.

Es hat die Nacht vertrieben;
ihr Kindlein fürchtet nichts!
Stets kommt zu seinem Leben
der Vater allen Lichts.

Hoffmann von Fallersleben

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10 Sep 2019 21:24 #24515 von Feschtbrueder
Abschiedslied der Zugvögel

Wie war so schön doch Wald und Feld!
Wie ist so traurig jetzt die Welt!
Hin ist die schöne Sommerzeit,
und nach der Freude kam das Leid.

Wir wussten nichts von Ungemach,
wir saßen unterm Laubesdach
vergnügt und froh beim Sonnenschein
und sangen in die Welt hinein.

Wir armen Vöglein trauern sehr;
Wir haben keine Heimat mehr.
Wir müssen jetzt von hinnen fliehn
Und in die weite Fremde ziehn.

Hoffmann von Fallersleben

:-) Humor ist, wenn man trotzdem lacht! Lachen ist die beste Medizin!

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11 Sep 2019 07:59 #24526 von Kaninchen


Der kleine Bernhard

von Johanna Ambrosius

Saß an einem Frühlingsmorgen
Müßig auf des Hauses Schwelle,
Schaute trunk’nen Blicks zum Himmel
In die gold’ne Sonnenhelle.

Kommt ein Weib zu mir geschlürfet,
Hass und Sorge in den Zügen,
Ihre hagern braunen Arme
Leise einen Knaben wiegen.

„Ei, woher der kleine Junge?
„Alte, lass ihn mich doch sehen,
„Hat schon solche klugen Augen
„Und kann noch nicht selber gehen?“

„Ist das Kind von meiner Lene,
„Welche diente bei dem Grafen,
„Ging, nachdem er sie verstoßen,
„Unterm Rasen stille schlafen.

„Hat nicht Vater nun noch Mutter,
„Hungern müssen wir zwei beide,
„Solche Zutat in dem Alter
„Ist ein Meer von Gram und Leide.

„Geb‘ den Buben preis dem Winde,
„Schütze ihn vor Kälte nimmer,
„Dass er endlich sterben möchte –
„Aber leben bleibt er immer.“

Und sie nimmt das arme Würmchen,
Schüttelts wie ein Flickenbündel,
Noch aufjauchzt die kleine Unschuld,
Reicht zum Kusse ihr sein Mündel.

Hebt die Ärmchen in die Höhe,
Zeigt, wie groß er wachsen werde;
Heftig zuckt’s im Aug‘ der Alten
Und ein Tränlein fällt zur Erde.

Nimmt die Last dann weiterschleppend
Seufzend auf den alten Rücken,
Und ich sah aus Hass und Elend
Doch die Göttin Liebe blicken.


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