Gedichte

Mehr
11 Sep 2020 07:48 - 11 Sep 2020 07:54 #31020 von Kaninchen
Wozu dienet das Studieren
als zu lauter Ungemach ?
Unterdessen läuft der Bach
unseres Lebens, das wir führen,
ehe wir es inne werden,
auf sein letztes Ende hin,
dann kommt ohne Geist und Sinn
dieses alles in die Erden.

Martin Opitz
1597 - 1639

Letzte Änderung: 11 Sep 2020 07:54 von Kaninchen.

Bitte Anmelden oder Registrieren um der Konversation beizutreten.

Mehr
12 Sep 2020 07:51 #31040 von Kaninchen
Busch, Wilhelm

Die Schnecken



Rötlich dämmert es im Westen,
Und der laute Tag verklingt,
Nur daß auf den höchsten Ästen
Lieblich noch die Drossel singt.

Jetzt in dichtbelaubten Hecken,
Wo es still verborgen blieb,
Rüstet sich das Volk der Schnecken
Für den nächtlichen Betrieb.

Tastend streckt sich ihr Gehörne.
Schwach nur ist das Augenlicht.
Dennoch schon aus weiter Ferne
Wittern sie ihr Leibgericht.

Schleimig, säumig, aber stete,
Immer auf dem nächsten Pfad,
Finden sie die Gartenbeete
Mit dem schönsten Kopfsalat.

Hier vereint zu ernsten Dingen,
Bis zum Morgensonnenschein,
Nagen sie geheim und dringen
Tief ins grüne Herz hinein.

Darum braucht die Köchin Jettchen
Dieses Kraut nie ohne Arg.
Sorgsam prüft sie jedes Blättchen,
Ob sich nichts darin verbarg.

Sie hat Furcht, den Zorn zu wecken
Ihres lieben gnädgen Herrn.
Kopfsalat, vermischt mit Schnecken,
Mag der alte Kerl nicht gern.

Bitte Anmelden oder Registrieren um der Konversation beizutreten.

Mehr
13 Sep 2020 07:53 - 13 Sep 2020 07:54 #31059 von Kaninchen
Das Kind mit dem Gravensteiner

Ein kleines Mädchen von sechs, sieben Jahren,
Mit Kornblumenaugen und strohgelben Haaren,
Kommt mit einem Apfel gesprungen,
Hat ihn wie einen Ball geschwungen,
Von einer Hand ihn in die andre geflitzt,
Dass er blendend im grellen Sonnenlicht blitzt.

Sie sieht im Hofe hoch aufgetürmt
Einen Holzstoß, und ist gleich hingestürmt.
Und wie ein Kätzchen, katzenleicht,
Hat sie schnell die Spitze erreicht,
Und hockt nun dort, und will mit Begehren
Den glänzenden, goldgelben Apfel verzehren.

Da, holterdipolter! pardauz! pardau!
Bricht zusammen der künstliche Bau.
Wie bei Bergrutsch und Felsenbeben
Haben Bretter und Scheite nachgegeben;
Wie alle Neun im Kegelspiel,
So alles übereinander fiel.

Die Leute im Hofe haben's gehört
Und laufen hin entsetzt und verstört;
Die Mutter liegt ohnmächtig, Gott erbarm,
Einem raschen Nachbarn im hilfreichen Arm.
Nun geht's ans Räumen der Trümmer von oben,
Vorsichtig wird Stück für Stück gehoben,

Vorsichtig geht's weiter in dumpfem Schweigen,
Der Atem stockt: Was wird sich zeigen?
Da - sitzt in einer gewölbten Halle
Das lächelnde Kind wie die Maus in der Falle,
Hat schon vergessen den Purzelschrecken,
Und beißt in den Apfel und lässt sich's schmecken.

Detlev von Liliencron

Letzte Änderung: 13 Sep 2020 07:54 von Kaninchen.

Bitte Anmelden oder Registrieren um der Konversation beizutreten.

Mehr
14 Sep 2020 17:06 - 14 Sep 2020 17:10 #31077 von Kaninchen


Unvergessbare Sommersüße

Rote Dächer.
Aus den Schornsteinen,
hier und da,
Rauch;
oben, hoch, in sonniger Luft,
ab und zu,
Tauben.
Es ist Nachmittag.

Aus Mohdrickers Garten her
gackert
eine Henne.
Bruthitze brastet.
Die ganze Stadt riecht nach Kaffee.

Dass mir doch dies alles noch so lebendig geblieben ist!

Ich bin ein kleiner achtjähriger Junge,
liege, das Kinn in beide Fäuste,
platt auf dem Bauch
und kucke durch die Bodenluke.

Unter mir, steil, der Hof
hinter mir, weggeworfen,
ein Buch.
Franz Hoffmann. „Die Sklavenjäger.“

Wie still das ist!

Nur drüben,
in Knorrs Regenrinne,
zwei Spatzen, die sich um einen Strohhalm zanken,
irgendwo ein Mann, der sägt,
und, dazwischen,
deutlich von der Kirche her,
in kurzen Pausen regelmäßig hämmernd,
der Kupferschmied Thiel.

Wenn ich unten runter sehe,
sehe ich gerade auf Mutters Blumenbrett.

Ein Topf Goldlack,
zwei Töpfe Levkojen, eine Geranie, Fuchsien
und mittendrin,
zierlich, in einem Zigarrenkistchen,
ein Hümpelchen Reseda.

Wie das riecht!
Bis zu mir rauf!

Und die Farben!
Die Farben!

Jetzt!

Wie der Wind drüber weht!
Die wunder-,
wunder-, wunder-
schönen Farben!

Nie blinkten mir schönere!

Ein halbes Leben,
ein ganzes Menschenalter
verrann!

Ich schließe die Augen.

Ich sehe sie
noch immer !

Arno Holz
Letzte Änderung: 14 Sep 2020 17:10 von Kaninchen.

Bitte Anmelden oder Registrieren um der Konversation beizutreten.

Mehr
15 Sep 2020 15:24 #31097 von Kaninchen
Es wird mit Recht ein guter Braten
Gerechnet zu den guten Taten;
Und daß man ihn gehörig mache,
Ist weibliche Charaktersache.

Ein braves Mädchen braucht dazu
Mal, erstens, reine Seelenruh,
Daß bei Verwendung der Gewürze
Sie sich nicht hastig überstürze.

Dann, zweitens, braucht sie Sinnigkeit,
Ja, sozusagen Innigkeit,
Damit sie alles appetitlich,
Bald so, bald so und recht gemütlich
Begießen, drehn und wenden könne,
Daß an der Sache nichts verbrenne.

In summa braucht sie Herzensgüte,
Ein sanftes Sorgen im Gemüte,
Fast etwas Liebe insofern.
Für all die hübschen, edlen Herrn,
Die diesen Braten essen sollen
Und immer gern was Gutes wollen.

Ich weiß, daß hier ein jeder spricht:
»Ein böses Mädchen kann es nicht.«
Drum hab' ich mir auch stets gedacht
Zu Haus und anderwärts:
Wer einen guten Braten macht,
Hat auch ein gutes Herz.

Wilhelm Busch

Bitte Anmelden oder Registrieren um der Konversation beizutreten.

Mehr
17 Sep 2020 17:40 #31137 von Kaninchen
Trostlos rieselndes Tropfen
Draußen die Düne.

Einsam das Haus, eintönig,
ans Fenster,
der Regen.

Hinter mir,
ticktack,
eine Uhr,
meine Stirn
gegen die Scheibe.

Nichts.

Alles vorbei.

Grau der Himmel,
grau die See
und grau
das Herz.

Arno Holz

Bitte Anmelden oder Registrieren um der Konversation beizutreten.

Ladezeit der Seite: 0.135 Sekunden
Powered by Kunena Forum