Gedichte

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03 Mär 2021 07:31 #34393 von Kaninchen
Bist du die goldne Ähre nicht, die schwer von Korn sich wiegt,
So sei die blaue Blum' im Feld, die frisch das Aug' vergnügt.

 

Kannst du als stolzer Pfeiler nicht im hohen Münster ragen,
So sei der kleinen Steinchen eins, die mit die Wölbung tragen.

Kannst du in Psalmen wunderbar nicht deinen Schöpfer preisen,
So singe, wie ein Vöglein singt, sein Lob in schlichten Weisen,

Und schreibt die Welt den Namen dein einst nicht in Stein und Erz,begnüge dich, wenn dein gedenkt ein warmes Menschenherz.

Ottilie Wildermuth (1817 - 1877), deutsche Schriftstellerin
 

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04 Mär 2021 07:37 #34414 von Kaninchen
Zwölf Freier

Zwölf Freier möcht' ich haben, dann hätt' ich genug,
Wenn alle schön wären und alle nicht klug.
Einen, um vor mir herzulaufen,
Einen, um hinter mir drein zu schnaufen;
Einen, um mir Spaß zu machen,
Und einen, um darüber zu lachen;
Einen traurigen, den wollt' ich schon fröhlich herzen,
Einen lustigen, ich wollt' ihm vertreiben das Scherzen.
Einem, dem reicht' ich die rechte Hand,
Einem, dem gäb' ich die linke zum Pfand;
Einem, dem schenkt' ich ein freundlich Nicken,
Einem, dem gäb' ich ein holdes Blicken;
Noch einem, dem gäb' ich vielleicht einen Kuß,
Und dem letzten mich selber aus Überdruß.

Friedrich Rückert (1788 - 1866), alias Freimund Raimar, deutscher Dichter, Lyriker und Übersetzer arabischer, hebräischer, indischer und chinesischer Dichtung

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05 Mär 2021 07:10 #34433 von Kaninchen
Warum denn ?

Warum ist's denn mit großen Herrn
Nicht räthlich, Kirschen essen?
Weil sie vielleicht vergessen,
Daß uns von Gott, dem größten Herrn,
Die Früchte gleich gemessen?

Trüg' einer Orden, Band und Stern,
Wollt' mit mir Kirschen essen,
Stracks wär' ich so vermessen !
"Wie Du eß' ich die Kirschen gern,
Laß uns zusammen essen."

Und ließe er mir nur den Kern,
Wollt's Fleisch alleine essen,
Schlüg' ich ihm in die Fressen !
Drum sagt, warum's mit großen Herrn
Nicht räthlich, Kirschen essen ?

Adolf Glaßbrenner
(1810 - 1876), deutscher Journalist und volkstümlicher Schriftsteller

 
 

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06 Mär 2021 07:19 #34448 von Kaninchen
Emanuel Geibel

Hoffnung

 


Und dräut der Winter noch so sehr
Mit trotzigen Gebärden,
Und streut er Eis und Schnee umher,
Es muß d o c h Frühling werden.

Und drängen die Nebel noch so dicht
Sich vor den Blick der Sonne,
Sie wecket doch mit ihrem Licht
Einmal die Welt zur Wonne.

Blast nur ihr Stürme, blast mit Macht,
Mir soll darob nicht bangen,
Auf leisen Sohlen über Nacht
Kommt doch der Lenz gegangen.

Da wacht die Erde grünend auf,
Weiß nicht, wie ihr geschehen,
Und lacht in den sonnigen Himmel hinauf,
Und möchte vor Lust vergehen.

Sie flicht sich blühende Kränze ins Haar
Und schmückt sich mit Rosen und Ähren,
Und läßt die Brünnlein rieseln klar,
Als wären es Freudenzähren.

Drum still! Und wie es frieren mag,
O Herz, gib dich zufrieden;
Es ist ein großer Maientag
Der ganzen Welt beschieden.

Und wenn dir oft auch bangt und graut,
Als sei die Höll' auf Erden,
Nur unverzagt auf Gott vertraut!
Es muß d o c h Frühling werden..

 
 

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07 Mär 2021 07:42 #34464 von Kaninchen
 

Die stille Wasserrose

Die stille Wasserrose
Steigt aus dem blauen See,
Die feuchten Blätter zittern,
Der Kelch ist weiß wie Schnee.

Da gießt der Mond vom Himmel
All seinen goldnen Schein,
Gießt alle seine Strahlen
In ihren Schooß hinein.

Im Wasser um die Blume
Kreiset ein weißer Schwan;
Er singt so süß, so leise,
Und schaut die Blume an.

Er singt so süß, so leise,
Und will im Singen vergehn -
O Blume, weiße Blume,
Kannst du das Lied verstehn?

Emanuel Geibel

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08 Mär 2021 07:27 #34489 von Kaninchen
Mangelhafte Schöpfung

Zwei Augen, Dich zu sehen,
Zwei Ohren, Dich zu hören,
Zwei Arme, Dich zu fassen,
Und, ach, um Dich zu küssen,
Nur einen Mund, o Holde !
Das will mir gar nicht passen !

 


Adolf Glaßbrenner
1810 - 1876
volkstümlicher Schriftsteller

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