Gedichte

Mehr
27 Mär 2021 12:26 #34825 von Kaninchen
Eifersüchtig schwillt der Mond,
Sieht er unserem Kusse zu,
Kommt nach einem Monat erst
Wieder in die alte Ruh'.

 

Georg Friedrich Daumer
1800 - 1875
deutscher Schriftsteller und Religionsphilosoph, zeitweise Erzieher Kaspar Hausers; heftiger Gegner des Christentums, zu dem er aber wieder zurückkehrte, schrieb Gedichte und übertrug formsicher orientalische Lyrik

Bitte Anmelden oder Registrieren um der Konversation beizutreten.

Mehr
28 Mär 2021 09:01 #34839 von Kaninchen
Die blauen Frühlingsaugen
Schaun aus dem Gras hervor;
Das sind die lieben Veilchen,
Die ich zum Strauß erkor.

 

Ich pflücke sie und denke,
Und die Gedanken all,
Die mir im Herzen seufzen,
Singt laut die Nachtigall.

Ja, was ich denke, singt sie
Lautschmetternd, daß es schallt;
Mein zärtliches Geheimnis
Weiß schon der ganze Wald.

Heinrich Heine

Bitte Anmelden oder Registrieren um der Konversation beizutreten.

Mehr
29 Mär 2021 07:33 #34858 von Kaninchen
Ach hätte die Rose Flügel !

Ach hätte die Rose Flügel,
sie flöge hinüber zu dir,
und brächte dir tausend Grüsse,
und du wüsstest, sie kämen von mir.

O könnte die Rose singen,
ich sendete sie an dich
und sie sänge dir dieses Liedchen,
und du dächtest dabei an mich.

Sie kann nicht fliegen, nicht singen !
Ich bin die Sehnsucht so müd,
drum fliege ich selber und bringe
dir Gruß und Rose und Lied.

Rhingulf Eduard Wegener

 





 

Bitte Anmelden oder Registrieren um der Konversation beizutreten.

Mehr
30 Mär 2021 07:45 #34873 von Kaninchen
 

Der Einsame

Wer einsam ist, der hat es gut,
Weil keiner da, der ihm was tut.
Ihn stört in seinem Lustrevier
Kein Tier, kein Mensch und kein Klavier,
Und niemand gibt ihm weise Lehren,
Die gut gemeint und bös zu hören.
Der Welt entronnen, geht er still
In Filzpantoffeln, wann er will.
Sogar im Schlafrock wandelt er
Bequem den ganzen Tag umher.
Er kennt kein weibliches Verbot,
Drum raucht und dampft er wie ein Schlot.
Geschützt vor fremden Späherblicken,
Kann er sich selbst die Hose flicken.
Liebt er Musik, so darf er flöten,
Um angenehm die Zeit zu töten,
Und laut und kräftig darf er prusten,
Und ohne Rücksicht darf er husten,
Und allgemach vergißt man seiner.
Nur allerhöchstens fragt mal einer:
Was, lebt er noch? Ei, Schwerenot,
Ich dachte längst, er wäre tot.
Kurz, abgesehn vom Steuerzahlen,
Läßt sich das Glück nicht schöner malen.
Worauf denn auch der Satz beruht:
Wer einsam ist, der hat es gut.

Wilhelm Busch

Bitte Anmelden oder Registrieren um der Konversation beizutreten.

Mehr
31 Mär 2021 07:36 #34882 von Kaninchen
Gesellenlied

Kein Meister fällt vom Himmel ! 
Und das ist auch ein großes Glück !
Der Meister sind schon viel zuviel;
Wenn noch ein Schock vom Himmel fiel',
Wie würden uns Gesellen
Die vielen Meister prellen
Trotz unserm Meisterstück !

 Kein Meister fällt vom Himmel ! 
Gottlob, auch keine Meisterin!
Ach, lieber Himmel, sei so gut,
Wenn droben eine brummen tut,
Behalte sie in Gnaden,
Daß sie zu unserm Schaden
Nicht fall' zur Erden hin !

Kein Meister fällt vom Himmel! 
Auch keines Meisters Töchterlein !
Zwar hab' ich das schon lang' gewußt,
Und doch, was wär' das eine Lust,
Wenn jung und hübsch und munter
Solch Mädel fiel' herunter
Und wollt' mein Herzlieb sein !

 Kein Meister fällt vom Himmel !
Das ist mein Trost auf dieser Welt;
Drum mach' ich, daß ich Meister werd',
Und wird mir dann ein Weib beschert,
Dann soll aus dieser Erden
Mir schon ein Himmel werden,
Aus dem kein Meister fällt.

Robert Reinick (1805 - 1852), deutscher spätromantischer-biedermeierlicher Maler und Dichter

 

Bitte Anmelden oder Registrieren um der Konversation beizutreten.

Mehr
01 Apr 2021 07:26 #34902 von Kaninchen
Die Alten

Wenn man jung ist und modern,
möchte man natürlich gern
alles neu und umgestalten,
doch, wer meckert dann? Die Alten !

Will dynamische Ideen
endlich man verwirklicht sehen,
zieh'n sich sorgenvolle Falten;
ja, so sind sie, unsere Alten !

Krieg und Elend, Hungersnot;
manchen Freundes frühen Tod;
doch sie haben durchgehalten,
ja, das haben sie, die Alten !

Was sie unter Müh' und Plagen
neu erbaut in ihren Tagen,
wollen sie jetzt gern erhalten:
Habt Verständnis für die Alten !

Bändigt Eure jungen Triebe,
zeigt den Alten Eure Liebe,
laßt Euch Zeit mit dem Entfalten,
kümmert Euch um Eure Alten!

Wozu jagen, warum hetzen ?
Nach den ewigen Gesetzen
ist die Zeit nicht aufzuhalten.
Plötzlich seid Ihr dann die Alten !

Und in Euren alten Tagen
hört Ihr Eure Kinder klagen;
ach, es ist nicht auszuhalten,
immer meckern diese Alten!

Ja, des Lebens Karussell
dreht sich leider viel zu schnell;
drum sollten sie zusammenhalten,
all die Jungen und die Alten !

Theodor Storm
 

 

Bitte Anmelden oder Registrieren um der Konversation beizutreten.

Ladezeit der Seite: 0.200 Sekunden
Powered by Kunena Forum