Gedichte

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21 Mär 2021 08:17 #34723 von Kaninchen
Der Veilchenpflücker

 


Sie sprach: "Ich möcht 'nen Veilchenstrauss,
Gepflückt von deiner Hand !"
Da ritt ich flugs in's Feld hinaus,
Bis dass ich Veilchen fand.
Mein Rösslein band ich an den Baum
Und bückte mich in's Gras,
Doch wie ich dort im Liebestraum

Recht emsig pflückend sass -
Da riß mein Pferd sich plötzlich los
Und nahm mit Hast Reissaus.
Ich fügte still mich in mein Los
Und sprach: 's gilt ihrem Strauss!
Der Lohn ist süss, der meiner harrt,
Sie küsst die Veilchen gar,
Dann droht sie mir nach Schelmenart
Und reicht den Mund mir dar.

Dem Rosse folgt' ich lange Zeit,
Und rief und lockte sehr.
Durch Wald und Wiesen lief ich weit,
Doch sah ich's nimmermehr.
Und finster ward's, ich kam nach Haus
Nach manchem Sprung und Sturz -
Was sagte sie zu meinem Strauss ?
"Die Stiele sind zu kurz !"

- Anna Löhn-Siegel,
1830-1912,
deutsche Schriftstellerin -
 

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22 Mär 2021 07:18 #34738 von Kaninchen
Mädchen mit den schönen Wangen !
Mädchen, kämst du jetzt gegangen,
jetzt in dieses grüne Tal!
Welch ein Jubel ! O, wie flögen
meine Küsse die entgegen,
meine Küsse sonder Zahl,
wie die kleinen, raschen Bienen,
wenn der Himmel sich erhellt,
und ein ganzer Schwarm von ihnen
auf ein Blütenbäumchen fällt !

Johann Georg Jacobi
1740 - 1814
deutscher anakreontischer Lyriker

 

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23 Mär 2021 07:20 #34757 von Kaninchen
Im Park

 

 Ein ganz kleines Reh stand am ganz kleinen Baum
Still und verklärt wie im Traum.
Das war des Nachts elf Uhr zwei.
Und dann kam ich um vier
Morgens wieder vorbei,
Und da träumte noch immer das Tier.
Nun schlich ich mich leise – ich atmete kaum –
Gegen den Wind an den Baum,
Und gab dem Reh einen ganz kleinen Stips.
Und da war es aus Gips.

Joachim Ringelnatz
1883 - 1934
deutscher Lyriker, Erzähler und Maler


Quelle: Ringelnatz, J., Gedichte. Reisebriefe eines Artisten, 1927

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24 Mär 2021 07:24 #34771 von Kaninchen
 

Frau Grete hatt' ein braves Huhn,
Das wußte seine Pflicht zu tun.
Es kratzte hinten, pickte vorn,
Fand hier ein Würmchen, da ein Korn,
Erhaschte Käfer, schnappte Fliegen
Und eilte dann mit viel Vergnügen
Zum stillen Nest, um hier geduldig
Das zu entrichten, was es schuldig.
Fast täglich tönte sein Geschrei:
»Viktoria, ein Ei, ein Ei!«
Frau Grete denkt: Oh, welch ein Segen,
Doch könnt' es wohl noch besser legen.
Drum reicht sie ihm, es zu verlocken,
Oft extra noch die schönsten Brocken.
Dem Hühnchen war das angenehm.
Es putzt sich, macht es sich bequem,
Wird wohlbeleibt, ist nicht mehr rührig,
Und sein Geschäft erscheint ihm schwierig.
Kaum daß ihm noch mit Drang und Zwang
Mal hie und da ein Ei gelang.
Dies hat Frau Greten schwer bedrückt,
Besonders, wenn sie weiterblickt;
Denn wo kein Ei, da ist's vorbei
Mit Rührei und mit Kandisei.
Ein fettes Huhn legt wenig Eier.
Ganz ähnlich geht's dem Dichter Meier,
Der auch nicht viel mehr dichten kann,
Seit er das Große Los gewann.

Wilhelm Busch 

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25 Mär 2021 07:21 #34789 von Kaninchen
Naturbeschreibung

Manches Antlitz ist ja sauber,
Manches Kind so übel nicht,
Doch es fehlt der süße Zauber,
Der sogleich zum Herzen spricht.

Auf mein Mädchen paßt das nicht !
Ihr Gesichtchen das ist sauber,
Ihr Gesichtchen hat den Zauber,
Welcher Leib und Seel' umflicht.

Manches Kind mit rothem Munde
Spricht gar klüglich hübsch und fein;
Kommt nur nicht vom Herzensgrunde,
Dringt auch nicht zum Herzen ein.

Auf mein Mädchen paßt das nicht !
Jeder Laut der süßen Kehle
Ist ein Stückchen ihrer Seele,
Mich ergreift, was sie nur spricht.

Manches Mädchen mag man leiden,
Manchem Kinde ist man gut,
Aber muß man morgen scheiden,
Wird nicht trüber drum der Muth.

Auf mein Mädchen paßt das nicht !
Sollt' es einmal mir geschehen,
Daß ich von ihr müßte gehen,
Sicher mir das Herz zerbricht.

 

Ernst von Wildenbruch (1845 - 1909), deutscher vaterländischer Dramatiker, Erzähler und Novellist, Enkel Louis Ferdinands von Preußen

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26 Mär 2021 07:28 #34808 von Kaninchen
 

Der sprachlose Papagei

Ein Kaufmann einen Papagei vor Jahren
besaß, in Sang und Rede wohl erfahren.
Der saß als Wächter an des Ladens Pforte
und sprach zu jedem Kunden kluge Worte.
Denn wohl der Menschenkinder Sprache kannt' er,
doch seinesgleichen Weisen auch verstand er.
Vom Laden ging nach Haus einst sein Gebieter
und ließ den Papagei zurück als Hüter.
Ein Kätzlein plötzlich in den Laden sprang,
um eine Maus zu fangen; todesbang,
flatterte hin und her der Papagei
und stieß ein Glas mit Rosenöl entzwei.
Von seinem Hause kam der Kaufmann wieder
und setzte sorglos sich im Laden nieder.
Da sah er Rosenöl allüberall,
im Zorn schlug er das Haupt des Vogels kahl.
Die Zeit verstrich, der Vogel sprach nicht mehr.
Da kam die Reu', der Kaufmann seufzte schwer.
Raufte sich den Bart und rief: "Weh mir umsponnen
ist mit Gewölk die Sonne meiner Wonnen !
Wär' mir, da auf den Redner ich den bösen
Schlag ausgeführt, doch lahm die Hand gewesen !"
Wohl gab er frommen Bettlern reiche Spende,
auf daß sein Tier die Sprache wiederfände;
umsonst ! Als er am vierten Morgen klagend,
in tausend Sorgen, was zu machen sei,
daß wieder reden mög' sein Papagei,
ließ sich mit bloßem Haupt ein Büßer blicken,
den Schädel glatt wie eines Beckens Rücken.
Da hub der Vogel gleich zu reden an
und rief dem Derwisch zu: "Sag lieber Mann,
wie wurdest Kahlkopf du zum Kahlen ? sprich!
Vergossest du vielleicht auch Öl wie ich ?"
Man lachte des Vergleichs, daß seine Lage
der Vogel auf den Derwisch übertrage.

Dschalal ad-Din Muhammad Rumi (1207 - 1273), zählt zu den bedeutendsten persischsprachigen Dichtern des Mittelalters und gilt als Mitbegründer der islamischen Mystik.

 

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