Gedichte

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07 Feb 2018 06:48 - 07 Feb 2018 06:56 #16130 von Kaninchen
Ein Abend daheim
Ich saß mit meinem Vater
daheim beim Schoppen Wein.
Nie trank er - mir zuliebe
ging er jetzt darauf ein.

Lang war ich nicht zu Hause,
bekümmert mußt ich sehn,
wie er seither gealtert.
Ja, ja, die Jahre gehn.

Wir schwätzten durcheinander,
wie's kam, von mancherlei,
und schließlich auch von meiner
Theaterspielerei.

Ein Dorn im Auge war ihm
schon immer dies Metier,
sein Vorurteil dagegen
stand fest wie eh und je.

"Solch Faxenmacherleben
wär mir zu kümmerlich!"
sprach er - das war nicht grade
sehr schmeichelhaft für mich.

"Hast sicher viel gehungert;
so blaß, wie du jetzt bist,
siehst du nicht aus wie einer,
der Purzelbäume schießt."

Sein kunstkritisches Urteil
konnt ich belächeln nur.
Sinnlos, ihn zu belehren!
Dazu war er zu stur.

Ich sagte ihm statt dessen
ein Trinklied auf; als er
darüber lachen mußte,
da freute ich mich sehr.

Doch, daß sein Sohn auch dichtet,
war ihm gleich einerlei;
brotlose Kunst nur hieß er
die ganze Dichterei.

Was tat's? Er war ein Metzger,
der Würste machen kann,
für Bücherweisheit gab er
kaum je ein Haupthaar dran.

Drum ging er schweigend schlafen,
nachdem der Krug geleert,
so konnt ich diese Verse
aufschreiben ungestört.

Doch bei der letzten Zeile
trat meine Mutter ein.
Sie stellte hundert Fragen,
ich ließ das Schreiben sein.

Denn alle ihre Fragen
waren so teilnahmsvoll,
wie konnt ich dazu schweigen,
jedwede tat mir wohl.

Jedwede war ein Spiegel,
der mir Gewißheit gab,
daß ich auf dieser Erde
die beste Mutter hab.


Sándor Petöfi


Büste für Sándor Petőfi im Weimarer Park an der Ilm
Letzte Änderung: 07 Feb 2018 06:56 von Kaninchen.

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08 Feb 2018 06:28 #16139 von Feschtbrueder
Das Herz sitzt über dem Popo

Das Herz sitzt über dem Popo. -
Das Hirn überragt beides.
Leider! Denn daraus entspringen so
Viele Quellen des Leidens.

Doch ginge uns plötzlich das Hirn ins Gesäß
Und die Afterpracht in die Köpfe,
Wir wären noch minder als hohles Gefäß,
Nur gestürzte, unfertige Töpfe.

Herz, Arsch und Hirn, - Ich ziehe retour
Meine kleinliche Überlegung. -
Denn dieses ganze Gedicht kommt nur
Aus einer enttäuschten Erregung.

Joachim Ringelnatz

:-) Humor ist, wenn man trotzdem lacht! Lachen ist die beste Medizin!

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08 Feb 2018 06:50 - 08 Feb 2018 09:12 #16147 von Kaninchen
Christian Morgenstern
Literaturmuseum

Die unmögliche Tatsache

Palmström, etwas schon an Jahren,
wird an einer Straßenbeuge
und von einem Kraftfahrzeuge
überfahren.

"Wie war" (spricht er, sich erhebend
und entschlossen weiterlebend)
"möglich, wie dies Unglück, ja -:
daß es überhaupt geschah?

Ist die Staatskunst anzuklagen
in bezug auf Kraftfahrwagen?
Gab die Polizeivorschrift
hier dem Fahrer freie Trift?

Oder war vielmehr verboten,
hier Lebendige zu Toten
umzuwandeln, - kurz und schlicht:
Durfte hier der Kutscher nicht ?"

Eingehüllt in feuchte Tücher,
prüft er die Gesetzesbücher
und ist alsobald im klaren:
Wagen durften dort nicht fahren!

Und er kommt zu dem Ergebnis:
"Nur ein Traum war das Erlebnis.
Weil", so schließt er messerscharf,
"nicht sein kann, was nicht sein darf."
Letzte Änderung: 08 Feb 2018 09:12 von Feschtbrueder. Grund: Korr. 1. Strophe

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09 Feb 2018 07:01 #16161 von Kaninchen




Klabund
Deutsches Historisches Museum

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10 Feb 2018 06:43 #16170 von Feschtbrueder
Der Vogel

Es sitzt ein Vogel auf dem Leim,
Er flattert sehr und kann nicht heim.
Ein schwarzer Kater schleicht herzu,
Die Krallen scharf, die Augen gluh.
Am Baum hinauf und immer höher
Kommt er dem armen Vogel näher.

Der Vogel denkt: Weil das so ist
Und weil mich doch der Kater frisst,
So will ich keine Zeit verlieren,
Will noch ein wenig quinquilieren
Und lustig pfeifen wie zuvor.
Der Vogel, scheint mir, hat Humor...

Wilhelm Busch

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10 Feb 2018 07:17 #16177 von Kaninchen
Wilhelm Busch

Wirklich, er war unentbehrlich!
Überall, wo was geschah
Zu dem Wohle der Gemeinde,
Er war tätig, er war da.


Schützenfest, Kasinobälle,
Pferderennen, Preisgericht,
Liedertafel, Spritzenprobe,
Ohne ihn da ging es nicht.

Ohne ihn war nichts zu machen,
Keine Stunde hatt’ er frei.
Gestern, als sie ihn begruben,
War er richtig auch dabei.

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