Gedichte
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11 Jan 2018 07:30 #15653
von Kaninchen
Mädchen-Lied
Gestern, Mädchen, ward ich weise,
gestern ward ich siebzehn Jahr:-
und dem gräulichsten der Greise
gleich' ich nun - doch nicht auf's Haar!
Gestern kam mir ein Gedanke,
- ein Gedanke? Spott und Hohn!
Kam euch jemals ein Gedanke?
Ein Gefühlchen eher schon!
Selten, daß ein Weib zu denken wagt,
denn alte Weisheit spricht:
„Folgen soll das Weib, nicht lenken;
denkt sie, nun, dann folgt sie nicht.“
Was sie noch sagt, glaubt' ich nimmer;
wie ein Floh, so springt's, so sticht's!
„Selten denkt das Frauenzimmer,
denkt es aber, taugt es nichts!“
Alter hergebrachter Weisheit
meine schönste Reverenz!
Hört jetzt meiner neuen Weisheit
allerneuste Quintessenz!
Gestern sprach's in mir, wie's immer
in mir sprach - nun hört mich an:
Schöner ist das Frauenzimmer,
interessanter ist - der Mann!“
Gestern, Mädchen, ward ich weise,
gestern ward ich siebzehn Jahr:-
und dem gräulichsten der Greise
gleich' ich nun - doch nicht auf's Haar!
Gestern kam mir ein Gedanke,
- ein Gedanke? Spott und Hohn!
Kam euch jemals ein Gedanke?
Ein Gefühlchen eher schon!
Selten, daß ein Weib zu denken wagt,
denn alte Weisheit spricht:
„Folgen soll das Weib, nicht lenken;
denkt sie, nun, dann folgt sie nicht.“
Was sie noch sagt, glaubt' ich nimmer;
wie ein Floh, so springt's, so sticht's!
„Selten denkt das Frauenzimmer,
denkt es aber, taugt es nichts!“
Alter hergebrachter Weisheit
meine schönste Reverenz!
Hört jetzt meiner neuen Weisheit
allerneuste Quintessenz!
Gestern sprach's in mir, wie's immer
in mir sprach - nun hört mich an:
Schöner ist das Frauenzimmer,
interessanter ist - der Mann!“
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12 Jan 2018 07:02 #15671
von Kaninchen
Eisblumen
Es malte mir an das Fenster
Viel Blumen die Winternacht;
Und draußen deckte die Auen
Von Schnee ein Teppich sacht.
Da kam die Wintersonne
Und fegte mit mattem strahl
Hinweg in wenigen stunden
Mir Teppich und Blüten all!
Da stand ich traurig und trübe,
Sprach tief im Herzen ergrimmt:
"Ja, alles, was schön und lieblich,
Mir neidisch der Himmel nimmt."
Und grollend ging ich zum Walde,
Dürr raschelt' empor das Laub:
"O wie lang noch wird es dauern,
Bis auch ich erst werd' zu Staub?"
Da blickte mich plötzlich so traulich
Ein frisches Schneeglöcklein an,
Und da wieder grünte und blühte
Der Wald und Wiesenplan.
Und lustige Weisen erschallten,
Und Rosen blühten im Mai -
In meinem Herzen erwachte
Ein Lied von der ewigen Treu':
"O Sonne, du Liebe vom Himmel!
Nahmst mir die Blumen von Eis
Und gabst mir duftige Rosen
Und Lilien zum Frühlingspreis."
Wilhelm Kreiten
(* 22. Juni 1847 in Gangelt; † 6. Juni 1902 in Kerkrade) war ein deutscher Jesuit, Schriftsteller, Lyriker, Literaturhistoriker und -Kritiker.
Eisblumen
Es malte mir an das Fenster
Viel Blumen die Winternacht;
Und draußen deckte die Auen
Von Schnee ein Teppich sacht.
Da kam die Wintersonne
Und fegte mit mattem strahl
Hinweg in wenigen stunden
Mir Teppich und Blüten all!
Da stand ich traurig und trübe,
Sprach tief im Herzen ergrimmt:
"Ja, alles, was schön und lieblich,
Mir neidisch der Himmel nimmt."
Und grollend ging ich zum Walde,
Dürr raschelt' empor das Laub:
"O wie lang noch wird es dauern,
Bis auch ich erst werd' zu Staub?"
Da blickte mich plötzlich so traulich
Ein frisches Schneeglöcklein an,
Und da wieder grünte und blühte
Der Wald und Wiesenplan.
Und lustige Weisen erschallten,
Und Rosen blühten im Mai -
In meinem Herzen erwachte
Ein Lied von der ewigen Treu':
"O Sonne, du Liebe vom Himmel!
Nahmst mir die Blumen von Eis
Und gabst mir duftige Rosen
Und Lilien zum Frühlingspreis."
Wilhelm Kreiten
(* 22. Juni 1847 in Gangelt; † 6. Juni 1902 in Kerkrade) war ein deutscher Jesuit, Schriftsteller, Lyriker, Literaturhistoriker und -Kritiker.
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13 Jan 2018 07:44 #15687
von Kaninchen
Der verschwundene Stern
Es stand ein Sternlein am Himmel,
Ein Sternlein guter Art;
Das thät so lieblich scheinen,
So lieblich und so zart.
Ich wußte seine Stelle
Am Himmel, wo es stand;
Trat Abends vor die Schwelle
Und suchte bis ich's fand.
Und blieb dann lange stehen,
Hat große Freud in mir;
Das Sternlein anzusehen,
Und dankte Gott dafür.
Das Sternlein ist verschwunden,
Ich suche hin und her;
Wo ich es sonst gefunden,
Und find es nun nicht mehr.
Matthias Claudius
Es stand ein Sternlein am Himmel,
Ein Sternlein guter Art;
Das thät so lieblich scheinen,
So lieblich und so zart.
Ich wußte seine Stelle
Am Himmel, wo es stand;
Trat Abends vor die Schwelle
Und suchte bis ich's fand.
Und blieb dann lange stehen,
Hat große Freud in mir;
Das Sternlein anzusehen,
Und dankte Gott dafür.
Das Sternlein ist verschwunden,
Ich suche hin und her;
Wo ich es sonst gefunden,
Und find es nun nicht mehr.
Matthias Claudius
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14 Jan 2018 06:45 #15703
von Kaninchen
Der Sack und die Mäuse
Ein dicker Sack voll Weizen stand
Auf einem Speicher an der Wand. -
Da kam das schlaue Volk der Mäuse
Und pfiff ihn an in dieser Weise:
"Oh, du da in der Ecke,
Großmächtigster der Säcke!
Du bist ja der Gescheitste,
Der dickste und der Breitste!
Respekt und Referenz
Vor eurer Exzellenz!"
Mit innigem Behagen hört
Der Sack, daß man ihn so verehrt.
Ein Mäuslein hat ihm unterdessen
Ganz unbemerkt ein Loch gefressen.
Es rinnt das Korn in leisem Lauf.
Die Mäuse knuspern's emsig auf.
Schon wird er faltig, krumm und matt.
Die Mäuse werden fett und glatt.
Zuletzt, man kennt ihn kaum noch mehr,
Ist er kaputt und hohl und leer.
Erst ziehn sie ihn von seinem Thron;
Ein jedes Mäuslein spricht ihm hohn;
Und jedes, wie es geht, so spricht's:
"Empfehle mich, Herr Habenichts"
Wilhelm Busch
Ein dicker Sack voll Weizen stand
Auf einem Speicher an der Wand. -
Da kam das schlaue Volk der Mäuse
Und pfiff ihn an in dieser Weise:
"Oh, du da in der Ecke,
Großmächtigster der Säcke!
Du bist ja der Gescheitste,
Der dickste und der Breitste!
Respekt und Referenz
Vor eurer Exzellenz!"
Mit innigem Behagen hört
Der Sack, daß man ihn so verehrt.
Ein Mäuslein hat ihm unterdessen
Ganz unbemerkt ein Loch gefressen.
Es rinnt das Korn in leisem Lauf.
Die Mäuse knuspern's emsig auf.
Schon wird er faltig, krumm und matt.
Die Mäuse werden fett und glatt.
Zuletzt, man kennt ihn kaum noch mehr,
Ist er kaputt und hohl und leer.
Erst ziehn sie ihn von seinem Thron;
Ein jedes Mäuslein spricht ihm hohn;
Und jedes, wie es geht, so spricht's:
"Empfehle mich, Herr Habenichts"
Wilhelm Busch
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15 Jan 2018 05:58 #15716
von Feschtbrueder
Humor ist, wenn man trotzdem lacht! Lachen ist die beste Medizin!
Bewaffneter Friede
Ganz unverhofft an einem Hügel
sind sich begegnet Fuchs und Igel.
Halt, rief der Fuchs, du Bösewicht!
Kennst du des Königs Ordre nicht?
Ist nicht der Friede längst verkündigt,
und weißt du nicht, dass jeder sündigt,
der immer noch gerüstet geht?
Im Namen seiner Majestät,
geh her und übergib dein Fell,
Der Igel sprach: Nur nicht so schnell.
Lass dir erst deine Zähne brechen,
dann wollen wir uns weiter sprechen!
Und allsogleich macht er sich rund,
schließt seinen dichten Stachelbund
und trotzt getrost der ganzen Welt,
bewaffnet, doch als Friedensheld.
Wilhelm Busch
Ganz unverhofft an einem Hügel
sind sich begegnet Fuchs und Igel.
Halt, rief der Fuchs, du Bösewicht!
Kennst du des Königs Ordre nicht?
Ist nicht der Friede längst verkündigt,
und weißt du nicht, dass jeder sündigt,
der immer noch gerüstet geht?
Im Namen seiner Majestät,
geh her und übergib dein Fell,
Der Igel sprach: Nur nicht so schnell.
Lass dir erst deine Zähne brechen,
dann wollen wir uns weiter sprechen!
Und allsogleich macht er sich rund,
schließt seinen dichten Stachelbund
und trotzt getrost der ganzen Welt,
bewaffnet, doch als Friedensheld.
Wilhelm Busch
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15 Jan 2018 06:39 #15729
von Kaninchen
Almanächtige Reime
Wenn nach süßem Abendschlummer
Die Natur im Monde liegt,
Da beginnt der große Kummer,
Der zur Brust sich schmiegt.
Denn ich denke dein, Geliebte,
Wie du mich vergessen hast,
Wie Verrath dein Herzchen übte
Sonder Ruh noch Rast.
Und die Sehnsucht, ach, zu stillen
Wandl' ich in dem Dämmerlicht,
Brechend ohne meinen Willen
Ein Vergißmeinnicht.
Und ich sag' es dir alleine,
Daß ich gern verrathen bin,
Denn die Thräne, so ich weine,
Strömt als Lied dahin.
Und der Schmerz um das verlorne
Liebesblütheparadies
Gleicht so seltsamsüß dem Dorne,
Den die Rose ließ.
Ludwig Eichrodt
(* 2. Februar 1827 in Durlach bei Karlsruhe; † 2. Februar 1892 in Lahr) war ein humoristischer Dichter.
Wenn nach süßem Abendschlummer
Die Natur im Monde liegt,
Da beginnt der große Kummer,
Der zur Brust sich schmiegt.
Denn ich denke dein, Geliebte,
Wie du mich vergessen hast,
Wie Verrath dein Herzchen übte
Sonder Ruh noch Rast.
Und die Sehnsucht, ach, zu stillen
Wandl' ich in dem Dämmerlicht,
Brechend ohne meinen Willen
Ein Vergißmeinnicht.
Und ich sag' es dir alleine,
Daß ich gern verrathen bin,
Denn die Thräne, so ich weine,
Strömt als Lied dahin.
Und der Schmerz um das verlorne
Liebesblütheparadies
Gleicht so seltsamsüß dem Dorne,
Den die Rose ließ.
Ludwig Eichrodt
(* 2. Februar 1827 in Durlach bei Karlsruhe; † 2. Februar 1892 in Lahr) war ein humoristischer Dichter.
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