Gedichte

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11 Feb 2018 08:06 - 11 Feb 2018 08:07 #16201 von Kaninchen
Karneval
von Ludwig Thoma

Väter, hört mich, Mütter, hört die Mahnung,
Jetzt kommt wieder jene Zeit - versteht!
Wo so manche Tugend ohne Ahnung
Der Besitzerin abhanden geht.

Beutesuchend schleicht umher das Laster;
Wer ist sicher, dass ihm nichts geschieht,
Wenn man jetzt der Busen Alabaster
Und beim Hofball auch die Nabel sieht?

Von den Blicken kommt es zur Berührung,
Irgendwo zu einem Druck der Hand,
Und so manches Mittel der Verführung
Sei aus Scham hier lieber nicht genannt!

Wenn an hochgewölbte Männerbrüste
Sich das zarte Fleisch der Mädchen drängt,
Regen sich von selbst die bösen Lüste
Und was sonst damit zusammenhängt.

Darum Eltern, wenn die Geigen klingen
Und die Klarinette schrillend pfeift,
Hütet eure Tochter vor den Dingen,
Die sie hoffentlich noch nicht begreift!


Porträt von Ludwig Thoma von Karl Klimsch,
vermutlich 1909

Ludwig Thoma
Letzte Änderung: 11 Feb 2018 08:07 von Kaninchen.

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12 Feb 2018 07:21 - 12 Feb 2018 07:29 #16224 von Kaninchen
Begegnung
von Heinrich Heine

Wohl unter der Linde erklingt die Musik,
Da tanzen die Burschen und Mädel,
Da tanzen zwei, die niemand kennt,
Sie schaun so schlank und edel.

Sie schweben auf, sie schweben ab,
In seltsam fremder Weise,
Sie lachen sich an, sie schütteln das Haupt,
Das Fräulein flüstert leise:

Mein schöner Junker, auf Eurem Hut
Schwankt eine Neckenlilie,
Die wächst nur tief im Meeresgrund –
Ihr stammt nicht aus Adams Familie.

Ihr seid der Wassermann, Ihr wollt
Verlocken des Dorfes Schönen.
Ich hab’ Euch erkannt beim ersten Blick
An Euren fischgrätigen Zähnen.

Sie schweben auf, sie schweben ab
In seltsam fremder Weise,
Sie lachen sich an, sie schütteln das Haupt,
Der Junker flüstert leise:

Mein schönes Fräulein, sagt mir, warum
So eiskalt Eure Hand ist?
Sagt mir, warum so naß der Saum
An Eurem weißen Gewand ist?

Ich hab’ Euch erkannt beim ersten Blick
An Eurem spöttischen Knickse –
Du bist kein irdisches Menschenkind,
Du bist mein Mühmchen, die Nixe.

Die Geigen verstummen, der Tanz ist aus,
Es trennen sich höflich die beiden.
Sie kennen sich leider viel zu gut,
Suchen sich jetzt zu vermeiden.



Eine Nixe und ein Nöck-Wassermann sitzen gemütlich inmitten eines Sees auf einem Stein
House-of-Fantasy
Letzte Änderung: 12 Feb 2018 07:29 von Kaninchen.

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13 Feb 2018 05:55 #16233 von Feschtbrueder
Abschied der Seeleute

Chor der Seeleute:

Wir Fahrensleute
Lieben die See.
Die Seemannsbräute
Gelten für heute,
Sind nur für to-day.

Die Mädchen, die weinen,
Sind schwach auf den Beinen.
Was schert uns ihr Weh !
Das Weh, ach das legt sich.
Unsre Heimat bewegt sich
Und trägt uns in See,
Far-away.

Chor der Mädchen:

Wir, die Bräute
Der Fahrensleute,
Lieben und küssen,
Doch wissen, sie müssen
Zur Seefahrt zurück.

Und wenn sie ertrinken,
Dann - wissen wir - winken
Uns andre zum Glück.

Joachim Ringelnatz

:-) Humor ist, wenn man trotzdem lacht! Lachen ist die beste Medizin!

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13 Feb 2018 07:47 - 13 Feb 2018 07:52 #16242 von Kaninchen


An die Redaktion der »Lustigen Blätter«

Auch uns, in Ehren sei's gesagt,
Hat einst der Karneval behagt,
Besonders und zu allermeist
In einer Stadt, die München heißt.
Wie reizend fand man dazumal
Ein menschenwarmes Festlokal,
Wie fleißig wurde über nacht
Das Glas gefüllt und leer gemacht,
Und gingen wir im Schnee zuhaus,
War grad die frühe Messe aus,
Dann konnten gleich die frömmsten Fraun
Sich negativ an uns erbaun.
Die Zeit verging, das Alter kam,
Wir wurden sittsam, wurden zahm.
Nun sehn wir zwar noch ziemlich gern
Die Sach uns an, doch nur von fern
(Ein Auge zu, Mundwinkel schief)
Durch's umgekehrte Perspektiv.

Abgeschickt 30ten Jan. 1905.

Wilhelm Busch
Letzte Änderung: 13 Feb 2018 07:52 von Kaninchen.

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14 Feb 2018 07:19 #16256 von Kaninchen
Gleich und gleich

Ein Blumenglöckchen
Vom Boden hervor
War früh gesprosset
In lieblichem Flor;
Da kam ein Bienchen
Und naschte fein: –
Die müssen wohl beide
Füreinander sein.

Ein Valentinsgedicht
von Johann Wolfgang von Goethe 1749 – 1832

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15 Feb 2018 07:41 #16274 von Kaninchen
Warum?

Um deiner Locken blond Gekräusel,
Um deiner Augen blaues Licht,
Um deine Rosen auf den Wangen,
Liebchen, liebe ich dich nicht.
Aber um der Seele willen,
Die aus deinem Angesicht
Wie aus einem goldumrahmten,
Reinen Spiegel zu mir spricht.



Thekla Schneider
(* 19. Juni 1854 in Ravensburg; † 10. März 1936 in Friedrichshafen)
deutsche Dichterin

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