Gedichte
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06 Apr 2019 08:02 #22547
von Kaninchen
Stadtflucht
Manchmal schau' ich aufwärts zu den Dächern ringsumher,
denn die grauen Häusermauern drohn mich zu erdrücken.
Auf den Straßen liegt die trübe Last so bleiern schwer.
und ich trage sie wie eine Last auf meinem Rücken.
Einmal möchte ich von einem grünen Bergeshang
wieder einen Blick ins blaue, weite All genießen.
Möchte still bewundern einen Sonnenuntergang,
wie wenn Himmel, See und Erde ineinanderfließen.
Möchte wieder einen Baum mit reifen Äpfeln sehn,
wie wir sie als Kinder heimlich, oft und gern gestohlen.
Möcht' auf einem Bauernhof vor einem Kuhstall stehn
und ganz tief, aus allertiefsten Tiefen Atem holen.
Einmal möcht' ich wieder über weite Felder gehn
und die weiche Schnauze streicheln einem Ackerpferde.
Möchte Enten schnattern hören und die Hähne krähn.
Meine asphaltmüden Füße sehnen sich nach Erde.
Fred Endrikat
Manchmal schau' ich aufwärts zu den Dächern ringsumher,
denn die grauen Häusermauern drohn mich zu erdrücken.
Auf den Straßen liegt die trübe Last so bleiern schwer.
und ich trage sie wie eine Last auf meinem Rücken.
Einmal möchte ich von einem grünen Bergeshang
wieder einen Blick ins blaue, weite All genießen.
Möchte still bewundern einen Sonnenuntergang,
wie wenn Himmel, See und Erde ineinanderfließen.
Möchte wieder einen Baum mit reifen Äpfeln sehn,
wie wir sie als Kinder heimlich, oft und gern gestohlen.
Möcht' auf einem Bauernhof vor einem Kuhstall stehn
und ganz tief, aus allertiefsten Tiefen Atem holen.
Einmal möcht' ich wieder über weite Felder gehn
und die weiche Schnauze streicheln einem Ackerpferde.
Möchte Enten schnattern hören und die Hähne krähn.
Meine asphaltmüden Füße sehnen sich nach Erde.
Fred Endrikat
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07 Apr 2019 07:53 #22563
von Kaninchen
Ein Reiseabenteuer in Deutschland
Es flog in X. mein Hut mir ab,
Natürlich über die Grenze,
Und als ich, ihn wiederzuholen, lief
Da gab’s vertrackte Tänze.
Ich durfte den deutschen Nachbarstaat
Nicht ohne Paß betreten,
Und da ich bloß spazierenging,
So hatt ich mir keinen erbeten.
Das tat ich nun, auch wurde ich
In Gnaden damit versehen,
Doch war’s um meinen armen Hut
Trotz alledem geschehen.
Der war schon längst im dritten Staat
Und blieb auch dort nicht liegen,
Ihn ließ der schadenfrohe Wind
Ein Dutzend noch durchfliegen.
Was half mir nun der gute Paß,
Den ich in X. genommen?
Zehn neue braucht ich in einem Tag,
Da war nicht nachzukommen.
Ich kaufte mir einen andern Hut,
Der Meister aber erwählte
Den Wiener Kongreß zum Schutzpatron,
Als ich mein Schicksal erzählte.
Christian Friedrich Hebbel (* 18. März 1813 in Wesselburen, Dithmarschen; † 13. Dezember 1863 in Wien) war ein deutscher Dramatiker und Lyriker. Sein Pseudonym in der Jugend war Dr. J. F. Franz.
Es flog in X. mein Hut mir ab,
Natürlich über die Grenze,
Und als ich, ihn wiederzuholen, lief
Da gab’s vertrackte Tänze.
Ich durfte den deutschen Nachbarstaat
Nicht ohne Paß betreten,
Und da ich bloß spazierenging,
So hatt ich mir keinen erbeten.
Das tat ich nun, auch wurde ich
In Gnaden damit versehen,
Doch war’s um meinen armen Hut
Trotz alledem geschehen.
Der war schon längst im dritten Staat
Und blieb auch dort nicht liegen,
Ihn ließ der schadenfrohe Wind
Ein Dutzend noch durchfliegen.
Was half mir nun der gute Paß,
Den ich in X. genommen?
Zehn neue braucht ich in einem Tag,
Da war nicht nachzukommen.
Ich kaufte mir einen andern Hut,
Der Meister aber erwählte
Den Wiener Kongreß zum Schutzpatron,
Als ich mein Schicksal erzählte.
Christian Friedrich Hebbel (* 18. März 1813 in Wesselburen, Dithmarschen; † 13. Dezember 1863 in Wien) war ein deutscher Dramatiker und Lyriker. Sein Pseudonym in der Jugend war Dr. J. F. Franz.
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08 Apr 2019 07:36 #22577
von Kaninchen
Die Schwalben
Es fliegen zwei Schwalben ins Nachbar sein Haus,
Sie fliegen bald hoch und bald nieder;
Aufs Jahr, da kommen sie wieder,
Und suchen ihr voriges Haus.
Sie gehen jetzt fort ins neue Land,
Und ziehen jetzt eilig hinüber;
Doch kommen sie wieder herüber,
Das ist einem jeden bekannt.
Und kommen sie wieder zu uns zurück,
Der Baur geht ihnen entgegen;
Sie bringen ihm vielmal den Segen,
Sie bringen ihm Wohlstand und Glück.
Des Knaben Wunderhorn, hrsg. von Achim von Arnim und Clemens Brentano, 1806-09
Die Schwalben
Es fliegen zwei Schwalben ins Nachbar sein Haus,
Sie fliegen bald hoch und bald nieder;
Aufs Jahr, da kommen sie wieder,
Und suchen ihr voriges Haus.
Sie gehen jetzt fort ins neue Land,
Und ziehen jetzt eilig hinüber;
Doch kommen sie wieder herüber,
Das ist einem jeden bekannt.
Und kommen sie wieder zu uns zurück,
Der Baur geht ihnen entgegen;
Sie bringen ihm vielmal den Segen,
Sie bringen ihm Wohlstand und Glück.
Des Knaben Wunderhorn, hrsg. von Achim von Arnim und Clemens Brentano, 1806-09
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09 Apr 2019 07:34 #22592
von Kaninchen
Ballade
Es klingt aus alten Zeiten
mir eine Mär so traut,
von einem blonden Komteßchen,
das wurde Königsbraut.
Sie liebten sich heimlich so innig:
Doch der alten Königin
wollte die Liebe der beiden
aus Hochmut nicht in den Sinn.
Sie sprach zu ihrem Sohne,
das Antlitz aschenfahl:
"Es kostet dir Zepter und Krone,
nimmst du die Dirn zum Gemahl.
Es rollt in ihren Adern
kein Tröpfchen fürstlich Blut,
und Kaiser Ferdinands Tochter,
die schwarze Schön-Ann, ist dir gut."
Das süße Komteßchen hörte
es unten auf einsamer Bank,
sie weinte bittre Tränen
und schlich sich zum Söllergang.
Sie stieg hinauf zur Zinne:
"Leb wohl, lieb König mein,
leb wohl, du süße Minne,
ich senke mein Leid in den Rhein."
Der blinkte und winkte so silbern
beim bleichen Mondeslicht,
der König freite Schön-Annchen,
die blonde Komteß sah man nicht.
Es sah sie niemand wieder,
es wird sie niemand sehn,
es mußte Lieb und Treue
schon damals zu Grunde gehn.
Else Galen-Gube eigentlich Else Gube, wurde am 22. Dezember 1869 geboren und starb am 14. Februar 1922. Sie war eine deutsche Schriftstellerin, die hauptsächlich Gedichte, aber auch Novellen verfaßte.
quelle: de.wikisource.org
Es klingt aus alten Zeiten
mir eine Mär so traut,
von einem blonden Komteßchen,
das wurde Königsbraut.
Sie liebten sich heimlich so innig:
Doch der alten Königin
wollte die Liebe der beiden
aus Hochmut nicht in den Sinn.
Sie sprach zu ihrem Sohne,
das Antlitz aschenfahl:
"Es kostet dir Zepter und Krone,
nimmst du die Dirn zum Gemahl.
Es rollt in ihren Adern
kein Tröpfchen fürstlich Blut,
und Kaiser Ferdinands Tochter,
die schwarze Schön-Ann, ist dir gut."
Das süße Komteßchen hörte
es unten auf einsamer Bank,
sie weinte bittre Tränen
und schlich sich zum Söllergang.
Sie stieg hinauf zur Zinne:
"Leb wohl, lieb König mein,
leb wohl, du süße Minne,
ich senke mein Leid in den Rhein."
Der blinkte und winkte so silbern
beim bleichen Mondeslicht,
der König freite Schön-Annchen,
die blonde Komteß sah man nicht.
Es sah sie niemand wieder,
es wird sie niemand sehn,
es mußte Lieb und Treue
schon damals zu Grunde gehn.
Else Galen-Gube eigentlich Else Gube, wurde am 22. Dezember 1869 geboren und starb am 14. Februar 1922. Sie war eine deutsche Schriftstellerin, die hauptsächlich Gedichte, aber auch Novellen verfaßte.
quelle: de.wikisource.org
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10 Apr 2019 07:27 #22612
von Kaninchen
Verbotene Früchte
Sag, weißt du es wirklich nicht, mein Kind,
wie süß die verbotenen Früchte sind?
Im Garten der Jugend siehst du sie prangen,
wo sie an goldenen Zweigen hangen.
Für jeden sind sie leicht zu erreichen,
der Mut hat, von der Herde zu weichen
zum Pfad, der zu irdischen Wonnen führt –
Sag, hab ich nicht deinen Wunsch geschürt,
auch vom verbotenen Apfel zu kosten?
Willst lieber zu Hause sitzen und rosten,
in Ehren ein altes Jüngferlein werden?
Glaub mir, es lohnten die Götter auf Erden
noch keinem die Tugend,
und schön ist die Jugend …
Genieße, was dir das Leben beut,
es kommt der Tag, wo dich nichts so reut
als ungestillt gebliebenes Verlangen,
Liebessünden – nicht begangen.
Else Galen-Gube
Verbotene Früchte
Sag, weißt du es wirklich nicht, mein Kind,
wie süß die verbotenen Früchte sind?
Im Garten der Jugend siehst du sie prangen,
wo sie an goldenen Zweigen hangen.
Für jeden sind sie leicht zu erreichen,
der Mut hat, von der Herde zu weichen
zum Pfad, der zu irdischen Wonnen führt –
Sag, hab ich nicht deinen Wunsch geschürt,
auch vom verbotenen Apfel zu kosten?
Willst lieber zu Hause sitzen und rosten,
in Ehren ein altes Jüngferlein werden?
Glaub mir, es lohnten die Götter auf Erden
noch keinem die Tugend,
und schön ist die Jugend …
Genieße, was dir das Leben beut,
es kommt der Tag, wo dich nichts so reut
als ungestillt gebliebenes Verlangen,
Liebessünden – nicht begangen.
Else Galen-Gube
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11 Apr 2019 07:48 #22630
von Kaninchen
Storchenbotschaft
Des Schäfers sein Haus und das steht auf zwei Rad,
Steht hoch auf der Heiden, so frühe, wie spat;
Und wenn nur ein mancher so'n Nachtquartier hätt!
Ein Schäfer tauscht nicht mit dem König sein Bett.
Und käm ihm zu Nacht auch was Seltsames vor,
Er betet sein Sprüchel und legt sich aufs Ohr;
Ein Geistlein, ein Hexlein, so lustige Wicht',
Sie klopfen ihm wohl, doch er antwortet nicht.
Einmal doch, da ward es ihm wirklich zu bunt:
Es knopert am Laden, es winselt der Hund;
Nun ziehet mein Schäfer den Riegel – ei schau!
Da stehen zwei Störche, der Mann und die Frau.
Das Pärchen, es machet ein schön Kompliment,
Es möchte gern reden, ach, wenn es nur könnt!
Was will mir das Ziefer? – ist so was erhört?
Doch ist mir wohl fröhliche Botschaft beschert.
Ihr seid wohl dahinten zu Hause am Rhein?
Ihr habt wohl mein Mädel gebissen ins Bein?
Nun weinet das Kind und die Mutter noch mehr,
Sie wünschet den Herzallerliebsten sich her?
Und wünschet daneben die Taufe bestellt:
Ein Lämmlein, ein Würstlein, ein Beutelein Geld?
So sagt nur, ich käm in zwei Tag oder drei,
Und grüßt mir mein Bübel und rührt ihm den Brei!
Doch halt! warum stellt ihr zu zweien euch ein?
Es werden doch, hoff ich, nicht Zwillinge sein? —
Da klappern die Störche im lustigsten Ton,
Sie nicken und knicksen und fliegen davon
Eduard Mörike
Storchenbotschaft
Des Schäfers sein Haus und das steht auf zwei Rad,
Steht hoch auf der Heiden, so frühe, wie spat;
Und wenn nur ein mancher so'n Nachtquartier hätt!
Ein Schäfer tauscht nicht mit dem König sein Bett.
Und käm ihm zu Nacht auch was Seltsames vor,
Er betet sein Sprüchel und legt sich aufs Ohr;
Ein Geistlein, ein Hexlein, so lustige Wicht',
Sie klopfen ihm wohl, doch er antwortet nicht.
Einmal doch, da ward es ihm wirklich zu bunt:
Es knopert am Laden, es winselt der Hund;
Nun ziehet mein Schäfer den Riegel – ei schau!
Da stehen zwei Störche, der Mann und die Frau.
Das Pärchen, es machet ein schön Kompliment,
Es möchte gern reden, ach, wenn es nur könnt!
Was will mir das Ziefer? – ist so was erhört?
Doch ist mir wohl fröhliche Botschaft beschert.
Ihr seid wohl dahinten zu Hause am Rhein?
Ihr habt wohl mein Mädel gebissen ins Bein?
Nun weinet das Kind und die Mutter noch mehr,
Sie wünschet den Herzallerliebsten sich her?
Und wünschet daneben die Taufe bestellt:
Ein Lämmlein, ein Würstlein, ein Beutelein Geld?
So sagt nur, ich käm in zwei Tag oder drei,
Und grüßt mir mein Bübel und rührt ihm den Brei!
Doch halt! warum stellt ihr zu zweien euch ein?
Es werden doch, hoff ich, nicht Zwillinge sein? —
Da klappern die Störche im lustigsten Ton,
Sie nicken und knicksen und fliegen davon
Eduard Mörike
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