Gedichte

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19 Jun 2020 08:10 #29378 von Kaninchen
Das zersägte Motorrad

Erich Kästner

Der Max hat täglich einen Tanz
mit seinem großen Bruder Franz,
weil dieser lange Goliat
ein herrliches Motorrad hat.

Das wäre schön und wäre gut
und wäre noch kein Grund zur Wut.
Doch Franz hat auch ein Fräulein Braut
und nächstens werden die getraut.

Max sagt zu Franz auf Schritt und Tritt,
nimm mich doch bitte einmal mit!
Franz nickt in solchen Fällen prompt,
bis dann die Braut dazwischen kommt.

Da fahren die dann fort
und der empörte Max schaut hinterher.
Er kann vor Ärger kaum noch sprechen
und denkt bei sich: „Ich muss mich rächen!“

Er will nicht stets der Dumme sein.
und endlich fällt ihm etwas ein.
Am nächsten Abend führt er es aus,
obwohl der Franz ist noch im Haus

Max schraubt und sägt mit Ruck und Stoß
den Beiwagen vom Rade los.
Doch macht er’s so, dass jeder denkt,
dass beides noch zusammenhängt.

Dann stellt er, um was zu erleben,
sich sanft und unschuldsvoll daneben.
Er ist vergnügt, sein Herz schlägt laut,
Er freut sich so auf Franzens Braut

Er malt sich aus, was kommen muss.
den Anfang und nachher den Schluss
wenn Franzens Braut zur Abfahrt treibt,
und trotz der Abfahrt sitzen bleibt.

Da tritt Franz aus dem Haus und spricht:
„Max, meine Braut kommt heute nicht!
Weil sie, ich weiß nicht, was sie vorhat,
deshalb fährst Du mit mir Motorrad.

Max hat natürlich keine Lust,
doch denkt er: „Menschenskind, du musst!“
und setzt sich, ohne viel zu sagen,
in Franzens abgesägten Wagen.

Der Franz gibt Gas, der Krach ist groß,
Franz springt auf, die Fahrt geht los!
Schon gibt es aber einen Knacks
Der Franz fährt ab, doch ohne Max!

Dem ist es eine harte Lehre!
Was lernt er denn? Die Lehre wäre:
Wer anderen schadet, sich zu nützen,
bleibt oft, auch wenn er recht hat, sitzen.





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20 Jun 2020 08:24 #29394 von Kaninchen


Ich habe, liebe Brüder,
ein gutes Haus bewohnt,
darinnen Lichter spielen,
darüber stand der Mond.

Und vorne sprang ein Brunnen
als wie ein dünner Hauch;
und jeden lieben Abend,
da kam die Schwester auch.

Sie kam gelind geschritten,
nur wie ein Ton und Klang;
sie lehnt' an Brunnens Rande,
sie hob den Nachtgesang.

Sie lockt' aus meiner Kammer
sie lockt' mich in die Nacht;
ich habe bei der Schwester
ein Stündlein zugebracht.

Die Schwester sang am Brunnen,
ich habe nichts begehrt;
ich bin nach einem Stündlein
ins Haus zurückgekehrt.

Darinnen Lichter spielen,
darüber stand der Mond:
so habe ich, liebe Brüder,
ein gutes Haus bewohnt.

Walter Calé
1881 - 1904 Freitod
deutscher Lyriker

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21 Jun 2020 08:28 #29408 von Kaninchen
Sonnenwende
Ein Sommernachtstraum

Es fiel ein Blütenregen
herab auf Wald und Feld,
ein Netz von Sonnenstrahlen
umspinnt die grüne Welt;
das flammt und blüht und duftet
und höhnt den Glockenschlag,
als ging er nie zu Ende,
der süße, goldene Tag . . .

O Tag der Sonnenwende,
vollblühende Rosenzeit,
du hast mir ins Herz geduftet
berauschende Seligkeit!
Das pocht und glüht und zittert
und bebt im Vollgenuß,
als ging er nie zu Ende,
der süße, erste Kuß -

O Tag der Sonnenwende -

Clara Müller-Jahnke

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22 Jun 2020 06:39 #29423 von Feschtbrueder
Sonnenwende

Es hat die Sonne im Glutenkranz
Den höchsten Himmel erstiegen,
Die Auen im Tausendfarbenglanz
Und grünend die Berge liegen.

Hoch quillt die trunkene Erde jetzt
Von schaffendem Leben über;
War' ihrem Blühen kein Ziel gesetzt,
Sie thäte noch Vieles drüber.

Es rühret der Wald so voll, so weich
Wie eine Jungfrau, die Glieder,
Die Welt durchtönet ein ganzes Reich
Unsagbar mächtiger Lieder;

Und höher immer die Sänger reißt
Des eigenen Liedes Klingen,
Als wollten sie, voll vom tiefsten Geist,
Ihr Herz in die Lüfte singen.

Aufwogen in hoher Mittagsflut
Die glüh'nden, sprühenden Rosen;
Wer dächte zurück bei solcher Glut
An der Veilchen schüchternes Kosen?

Es streckt, was heute auf Erden lebt,
Zum Lichte die höchsten Ranken,
Und zwischm Erde und Himmel schwebt
Der Mensch mit den hohen Gedanken:

Dem ist, o Seele, dieß Wonnemeer
Und all die unendlichen Räume!
Dein ist der Frühling, so blüthenschwer,
Und die irdisch-himmlischen Träume;

Und ewiges Grün und unendliches Blau
Wird Erde und Himmel dir färben,
Und irdische Blüche und himmlischer Thau
Läßt nie deine Jugend sterben! —

Stärk', heilige Sonne, mir diesen Traum,
Eh' du dem Abend begegnest,
Und eh' du anderer Lande Saum,
Rückwandelnde, wieder segnest!

Laß nicht dein liebendes Kind nach dir
Ausstrecken die Hand vergebens,
Und halte, du Ewige, fern von mir
Die Sonnenwende des Lebens,

Wo die Erde umher so seltsam schweigt,
An des Baches verblühten Borden
Die Seele ihr Antlitz wundernd neigt,
Wie's schon so stille geworden. —

So lang mir der Scheitel von Rosen glänzt,
Und in vollen, goldenen Güssen
Der Lieblichsten Haar mein Haupt umkränzt
Unter wärmen, lebendigen Küssen;

Im Maien des Lebens laß mich schon
Um die Krone des Liedes werben,
Und eh' ich gesungen den letzten Ton,
Am duftigen Morgen sterben!

Johann Georg Fischer

:-) Humor ist, wenn man trotzdem lacht! Lachen ist die beste Medizin!

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22 Jun 2020 07:39 #29432 von Kaninchen


Sommerlied

von Emanuel Geibel

O Sommerfrühe blau und hold!
Es trieft der Wald von Sonnengold,
In Blumen steht die Wiese;

Die Rosen blühen rot und weiß
Und durch die Felder wandelt leis'
Ein Hauch vom Paradiese.

Die ganze Welt ist Glanz und Freud,
Und bist du jung, so liebe heut
Und Rosen brich mit Wonnen!

Und wardst du alt, vergiß der Pein
Und lerne dich am Wiederschein
Des Glücks der Jugend sonnen.

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23 Jun 2020 07:51 - 24 Jun 2020 05:12 #29455 von Kaninchen
Es wollte eine kleine Maus
- im Keller wohnhaft - hoch hinaus.

Und eines Nachts auf leisen Hufen,
erklomm sie achtundneunzig Stufen
und landete mit Weh und Ach ganz oben,
dicht unter dem Dach.

Dort wartete bereits auf sie
die Katze namens Doremi.
Kaum, dass das Mäuslein nicht mehr lebte,
geschah´s dass eine Fledermaus
ein paarmal um die Katze schwebte,
zur Luke flog und dann hinaus.

Da faltete die Katz, die dreiste,
die Pfoten und sprach:
Ei, wie süß! Da fliegt die Maus, die ich verspeiste,
als Engelein ins Paradies!"

Heinz Erhardt
Letzte Änderung: 24 Jun 2020 05:12 von Feschtbrueder. Grund: Autor eingefügt

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