Gedichte
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09 Jan 2021 07:54 #33380
von Kaninchen
Übergewicht
Es stand nach einem Schiffsuntergange
Eine Briefwaage auf dem Meeresgrund.
Ein Walfisch betrachtete sie bange,
Beroch sie dann lange,
Hielt sie für ungesund,
Ließ alle Achtung und Luft aus dem Leibe,
Senkte sich auf die Wiegescheibe
Und sah – nach unten schielend – verwundert:
Die Waage zeigte über Hundert.
Joachim Ringelnatz
(1883 - 1934), eigentlich Hans Bötticher, deutscher Lyriker, Erzähler und Maler
Es stand nach einem Schiffsuntergange
Eine Briefwaage auf dem Meeresgrund.
Ein Walfisch betrachtete sie bange,
Beroch sie dann lange,
Hielt sie für ungesund,
Ließ alle Achtung und Luft aus dem Leibe,
Senkte sich auf die Wiegescheibe
Und sah – nach unten schielend – verwundert:
Die Waage zeigte über Hundert.
Joachim Ringelnatz
(1883 - 1934), eigentlich Hans Bötticher, deutscher Lyriker, Erzähler und Maler
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10 Jan 2021 08:01 #33394
von Kaninchen
Es ist der Leib des Menschen
Nichts als die Kerkerzelle,
Die zeitlich eingeschlossen
Hält die unsterbliche Seele
;Der Kerker hat zwei Fenster,
Die man auch Augen heißt,
Da schaut hindurch ins Freie
Der eingesperrte Geist;
Das ist, zumal bei Mädchen,
Ein sonderbares Haus:
Es guckt derselbe Spitzbub
Zu beiden Fenstern zugleich heraus.
Unbekannt
Quelle: Fliegende Blätter, humoristische deutsche Wochenschrift, 1845-1944
Nichts als die Kerkerzelle,
Die zeitlich eingeschlossen
Hält die unsterbliche Seele
;Der Kerker hat zwei Fenster,
Die man auch Augen heißt,
Da schaut hindurch ins Freie
Der eingesperrte Geist;
Das ist, zumal bei Mädchen,
Ein sonderbares Haus:
Es guckt derselbe Spitzbub
Zu beiden Fenstern zugleich heraus.
Unbekannt
Quelle: Fliegende Blätter, humoristische deutsche Wochenschrift, 1845-1944
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11 Jan 2021 07:55 #33408
von Kaninchen
Welches das Rechte ?
Hart gegen sich
Und hart gegen andre. –
Geh hin und wandre
Und mildre dich !
Weich gegen sich
Und weich gegen andre. –
Geh hin und wandre
Und stähle dich !
Weich gegen sich
Und hart gegen andre. –
Pfui! weit fort wandre
Und bessre dich !
Hart gegen sich
Und weich gegen andre. –
Schon gut; doch wandre,
Sieh scharf um dich !
Friedrich Theodor von Vischer (1807 - 1887), deutscher Philosoph, Lyriker, Erzähler und Ästhetiker
Quelle: Krauß (Hg.), Vischer. Aussprüche des Denkers, Dichters und Streiters, um 1900
Hart gegen sich
Und hart gegen andre. –
Geh hin und wandre
Und mildre dich !
Weich gegen sich
Und weich gegen andre. –
Geh hin und wandre
Und stähle dich !
Weich gegen sich
Und hart gegen andre. –
Pfui! weit fort wandre
Und bessre dich !
Hart gegen sich
Und weich gegen andre. –
Schon gut; doch wandre,
Sieh scharf um dich !
Friedrich Theodor von Vischer (1807 - 1887), deutscher Philosoph, Lyriker, Erzähler und Ästhetiker
Quelle: Krauß (Hg.), Vischer. Aussprüche des Denkers, Dichters und Streiters, um 1900
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12 Jan 2021 07:46 #33428
von Kaninchen
Bajazzo
Seltsam sind des Glückes Launen,
Wie kein Hirn sie noch ersann,
Daß ich meist vor lauter Staunen
Lachen nicht noch weinen kann!
Aber freilich steht auf festen
Füßen selbst der Himmel kaum,
Drum schlägt auch der Mensch am besten
Täglich seinen Purzelbaum.
Wem die Beine noch geschmeidig,
Noch die Arme schmiegsam sind,
Den stimmt Unheil auch so freudig,
Daß er's innig lieb gewinnt!
Frank Wedekind
(1864 - 1918)
deutscher Journalist und Dramatiker
Seltsam sind des Glückes Launen,
Wie kein Hirn sie noch ersann,
Daß ich meist vor lauter Staunen
Lachen nicht noch weinen kann!
Aber freilich steht auf festen
Füßen selbst der Himmel kaum,
Drum schlägt auch der Mensch am besten
Täglich seinen Purzelbaum.
Wem die Beine noch geschmeidig,
Noch die Arme schmiegsam sind,
Den stimmt Unheil auch so freudig,
Daß er's innig lieb gewinnt!
Frank Wedekind
(1864 - 1918)
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13 Jan 2021 07:36 #33443
von Kaninchen
Botenart
Der Graf kehrt heim vom Festturnei,
Da wollt an ihm sein Knecht vorbei.
"Holla, woher des Wegs? Sag' an !
Wohin, mein Knecht, geht deine Bahn ?"
"Ich wandle, daß der Leib gedeih',
"Ein Wohnhaus such' ich mir nebenbei."
"Ein Wohnhaus? Nun, sprich g'rad heraus,
"Was ist gescheh'n bei uns zu Haus ?"
"Nichts sonderlich's! Nur todeswund
"Liegt euer kleiner weißer Hund."
"Mein treues Hündchen todeswund!
"Sprich, wie begab sich's mit dem Hund ?"
"Im Schreck eu'r Leibroß auf ihn sprang,
"Drauf lief's in den Strom, der es verschlang."
"Mein schönes Roß, des Stalles Zier !
Wovon erschrak das armen Tier ?"
"Besinn' ich mich recht, erschrak's davon,
"Als von dem Fenster stürzt' eu'r Sohn."
"Mein Sohn! Doch blieb er unverletzt?
"Wohl pflegt mein süßes Weib ihn jetzt ?"
"Die Gräfin rührte stracks der Schlag,
"Als vor ihr des Herrleins Leichnam lag."
"Warum bei solchem Jammer und Graus,
"Du Schlingel, hütest du nicht das Haus?" -
"Das Haus? Ei, welches meint ihr wohl ?
"Das eure liegt in Asch' und Kohl'.
"Die Leichenfrau schlief ein an der Bahr'
"Und Feuer fing ihr Kleid und Haar.
"Und Schloß und Stall verlodert' im Wind !
"Dazu das ganze Hausgesind !
"Nur mich hat das Schicksal aufgespart,
"Euch's vorzubringen auf gute Art."
Anastasius Grün
(1806 - 1876)
eigentlich Anton Alexander Graf von Auersperg
Der Graf kehrt heim vom Festturnei,
Da wollt an ihm sein Knecht vorbei.
"Holla, woher des Wegs? Sag' an !
Wohin, mein Knecht, geht deine Bahn ?"
"Ich wandle, daß der Leib gedeih',
"Ein Wohnhaus such' ich mir nebenbei."
"Ein Wohnhaus? Nun, sprich g'rad heraus,
"Was ist gescheh'n bei uns zu Haus ?"
"Nichts sonderlich's! Nur todeswund
"Liegt euer kleiner weißer Hund."
"Mein treues Hündchen todeswund!
"Sprich, wie begab sich's mit dem Hund ?"
"Im Schreck eu'r Leibroß auf ihn sprang,
"Drauf lief's in den Strom, der es verschlang."
"Mein schönes Roß, des Stalles Zier !
Wovon erschrak das armen Tier ?"
"Besinn' ich mich recht, erschrak's davon,
"Als von dem Fenster stürzt' eu'r Sohn."
"Mein Sohn! Doch blieb er unverletzt?
"Wohl pflegt mein süßes Weib ihn jetzt ?"
"Die Gräfin rührte stracks der Schlag,
"Als vor ihr des Herrleins Leichnam lag."
"Warum bei solchem Jammer und Graus,
"Du Schlingel, hütest du nicht das Haus?" -
"Das Haus? Ei, welches meint ihr wohl ?
"Das eure liegt in Asch' und Kohl'.
"Die Leichenfrau schlief ein an der Bahr'
"Und Feuer fing ihr Kleid und Haar.
"Und Schloß und Stall verlodert' im Wind !
"Dazu das ganze Hausgesind !
"Nur mich hat das Schicksal aufgespart,
"Euch's vorzubringen auf gute Art."
Anastasius Grün
(1806 - 1876)
eigentlich Anton Alexander Graf von Auersperg
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14 Jan 2021 07:33 #33462
von Kaninchen
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