Gedichte

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15 Jan 2021 07:29 #33478 von Kaninchen
Als mir die Zeit entgegenkam,
Erschien sie mir hübsch wundersam
Und angenehm und lecker.
Sie ging vorüber, und – o weh! –
Nun, da ich sie von hinten seh',
Bemerk' ich ihren Höcker.

Wilhelm Busch

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16 Jan 2021 08:04 #33495 von Kaninchen
Der Wanderer

Flaumflocken flüstern vom Himmel leis.
Ein Wandrer steigt über Firn und Eis.
Die Schneefrau folgt ihm mit tückischem Schritt:
»Halt stille, mein Lieber, und nimm mich mit,
Der Abend ist nah, und der Gipfel ist fern.
Ich spiel dir zur Kurzweil ein Liedchen gern.«
Sie setzt an die Lippe die grüne Schalmei,
die jauchzte von Blumen und Lenz und Mai.
Er lauschte, die Wangen von Tränen naß,
dann schlug er ein Kreuzchen und zog fürbaß.

Und finstrer wölkt sich der dämmernde Schnee.
Sie schlich ihm zur Seite auf listiger Zeh':
»Halt! daß ich dir leuchte, du wandelst irr
Ein freundliches Märchen erzähl' ich dir.«
Eine Ampel zog sie aus ihrem Gewand;
Da glänzt ihm vor Augen der Heimat Land,
der Hügel, der Garten, die Eltern sein
im seligen goldigen Jugendschein.
Er schwankte. Schon kürzt er der Schritte Maß,
dann schlug er ein Kreuzchen und zog fürbaß.

Und es stürmt und es stöbert mit Sturmesmacht,
vom heulenden Felsen gähnt weiße Nacht.
Sein Wille versagte, sein Knie versank.
Da saß sie auf einer steinernen Bank.
»Hier ist es behaglich; komm, setze dich,
Ich weiß zu kosen gar minniglich.
Und lockt dich der Schlummer und lacht dir ein Traum
An meinem warmen Busen ist Raum.«
Sie blickte so lieblich, sie nickte so hold,
als ob sich der Himmel ihm öffnen wollt.
Er wankt ihr entgegen in taumelndem Lauf
und fiel ihr zu Füßen - stand nie mehr auf.

Carl Spitteler (1845 - 1924), Pseudonym: Carl Felix Tandem, Schweizer Dichter und Romanautor, Nobelpreisträger für Literatur 1919 (verliehen 1920)

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17 Jan 2021 08:16 #33516 von Kaninchen
 

Sehr tadelnswert ist unser Tun,
Wir sind nicht brav und bieder. –
Gesetzt den Fall, es käme nun
Die Sintflut noch mal wieder.

Das wär' ein Zappeln und Geschreck !
Wir tauchten alle unter;
Dann kröchen wir wieder aus dem Dreck
Und wären, wie sonst, recht munter.

Wilhelm Busch

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18 Jan 2021 07:34 #33537 von Kaninchen
Schwalben

Eine tote Schwalbe
Liegt auf meinem Pfad.
Allzu spät dem Nest entronnen
Hat sie nicht die Kraft gewonnen,
Mit den andern fortzufliegen
Nach den schönen bessern Sonnen,
Und blieb liegen,
Als der Frost genaht.

Arme tote Schwalbe,
Viele sind wie du,
Denen allzu spät das Leben
Allzu karg Erfolg gegeben,
Ach, und müssen dann erliegen,
Während andre weiterfliegen
Ihren Siegen,
Ihren Sonnen zu …

A. de Nora
(1864 - 1936)
Pseudonym für Anton Alfred Noder, deutscher Arzt und Dichter

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19 Jan 2021 07:40 - 19 Jan 2021 07:43 #33554 von Kaninchen
Wenn ich im Januar

von Wilhelm Busch

Wenn ich im Januar im Garten spazierengehe, bemerk ich schon dies und das, was sich langsam anschickt zu blühen, z.B.

die Christrose  
und der Seidelbast. 

Noch immer, so alt ich auch wurde, erscheint mir dergleichen doch neu und spaßhaft, wie vor 10.000 Jahren.
Letzte Änderung: 19 Jan 2021 07:43 von Kaninchen.

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20 Jan 2021 07:36 #33568 von Kaninchen
Die Kartoffel

 

Es ist für uns Materielle
Nur eine Kartoffel die Welt,
Von der der Weise die Pelle
Fürsorglich herunter schält.

Denn eine von unsern Devisen
Ist die: Kartoffel und Welt,
Sind beide nicht zu genießen,
Wenn man sie nicht richtig quellt.

Der idealistische Stoffel,
Der alles für herrlich hält,
Verzehrt die ganze Kartoffel
Natürlich unabgepellt.

Doch liegt sie ihm dann im Magen,
So jammert er und erzählt,
Wie schwer für ihn zu ertragen
Oft diese so "rohe" Welt!

Wir aber genießen behaglich
Die Süße, die sie enthält –
Die beste Kartoffel, unfraglich,
Ist – richtig genossen – die Welt.

A. de Nora (1864 - 1936), Pseudonym für Anton Alfred Noder, deutscher Arzt und Dichter

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