Gedichte
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26 Aug 2021 07:34 #37563
von Kaninchen
Abschied
Nun ist die Scheidestunde da,
Das Morgenrot rückt schon ins Land,
Die Mutter küßt mich tränenfeucht,
Der Vater beut mir still die Hand.
Ich wandre durch den jungen Tag
Den grünen Hügelhang empor;
Noch klingt ein jedes Abschiedswort,
Der letzte Gruß noch mir im Ohr.
Und auf der Heimat fernstem Pfad
Tönt hinter mir ein leiser Schritt,
Es faßt mich schmeicheld an der Hand –
"Ich bin das Heimweh, nimm mich mit !"
Adolf Frey
1855 - 1920
schweiz. Schriftsteller und Literaturhistoriker
Nun ist die Scheidestunde da,
Das Morgenrot rückt schon ins Land,
Die Mutter küßt mich tränenfeucht,
Der Vater beut mir still die Hand.
Ich wandre durch den jungen Tag
Den grünen Hügelhang empor;
Noch klingt ein jedes Abschiedswort,
Der letzte Gruß noch mir im Ohr.
Und auf der Heimat fernstem Pfad
Tönt hinter mir ein leiser Schritt,
Es faßt mich schmeicheld an der Hand –
"Ich bin das Heimweh, nimm mich mit !"
Adolf Frey
1855 - 1920
schweiz. Schriftsteller und Literaturhistoriker
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27 Aug 2021 07:18 #37574
von Kaninchen
Stiller Gang
Stille geh ich meinen Gang
Wiesen, Wälder, Felder lang.
Was ich höre, was ich sehe,
Daß mir nichts vorüber wehe,
Fasse ichs in Verse ein,
Und die ganze Welt wird mein.
Sind wohl unscheinbare Dinge;
Mancher achtet sie geringe,
Und ein Nabob wird man nicht,
Fängt man solche Schmetterlinge.
Aber manches wird Gedicht.
Ist nicht mehr wie Blumen pflücken,
Linde sich ins Grüne bücken,
Ist nicht mehr als wie ein Lauschen,
Grüße mit den Vögeln tauschen,
Ist nichts, als bescheiden sein
Mit der Schönheit, mit dem Schein.
Und ist dennoch tiefe Labe,
Dauernde und reiche Habe:
Wer die Schönheit sich erfaßt,
Schenkt der Welt den Rest mit Lachen,
All die plumpen Siebensachen,
Hat die Götter selbst zu Gast.
Otto Julius Bierbaum
1865 - 1910
auch Martin Möbius, deutscher Lyriker,
Stille geh ich meinen Gang
Wiesen, Wälder, Felder lang.
Was ich höre, was ich sehe,
Daß mir nichts vorüber wehe,
Fasse ichs in Verse ein,
Und die ganze Welt wird mein.
Sind wohl unscheinbare Dinge;
Mancher achtet sie geringe,
Und ein Nabob wird man nicht,
Fängt man solche Schmetterlinge.
Aber manches wird Gedicht.
Ist nicht mehr wie Blumen pflücken,
Linde sich ins Grüne bücken,
Ist nicht mehr als wie ein Lauschen,
Grüße mit den Vögeln tauschen,
Ist nichts, als bescheiden sein
Mit der Schönheit, mit dem Schein.
Und ist dennoch tiefe Labe,
Dauernde und reiche Habe:
Wer die Schönheit sich erfaßt,
Schenkt der Welt den Rest mit Lachen,
All die plumpen Siebensachen,
Hat die Götter selbst zu Gast.
Otto Julius Bierbaum
1865 - 1910
auch Martin Möbius, deutscher Lyriker,
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28 Aug 2021 08:00 #37592
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29 Aug 2021 07:49 - 29 Aug 2021 07:54 #37610
von Kaninchen
Fliegenbitte
Gönnt doch dem kleinen Wintergast
Im warmen Zimmer Ruh und Rast.
Da draußen ist gar schlimme Zeit,
Es stürmt und regnet, friert und schneit.
Ach, mein Begehren ist nur klein,
Ich nehme wenig Raum nur ein!
Im Blumenbusch am Fenster hier,
Da such' ich mir ein Nachtquartier.
Und wird es mir darin zu kalt,
So ist mein liebster Aufenthalt
Beim alten Fritzen auf dem Hut,
Da sitz' ich sicher, warm und gut.
Und kommt der heil'ge Christ heran,
Dann freu' ich mich wie Jedermann,
Weihnachten soll's für mich auch sein,
Ein Kuchenkrümchen wird schon mein.
Drum laß die arme Flieg' in Ruh,
Sie hat ein Recht zu sein wie du.
Nun, liebes Kind, nun freue dich
Und sei noch lustiger als ich !
Hoffmann von Fallersleben
Gönnt doch dem kleinen Wintergast
Im warmen Zimmer Ruh und Rast.
Da draußen ist gar schlimme Zeit,
Es stürmt und regnet, friert und schneit.
Ach, mein Begehren ist nur klein,
Ich nehme wenig Raum nur ein!
Im Blumenbusch am Fenster hier,
Da such' ich mir ein Nachtquartier.
Und wird es mir darin zu kalt,
So ist mein liebster Aufenthalt
Beim alten Fritzen auf dem Hut,
Da sitz' ich sicher, warm und gut.
Und kommt der heil'ge Christ heran,
Dann freu' ich mich wie Jedermann,
Weihnachten soll's für mich auch sein,
Ein Kuchenkrümchen wird schon mein.
Drum laß die arme Flieg' in Ruh,
Sie hat ein Recht zu sein wie du.
Nun, liebes Kind, nun freue dich
Und sei noch lustiger als ich !
Hoffmann von Fallersleben
Letzte Änderung: 29 Aug 2021 07:54 von Kaninchen.
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30 Aug 2021 07:36 #37629
von Kaninchen
Der heroische Pudel
Ein schwarzer Pudel, dessen Haar
des abends noch wie Kohle war,
betrübte sich so höllenheiß,
weil seine Dame Flügel spielte,
trotzdem er heulte: daß (o Preis
dem Schmerz, der solchen Sieg erzielte !)
er beim Gekräh der Morgenhähne
aufstand als wie ein hoher Greis –
mit einer silberweißen Mähne.
Christian Morgenstern
Ein schwarzer Pudel, dessen Haar
des abends noch wie Kohle war,
betrübte sich so höllenheiß,
weil seine Dame Flügel spielte,
trotzdem er heulte: daß (o Preis
dem Schmerz, der solchen Sieg erzielte !)
er beim Gekräh der Morgenhähne
aufstand als wie ein hoher Greis –
mit einer silberweißen Mähne.
Christian Morgenstern
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31 Aug 2021 07:56 #37638
von Kaninchen
Ein jeder Schlag von dir verwundet
Und mäht die Zeit, dem Schnitter gleich.
Je mehr des Zeigers Lauf sich rundet,
Rückt näher mir das Schattenreich.
Und doch – wie seltsam – muß ich sagen,
Lausch' ich gern deinem Pendelschlag.
Er singt mir von vergangenen Tagen
Und lullt in Träume mich gemach.
So sehr – Minute von Minute –
Mit dir die Zeit von dannen eilt –
Gleich ob sie ebbe oder flute –
Verwundet sie zugleich – und heilt.
Quelle: Inschrift. Spruch auf einer alten Dielenuhr
Ein jeder Schlag von dir verwundet
Und mäht die Zeit, dem Schnitter gleich.
Je mehr des Zeigers Lauf sich rundet,
Rückt näher mir das Schattenreich.
Und doch – wie seltsam – muß ich sagen,
Lausch' ich gern deinem Pendelschlag.
Er singt mir von vergangenen Tagen
Und lullt in Träume mich gemach.
So sehr – Minute von Minute –
Mit dir die Zeit von dannen eilt –
Gleich ob sie ebbe oder flute –
Verwundet sie zugleich – und heilt.
Quelle: Inschrift. Spruch auf einer alten Dielenuhr
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