Gedichte

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08 Aug 2021 08:10 #37274 von Kaninchen
 

Nicht zu bescheiden !

Sei mit dem Glück nur nicht bescheiden
Und mach die Fordrung nicht zu knapp.
Es ist das Zähere von euch Beiden
Und handelt noch genug dir ab.

Paul Heyse 
1830 - 1914 deutscher Romanist, Novellist und Übersetzer, Nobelpreisträger für Literatur 1910

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09 Aug 2021 07:22 #37299 von Kaninchen
Der Zufriedene

 


Zwar schuf das Glück hienieden
Mich weder reich noch groß,
Allein ich bin zufrieden,
Wie mit dem schönsten Los.

So ganz nach meinem Herzen
Ward mir ein Freund vergönnt,
Denn Küssen, Trinken, Scherzen
Ist auch sein Element.

Mit ihm wird froh und weise
manch Fläschchen ausgeleert !
Denn auf der Lebensreise
ist Wein das beste Pferd.

Wenn mir bei diesem Lose
Nun auch ein trüb'res fällt,
So denk' ich: keine Rose
Blüht dornlos in der Welt.

Christian Ludwig Reissig
1783 - 1822
deutscher Dichter

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10 Aug 2021 07:22 #37309 von Kaninchen
Kleiner Roman

Sie lernte Stenographin.
Er war Engros-Kommis.
Im Speisewagen traf ihn
ein Blick. Er liebte sie.

auf einer Haltestelle
brach man die Reise ab,
woselbst er im Hotelle
sie als sein Weib ausgab.

Nicht viel, das man sich fragte.
Doch küßten sie genug.
Und als der Morgen tagte,
ging schon der nächste Zug.

Nach einer kurzen Stunde
fand ihre Fahrt den Schluß.
Er nahm von ihrem Munde
noch einen heißen Kuß.

Er sah sie schnupftuchwinkend
noch stehn zum letztenmal,
und in sein Auge blinkend
sich eine Träne stahl.

Er soll sie noch heute lieben.
Sie war so drall und jung.
Ihr ist ein Kind geblieben
und die Erinnerung.

 

Erich Mühsam

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11 Aug 2021 07:21 #37327 von Kaninchen
Der Herrgott liabt d' Welt;
Hots mit Rosn umwunden.
Da Teufel denkt: Hallo !
Hots Pulver erfunden.

Der Herrgott liabt d' Welt;
Hots gut Weinl erkorn.
Und da Teufel mochts noch,
Is a Schnapsl draus worn.

Der Herrgott liabt d' Welt;
hat die Priaster erschoffen.
Da Teufel, sein Feind,
der geht her und mocht Pfoffen.

Der Herrgott liabt d' Welt;
hat d' schön Dirndln aufbrocht.
Und da Teufel, der Teufel
hat olti Weiber draus g'macht.

Da Herrgott sogt jo,
und da Teufel sogt noa,
und dron kennt ma's holt leicht
aus ananda de Zwoa.

Peter Rosegger
(1843 - 1918),
österreichischer Volksschriftsteller und Erzähler, Autodidakt, begann als Wanderschneider

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12 Aug 2021 07:23 #37337 von Kaninchen
Verfrüht

Papa, nicht wahr,
Im nächsten Jahr,
Wenn ich erst groß
Und lesen kann und schreiben kann,
Dann krieg ich einen hübschen Mann
Mit einer Ticktackuhr
An einer goldnen Schnur.
Der nimmt mich auf den Schoß
Und sagt zu mir: Mein Engel,
Und gibt mir Zuckerkrengel
Und Kuchen und Pasteten.
Nicht wahr, Papa?
Der Vater brummt: Na, na,
Was ist das für Gefabel.
Die Vögel, die dann flöten,
Die haben noch keinen Schnabel.

Wilhelm Busch 

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13 Aug 2021 07:41 - 13 Aug 2021 07:49 #37353 von Kaninchen
 

Zur weißen Gans sprach einst vertraulich eine graue:
"Laß uns spazieren gehn nach jener grünen Aue;
Dort tun wir beide uns im jungen Grase gütlich,
Denn in Gesellschaft gackt es sich doch gar gemütlich."
"Nein", sprach die weiße Gans, "da muß ich refüsieren,
Mit meinesgleichen nur geh' ich am Tag spazieren,
Vertraulichkeit mit dir gereichte nur zur Schande,
Zwar bin ich eine Gans, doch eine Gans von Stande."

 

 Julius Sturm
1816 - 1896 
Pseudonym Julius Stern, deutscher Dichter
Letzte Änderung: 13 Aug 2021 07:49 von Kaninchen.

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