Gedichte
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18 Sep 2022 14:33 #42040
von Kaninchen
Begegnung
Wohl unter der Linde erklingt die Musik,
da tanzen die Burschen und Mädel,
da tanzen zwei, die niemand kennt,
sie schaun so schlank und edel.
Sie schweben auf, sie schweben ab
in seltsam fremder Weise;
Sie lachen sich an, sie schütteln das Haupt,
das Fräulein flüstert leise :
"Mein schöner Junker, auf Eurem Hut
schwankt eine Neckenlilie,
die wächst nur tief in Meeresgrund -
Ihr seid nicht aus Adam´s Familie.
Ihr seid der Wassermann, ihr wollt
verlocken des Dorfes Schönen.
Ich hab Euch erkannt beim ersten Blick
an Euren fischgrätigen Zähnen".
Sie schweben auf, sie schweben ab,
in seltsam fremder Weise,
sie lachen sich an, sie schütteln das Haupt,
der Junker flüstert leise :
"Mein schönes Fräulein, sagt mir warum
so eiskalt Eure Hand ist ?
Sagt mir, warum so naß der Saum
an Eurem weißen Gewand ist ?
Ich hab Euch erkannt beim ersten Blick
an Eurem spöttischen Knickse -
du bist kein irdisches Kind,
du bist mein Mühmchen, die Nixe".
Die Geigen verstummen, der Tanz ist aus,
es trennen sich höflich die beiden.
Sie kennen sich leider viel zu gut,
suchen sich jetzt zu vermeiden.
Heinrich Heine - Romanzen
Begegnung
Wohl unter der Linde erklingt die Musik,
da tanzen die Burschen und Mädel,
da tanzen zwei, die niemand kennt,
sie schaun so schlank und edel.
Sie schweben auf, sie schweben ab
in seltsam fremder Weise;
Sie lachen sich an, sie schütteln das Haupt,
das Fräulein flüstert leise :
"Mein schöner Junker, auf Eurem Hut
schwankt eine Neckenlilie,
die wächst nur tief in Meeresgrund -
Ihr seid nicht aus Adam´s Familie.
Ihr seid der Wassermann, ihr wollt
verlocken des Dorfes Schönen.
Ich hab Euch erkannt beim ersten Blick
an Euren fischgrätigen Zähnen".
Sie schweben auf, sie schweben ab,
in seltsam fremder Weise,
sie lachen sich an, sie schütteln das Haupt,
der Junker flüstert leise :
"Mein schönes Fräulein, sagt mir warum
so eiskalt Eure Hand ist ?
Sagt mir, warum so naß der Saum
an Eurem weißen Gewand ist ?
Ich hab Euch erkannt beim ersten Blick
an Eurem spöttischen Knickse -
du bist kein irdisches Kind,
du bist mein Mühmchen, die Nixe".
Die Geigen verstummen, der Tanz ist aus,
es trennen sich höflich die beiden.
Sie kennen sich leider viel zu gut,
suchen sich jetzt zu vermeiden.
Heinrich Heine - Romanzen
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20 Sep 2022 08:06 #42061
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22 Sep 2022 15:06 #42081
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23 Sep 2022 08:26 #42091
von Kaninchen
Drachenhort
Es reift am Lebensbaum in immer neuer
und wechselnder Gestalt wohl manche Frucht,
doch drunter wacht ein mächtig Ungeheuer,
das lauert tückisch, ob der Mensch versucht,
nach jenem Schatz die kühne Hand zu heben !
Es lächelt hämisch, wenn er kämpft und ringt ...
O laß die Frucht ! Du wirst sie nie erstreben,
weil stets das Ungeheuer sie verschlingt.
Die gold´nen Früchte nennt man : Lebensglück,
das Ungeheuer aber Mißgeschick !
Friedrichsruhe, den 19. Juni 1854
Eugenie Marlitt
Drachenhort
Es reift am Lebensbaum in immer neuer
und wechselnder Gestalt wohl manche Frucht,
doch drunter wacht ein mächtig Ungeheuer,
das lauert tückisch, ob der Mensch versucht,
nach jenem Schatz die kühne Hand zu heben !
Es lächelt hämisch, wenn er kämpft und ringt ...
O laß die Frucht ! Du wirst sie nie erstreben,
weil stets das Ungeheuer sie verschlingt.
Die gold´nen Früchte nennt man : Lebensglück,
das Ungeheuer aber Mißgeschick !
Friedrichsruhe, den 19. Juni 1854
Eugenie Marlitt
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24 Sep 2022 11:19 #42101
von Kaninchen
Der echte Dichter
(Wie man sich früher ihn dachte)
Ein Dichter, ein echter, der Lyrik betreibt,
mit einer Köchin ist er beweibt.
Seine Kinder sind schmuddlig und unerzogen,
kommt der Mietszettelmann, so wird tüchtig gelogen,
gelogen, gemogelt, wird überhaupt viel,
"Fabilieren" ist ja Zweck und Ziel.
Und ist er gekämmt und gewaschen zu Zeiten
so schafft das nur Verlegenheiten,
und ist er gar ohne Wechsel und Schulden
und empfängt er pro Zeile ´nen halben Gulden
oder pendeln ihm Orden am Frack hin und her,
so ist er gar kein Dichter mehr,
eines Dichters eigenste Welt
ist der Himmel - und ein Zigeunerzelt.
Theodor Fontane
dt. Schriftsteller
Der echte Dichter
(Wie man sich früher ihn dachte)
Ein Dichter, ein echter, der Lyrik betreibt,
mit einer Köchin ist er beweibt.
Seine Kinder sind schmuddlig und unerzogen,
kommt der Mietszettelmann, so wird tüchtig gelogen,
gelogen, gemogelt, wird überhaupt viel,
"Fabilieren" ist ja Zweck und Ziel.
Und ist er gekämmt und gewaschen zu Zeiten
so schafft das nur Verlegenheiten,
und ist er gar ohne Wechsel und Schulden
und empfängt er pro Zeile ´nen halben Gulden
oder pendeln ihm Orden am Frack hin und her,
so ist er gar kein Dichter mehr,
eines Dichters eigenste Welt
ist der Himmel - und ein Zigeunerzelt.
Theodor Fontane
dt. Schriftsteller
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25 Sep 2022 11:15 #42112
von Kaninchen
Die Katzen und der Hausherr
Thier´ und Menschen schliefen feste
selbst der Hausprophete schwieg,
als ein Schwarm geschwänzter Gäste
von den nächsten Dächern stieg.
In dem Vorsaal eines Reichen
stimmten sie ihr Liedchen an,
so ein Lied, das Stein´ erweichen,
Menschen rasend machen kann.
Hinz, des Murners Schwiegervater,
schlug den Takt erbärmlich schön,
und zween abgelebte Kater,
quälten sich, ihm beizusteh´n.
Endlich tanzten alle Katzen,
poltern, lärmen, daß es kracht,
zischen, heulen, sprudeln, kratzen
bis der Herr im Haus erwacht.
Dieser springt mit einem Prügel
in dem finstern Saal herum,
schlägt um sich, zerstößt den Spiegel,
wirft ein Dutzend Schalen um.
Stolpert über ein´ge Späne,
stürzt im Fallen auf die Uhr
und zerbricht zwo Reihen Zähne :
Blinder Eifer schadet nur.
Magnus Gottfried Lichtwer
dt. Schriftsteller
Die Katzen und der Hausherr
Thier´ und Menschen schliefen feste
selbst der Hausprophete schwieg,
als ein Schwarm geschwänzter Gäste
von den nächsten Dächern stieg.
In dem Vorsaal eines Reichen
stimmten sie ihr Liedchen an,
so ein Lied, das Stein´ erweichen,
Menschen rasend machen kann.
Hinz, des Murners Schwiegervater,
schlug den Takt erbärmlich schön,
und zween abgelebte Kater,
quälten sich, ihm beizusteh´n.
Endlich tanzten alle Katzen,
poltern, lärmen, daß es kracht,
zischen, heulen, sprudeln, kratzen
bis der Herr im Haus erwacht.
Dieser springt mit einem Prügel
in dem finstern Saal herum,
schlägt um sich, zerstößt den Spiegel,
wirft ein Dutzend Schalen um.
Stolpert über ein´ge Späne,
stürzt im Fallen auf die Uhr
und zerbricht zwo Reihen Zähne :
Blinder Eifer schadet nur.
Magnus Gottfried Lichtwer
dt. Schriftsteller
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