Gedichte

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26 Sep 2022 07:43 #42122 von Kaninchen
 

Victor Blüthgen

Die fünf Hühnerchen

Ich war mal in dem Dorfe,
da gab es einen Sturm.
Da zankten sich fünf Hühnerchen
um einen Regenwurm.

Und als kein Wurm mehr war zu seh´n,
da sagten alle : Piep !
Da hatten die fünf Hühnerchen
einander wieder lieb.

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27 Sep 2022 12:09 #42133 von Kaninchen
 

Kniehang

Ich wollte, ich wär´ eine Fledermaus
eine ganz verluschte, verlauste,
dann hing ich mich früh in ein Warenhaus
und flederte nachts, und mauste,
daß es Herrn Silberstein grauste.
Denn Meterflaus, Fliedermaus, Fledermaus -
(Es geht nicht mehr; mein Verstand läuft aus).

Joachim Ringelnatz

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28 Sep 2022 07:40 #42143 von Kaninchen
 

Die Schildkröte

Ich bin nun tausend Jahre alt
und werde täglich älter,
der Gotenkönig Theobald
erzog mich im Behälter.
Seitdem ist mancherlei gescheh´n,
doch weiß ich nichts davon,
zur Zeit da läßt für Geld mich seh´n
ein Kaufmann zu Heilbronn.
Ich kenne nicht des Todes Bild
und nicht des Sterbens Nöte :
Ich bin die Schild - ich bin die Schild -
ich bin die Schild - Krö - Kröte.

Christian Morgenstern

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29 Sep 2022 11:43 #42154 von Kaninchen
 

Fallen dicke Tropfen
freut sich mein Regenschirm,
denn nun kann er hoffen,
daß wir zwei spazieren gehn.

Scheint die Sonn´ vom Himmelsblau,
und die Luft ist mild und lau,
muß er in der Ecke steh´n,
und vor Gram dann fast vergeh´n.

Flucht aufs Wetter, ei der Daus,
wann kann ich endlich wieder ´ raus,
Sonnenschein, du kannst frohlocken,
lieber sind MIR weiße Flocken.

Heute faßt´ ich mir ein Herz,
wollt´ vertreiben ihm den Schmerz,
stane ´ne Stunde dann im Regen,
und das alles seinetwegen.

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30 Sep 2022 16:25 #42165 von Kaninchen
So recht fidel leb´n und umsunst
das, sag ich, ist d´ größte Kunst.
Ein tüchtigen Zins zahln und zweimal im Jahr
und drum ein Quartier hab´n, das kann jeder Narr;
Den Wirt zahln fürs Essen, den Schneider fürs Gwand,
dazu braucht der Mensch noch kein Quintel Verstand -
aber ganz ohne Geld leb´n wie i,
dazu g´hört schon a Genie

Johann Nepomuk Nestroy
österr. Dramatiker

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01 Okt 2022 16:04 #42175 von Kaninchen
 

Scheu und Treu

Er liebte sie in aller Stille.
Bescheiden, schüchtern und von fern
schielt er nach ihr durch seine Brille
und hat sie doch so schrecklich gern.

Ein Mücklein, welches an der Nase
des schönen Kindes saugend saß,
ertränkte sich in seinem Glase.
Es schmeckt ihm fast wie Ananas.

Sie hatte Haare wie ´ne Puppe,
so unvergleichlich blond und kraus.
Einst fand er eines in der Suppe
und zog es hochbeglückt heraus.

Er rollt es auf zu einem Löckchen,
hat´s in ein Medaillon gelegt.
Nun hängt es unter seinem Löckchen,
da, wo sein treues Herze schlägt.

Wilhelm Busch

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