Gedichte

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11 Jun 2018 07:44 #17982 von Kaninchen
Anastasius Grün
(1808-1876)
Anastasius Grün
Dichter
Anton Alexander Graf von Auersperg war als Politiker und deutschsprachiger politischer Lyriker ein einflussreicher und gefeierter Vertreter der österreichischen liberalen politischen Poesie;
Geboren: 11. Apr 1806 · Ljubljana, Slowenien
Gestorben: 12. Sep 1876 · Graz, Österreich



Am Strande

Auf hochgestapelte Ballen blickt
Der Kaufherr mit Ergötzen;
Ein armer Fischer daneben flickt
Betrübt an zerrissenen Netzen.

Manch rüstig stolzbewimpelt Schiff!
Manch morsches Wrack im Sande!
Der Hafen hier, und dort das Riff,
Jetzt Flut, jetzt Ebb' am Strande.

Hier Sonnenblick, Sturmwolken dort;
Hier Schweigen, dorten Lieder,
Und Heimkehr hier, dort Abschiedswort;
Die Segel auf und nieder!

Zwei Jungfrauen sitzen am Meeresstrand;
Die eine weint in die Fluten,
Die andre mit dem Kranz in der Hand
Wirft Rosen in die Fluten.

Die eine, trüber Wehmut Bild,
Stöhnt mit geheimem Beben:
»O Meer, o Meer, so trüb und wild,
Wie gleichst du so ganz dem Leben!«

Die andre, lichter Freude Bild,
Kos't selig lächelnd daneben:
»O Meer, o Meer, so licht und mild,
Wie gleichst du so ganz dem Leben!«

Fortbraust das Meer und überklingt
Das Stöhnen wie das Kosen;
Fortwogt das Meer, und, ach, verschlingt
Die Tränen wie die Rosen.



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12 Jun 2018 07:37 #17992 von Kaninchen


Guter Rat

An einem Sommermorgen
Da nimm den Wanderstab,
Es fallen deine Sorgen
Wie Nebel von dir ab.

Des Himmels heitere Bläue
Lacht dir ins Herz hinein,
Und schließt, wie Gottes Treue,
Mit seinem Dach dich ein.

Rings Blüten nur und Triebe
Und Halme von Segen schwer,
Dir ist, als zöge die Liebe
Des Weges nebenher.

So heimisch alles klinget
Als wie im Vaterhaus,
Und über die Lerchen schwinget
Die Seele sich hinaus.

Theodor Fontane

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13 Jun 2018 07:49 #18001 von Kaninchen


Stille Kameraden

Sie stehen still, die Häupter stolz erhoben.
Aus einem Kern entkeimten sie der Erde Schoß.
Sie wuchsen langsam, wurden mächtig, stark und groß
und strebten stets zum Licht empor, nach oben.
Sie überlebten Menschen und die Zeiten.
Berichten stumm aus den Vergangenheiten,
erzählen Märchen uns auf Waldes Pfaden,
die Bäume, diese stillen Kameraden.

In ihnen lebt ein ganz geheimes Schweigen,
und wer die Bäume liebt, der wird es wohl verstehn.
Man hört die Zwerge kichern, flüstern mit den Feen
und den Gesang der Englein in den Zweigen.
Die Bäume sind verwurzelt mit den Tagen
der Väter und der Heldensagen.
Die allerschönsten Lieder und Balladen
erdichten uns die stillen Kameraden.

Es ist ein Wunder, Bäume anzusehen
in ihrer Größe, Stärke und Beständigkeit.
Die rauhen Stämme stehen fest zu jeder Zeit,
wenn auch die Äste krachen und die Stürme wehen.
Sie streben zu der Sonne, zu den Sternen.
Wir kleinen Menschenkinder sollten lernen,
des Lebens Bürde stolz auf uns zu laden
wie diese starken, stillen Kameraden.


Fred Endrikat

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14 Jun 2018 07:31 #18017 von Kaninchen


Morgens

Nun gib ein Morgenküßchen!
Du hast genug der Ruh;
Und setz dein zierlich Füßchen
Behende in den Schuh!

Nun schüttle von der Stirne
Der Träume blasse Spur!
Das goldene Gestirne
Erleuchtet längst die Flur.

Die Rosen in deinem Garten
Sprangen im Sonnenlicht;
Sie können kaum erwarten,
Daß deine Hand sie bricht.

Theodor Storm


Julia among the roses

Daniel-Ridgway-Knight

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15 Jun 2018 07:44 #18041 von Kaninchen

Der Lindenbaum


Am Brunnen vor dem Tore
Da steht ein Lindenbaum:
Ich träumt in seinem Schatten
So manchen süßen Traum.

Ich schnitt in seine Rinde
So manches liebe Wort;
Es zog in Freud und Leide
Zu ihm mich immerfort.

Ich mußt auch heute wandern
Vorbei in tiefer Nacht,
Da hab ich noch im Dunkel
Die Augen zugemacht.

Und seine Zweige rauschten,
Als riefen sie mir zu:
»Komm her zu mir, Geselle,
Hier findst du deine Ruh!«

Die kalten Winde bliesen
Mir grad ins Angesicht,
Der Hut flog mir vom Kopfe,
Ich wendete mich nicht.

Nun bin ich manche Stunde
Entfernt von jenem Ort,
Und immer hör ich's rauschen:
Du fändest Ruhe dort!

Wilhelm Müller


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16 Jun 2018 08:11 #18058 von Kaninchen

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