Gedichte
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02 Jul 2018 07:48 #18301
von Kaninchen
Der Marienkäfer
Wie Vater grad den Birnbaum pflegt,
wird er von Kummer ganz bewegt.
Das kleine Bäumchen traurig steht
von schwarzen Läusen übersät.
Und war so gut mit Gift gespritzt,
hat scheinbar doch nicht recht genützt!
Derweil der Vater sich besinnt,
wie er nun helfen kann geschwind,
fliegt etwas her, was ist das denn?
Und immer mehr, und ein Gerenn’
fängt über alle Zweige an,
die schwarz mit Läusen angetan.
Der Vater sieht es froh verwundert:
Marienkäfer, mehr als hundert,
die kamen wie auf ein Gebot
in Bäumchens allerhöchster Not.
Sie stürzen auf die Läuse sich,
sie packen sie, und jämmerlich
vergeht die böse, schwarze Brut;
das tut dem Vater wahrlich gut.
Mit zärtlich’ Worten grüßt er sie:
„Lieb Käferchen der Frau Marie,
ihr Gotteskälbchen, vielen Dank,
nun ist mein Bäumchen nicht mehr krank!“
Im Winter sagt die Mutter drum,
fliegt solch ein Käferchen herum
im warmen Raum, wo Schutz es fand,
sagt, wenn es fliegt auf ihre Hand:
„Das bringt mir Glück!“ und hält ganz still,
solang das Käferchen es will.
Otto Nebelthau
1894-1943
Der Marienkäfer
Wie Vater grad den Birnbaum pflegt,
wird er von Kummer ganz bewegt.
Das kleine Bäumchen traurig steht
von schwarzen Läusen übersät.
Und war so gut mit Gift gespritzt,
hat scheinbar doch nicht recht genützt!
Derweil der Vater sich besinnt,
wie er nun helfen kann geschwind,
fliegt etwas her, was ist das denn?
Und immer mehr, und ein Gerenn’
fängt über alle Zweige an,
die schwarz mit Läusen angetan.
Der Vater sieht es froh verwundert:
Marienkäfer, mehr als hundert,
die kamen wie auf ein Gebot
in Bäumchens allerhöchster Not.
Sie stürzen auf die Läuse sich,
sie packen sie, und jämmerlich
vergeht die böse, schwarze Brut;
das tut dem Vater wahrlich gut.
Mit zärtlich’ Worten grüßt er sie:
„Lieb Käferchen der Frau Marie,
ihr Gotteskälbchen, vielen Dank,
nun ist mein Bäumchen nicht mehr krank!“
Im Winter sagt die Mutter drum,
fliegt solch ein Käferchen herum
im warmen Raum, wo Schutz es fand,
sagt, wenn es fliegt auf ihre Hand:
„Das bringt mir Glück!“ und hält ganz still,
solang das Käferchen es will.
Otto Nebelthau
1894-1943
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03 Jul 2018 08:07 #18310
von Kaninchen
Der Traum
Ich schlief. Da hatt’ ich einen Traum.
Mein Ich verließ den Seelenraum.
Frei vom gemeinen Tagesleben,
Vermocht’ ich leicht dahinzuschweben.
So, angenehm mich fortbewegend,
Erreicht’ ich eine schöne Gegend.
Wohin ich schwebte, wuchs empor
Alsbald ein bunter Blumenflor,
Und lustig schwärmten um die Dolden
Viel tausend Falter, rot und golden.
Ganz nah auf einem Lilienstengel,
Einsam und sinnend, saß ein Engel,
Und weil das Land mir unbekannt,
Fragt’ ich: »Wie nennt sich dieses Land?«
»Hier«, sprach er, »ändern sich die Dinge.
Du bist im Reich der Schmetterlinge.«
Ich aber, wohlgemut und heiter,
Zog achtlos meines Weges weiter.
Da kam, wie ich so weiterglitt,
Ein Frauenbild und schwebte mit
Als ein willkommenes Geleite,
Anmutig lächelnd mir zur Seite,
Und um sie nie mehr loszulassen,
Dacht’ ich die Holde zu erfassen;
Doch eh’ ich Zeit dazu gefunden,
Schlüpft sie hinweg und ist verschwunden.
Mir war so schwül. Ich mußte trinken.
Nicht fern sah ich ein Bächlein blinken.
Ich bückte mich hinab zum Wasser.
Gleich faßt ein Arm, ein kalter blasser,
Vom Grund herauf mich beim Genick.
Zwar zog ich eilig mich zurück,
Mein Hals war steif und krumm,
Nur mühsam dreht’ ich ihn herum,
Und ach, wie war es ringsumher
Auf einmal traurig, öd und leer.
Von Schmetterlingen nichts zu sehn,
Die Blumen, eben noch so schön,
Sämtlich verdorrt, zerknickt, verkrumpelt.
So bin ich seufzend fortgehumpelt,
Denn mit dem Fliegen, leicht und frei,
War es nun leider auch vorbei.
Urplötzlich springt aus einem Graben,
Begleitet vom Geschrei der Raben,
Mir eine Hexe auf den Nacken
Und spornt mich an mit ihren Hacken
Und macht sich schwer wie Bleigewichte
Und drückt und zwickt mich fast zunichte,
Bis daß ich matt und lendenlahm
Zu einem finstern Walde kam.
Ein Jägersmann, dürr von Gestalt,
Trat vor und rief ein dumpfes Halt.
Schon liegt ein Pfeil auf seinem Bogen,
Schon ist die Sehne straff gezogen.
Jetzt trifft er dich ins Herz, so dacht’ ich,
Und von dem Todesschreck erwacht’ ich
Und sprang vom Lager ungesäumt,
Sonst hätt’ ich wohl noch mehr geträumt.
Ich schlief. Da hatt’ ich einen Traum.
Mein Ich verließ den Seelenraum.
Frei vom gemeinen Tagesleben,
Vermocht’ ich leicht dahinzuschweben.
So, angenehm mich fortbewegend,
Erreicht’ ich eine schöne Gegend.
Wohin ich schwebte, wuchs empor
Alsbald ein bunter Blumenflor,
Und lustig schwärmten um die Dolden
Viel tausend Falter, rot und golden.
Ganz nah auf einem Lilienstengel,
Einsam und sinnend, saß ein Engel,
Und weil das Land mir unbekannt,
Fragt’ ich: »Wie nennt sich dieses Land?«
»Hier«, sprach er, »ändern sich die Dinge.
Du bist im Reich der Schmetterlinge.«
Ich aber, wohlgemut und heiter,
Zog achtlos meines Weges weiter.
Da kam, wie ich so weiterglitt,
Ein Frauenbild und schwebte mit
Als ein willkommenes Geleite,
Anmutig lächelnd mir zur Seite,
Und um sie nie mehr loszulassen,
Dacht’ ich die Holde zu erfassen;
Doch eh’ ich Zeit dazu gefunden,
Schlüpft sie hinweg und ist verschwunden.
Mir war so schwül. Ich mußte trinken.
Nicht fern sah ich ein Bächlein blinken.
Ich bückte mich hinab zum Wasser.
Gleich faßt ein Arm, ein kalter blasser,
Vom Grund herauf mich beim Genick.
Zwar zog ich eilig mich zurück,
Mein Hals war steif und krumm,
Nur mühsam dreht’ ich ihn herum,
Und ach, wie war es ringsumher
Auf einmal traurig, öd und leer.
Von Schmetterlingen nichts zu sehn,
Die Blumen, eben noch so schön,
Sämtlich verdorrt, zerknickt, verkrumpelt.
So bin ich seufzend fortgehumpelt,
Denn mit dem Fliegen, leicht und frei,
War es nun leider auch vorbei.
Urplötzlich springt aus einem Graben,
Begleitet vom Geschrei der Raben,
Mir eine Hexe auf den Nacken
Und spornt mich an mit ihren Hacken
Und macht sich schwer wie Bleigewichte
Und drückt und zwickt mich fast zunichte,
Bis daß ich matt und lendenlahm
Zu einem finstern Walde kam.
Ein Jägersmann, dürr von Gestalt,
Trat vor und rief ein dumpfes Halt.
Schon liegt ein Pfeil auf seinem Bogen,
Schon ist die Sehne straff gezogen.
Jetzt trifft er dich ins Herz, so dacht’ ich,
Und von dem Todesschreck erwacht’ ich
Und sprang vom Lager ungesäumt,
Sonst hätt’ ich wohl noch mehr geträumt.
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04 Jul 2018 07:32 - 05 Jul 2018 07:09 #18323
von Kaninchen
Gustav Falke
Liebeswoche
Sieben süße Geigen stimmten an,
Sieben kleine Engel spielten sie,
Saßen all in einem Mandelbaum.
Geigten wie aus einem Himmelstraum
Eine süße, süße Melodie.
Sieben schöne Stunden hört' ich zu,
Fielen aus dem weißen Mandelbaum
Diese Töne, leis und blütenweich,
Sieben schöne Stunden war ich reich,
Über allen Wunsch und allen Traum.
Sieben süße Geigen klingen aus,
Sieben lange Triller, hell und fein.
Sieben Mandelblüten haben sacht
Ihre weißen Kelche aufgemacht,
Sieben kleine Engel schlüpfen ein.
Sieben schöne Träume trägt mein Herz
Sieben Tag' und sieben Stunden lang,
Kommt am achten Tag die Liebste dann,
Legt ihr horchend Schelmenohr daran:
Rosenrot macht sie der Herzgesang.
Gustav Falke
Liebeswoche
Sieben süße Geigen stimmten an,
Sieben kleine Engel spielten sie,
Saßen all in einem Mandelbaum.
Geigten wie aus einem Himmelstraum
Eine süße, süße Melodie.
Sieben schöne Stunden hört' ich zu,
Fielen aus dem weißen Mandelbaum
Diese Töne, leis und blütenweich,
Sieben schöne Stunden war ich reich,
Über allen Wunsch und allen Traum.
Sieben süße Geigen klingen aus,
Sieben lange Triller, hell und fein.
Sieben Mandelblüten haben sacht
Ihre weißen Kelche aufgemacht,
Sieben kleine Engel schlüpfen ein.
Sieben schöne Träume trägt mein Herz
Sieben Tag' und sieben Stunden lang,
Kommt am achten Tag die Liebste dann,
Legt ihr horchend Schelmenohr daran:
Rosenrot macht sie der Herzgesang.
Letzte Änderung: 05 Jul 2018 07:09 von Feschtbrueder. Grund: Formatierung
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05 Jul 2018 08:10 - 05 Jul 2018 08:17 #18338
von Kaninchen
Die böse Sieben
Am Wirtshaus an der Straße
Sieben Birkenbäume stehn;
Die sieben grünen Bäume,
Die will ich gar nicht sehn.
Die Sieben, ja die Sieben
Ist eine böse Zahl;
Sieben wunderschöne Mädchen,
Die liebte ich einmal.
Sechs Rosen ohne Dornen
Die waren mein fürwahr;
Die siebte, die ich pflückte,
Voll Dorn und Distel war.
Die siebte von den Sieben
Die Kunst sie wohl verstand;
Sie führt mich zum Altare
Mit ihrer weißen Hand.
Die sieben Birkenbäume,
Die gehen hin und her;
Ade, ihr roten Rosen,
Ich pflücke keine mehr.
Hermann Löns
(1866 - 1914), deutscher Naturforscher, Tierschilderer, Heide- und Liederdichter
Am Wirtshaus an der Straße
Sieben Birkenbäume stehn;
Die sieben grünen Bäume,
Die will ich gar nicht sehn.
Die Sieben, ja die Sieben
Ist eine böse Zahl;
Sieben wunderschöne Mädchen,
Die liebte ich einmal.
Sechs Rosen ohne Dornen
Die waren mein fürwahr;
Die siebte, die ich pflückte,
Voll Dorn und Distel war.
Die siebte von den Sieben
Die Kunst sie wohl verstand;
Sie führt mich zum Altare
Mit ihrer weißen Hand.
Die sieben Birkenbäume,
Die gehen hin und her;
Ade, ihr roten Rosen,
Ich pflücke keine mehr.
Hermann Löns
(1866 - 1914), deutscher Naturforscher, Tierschilderer, Heide- und Liederdichter
Letzte Änderung: 05 Jul 2018 08:17 von Kaninchen.
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06 Jul 2018 08:03 #18351
von Kaninchen
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07 Jul 2018 07:48 - 07 Jul 2018 07:49 #18356
von Feschtbrueder
Humor ist, wenn man trotzdem lacht! Lachen ist die beste Medizin!
Im Park
Ein ganz kleines Reh stand am ganz kleinen Baum
still und verklärt wie im Traum.
Das war des Nachts elf Uhr zwei.
Und dann kam ich um vier
Morgens wieder vorbei.
Und da träumte noch immer das Tier.
Nun schlich ich mich leise – ich atmete kaum –
gegen den Wind an den Baum,
und gab dem Reh einen ganz kleinen Stips.
Und da war es aus Gips.
Ein ganz kleines Reh stand am ganz kleinen Baum
still und verklärt wie im Traum.
Das war des Nachts elf Uhr zwei.
Und dann kam ich um vier
Morgens wieder vorbei.
Und da träumte noch immer das Tier.
Nun schlich ich mich leise – ich atmete kaum –
gegen den Wind an den Baum,
und gab dem Reh einen ganz kleinen Stips.
Und da war es aus Gips.
Letzte Änderung: 07 Jul 2018 07:49 von Feschtbrueder. Grund: Titel formatiert
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