Gedichte

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16 Sep 2018 08:19 #19242 von Kaninchen



Heidekraut

O Heidekraut o Heidekraut!
Wie mich dein Anblick stets erbaut!
Du blühest scheinlos und bescheiden,
Nicht wie sich eitle Tulpen kleiden,
Auf deren Putz die Menge schaut;
O Heidekraut

O Heidekraut! o Heidekraut!
Wie gern auf dich mein Auge schaut!
Du treibest keine stolzen Ranken,
Wie Rosen, die im Winde schwanken;
Du lebst dem niedern Moos vertraut,
O Haidekraut!

O Heidekraut! o Heidekraut!
Wie fühlt sich dir mein Herz vertraut!
Du schickst nicht buhlerische Düfte,
Wie volle Nelken, durch die Lüfte;
Bist eine züchtig-stille Braut,
O, Heidekraut!

David Friedrich Strauss, 1849


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17 Sep 2018 07:36 - 17 Sep 2018 07:40 #19251 von Kaninchen
Wilhelm Busch

Ich saß vergnüglich bei dem Wein

Ich saß vergnüglich bei dem Wein
Und schenkte eben wieder ein.
Auf einmal fuhr mir in die Zeh
Ein sonderbar pikantes Weh.
Ich schob mein Glas sogleich beiseit
Und hinkte in die Einsamkeit
Und wußte, was ich nicht gewußt:
Der Schmerz ist Herr und Sklavin ist die Lust.








Bild Eduard von Grützner
quelle wikipedia
Letzte Änderung: 17 Sep 2018 07:40 von Kaninchen.

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18 Sep 2018 07:51 - 18 Sep 2018 07:55 #19269 von Kaninchen



Der Bauer und sein Sohn

Der Bauer steht vor seinem Feld
und zieht die Stirne kraus in Falten.
"Ich hab den Acker wohlbestellt,
auf reine Aussaat streng gehalten;
nun seh mir eins das Unkraut an!
Das hat der böse Feind getan!"

Da kommt sein Knabe hochbeglückt,
mit bunten Blüten reich beladen;
im Felde hat er sie gepflückt,
Kornblumen sind es, Mohn und Raden.
Er jauchzt: "Sieh, Vater, nur die Pracht!
Die hat der liebe Gott! gemacht!"


Julius Sturm (1816 - 1896)
Julius Carl Reinhold Sturm
Pseudonym Julius Stern, deutscher Dichter und Liedertexter
Letzte Änderung: 18 Sep 2018 07:55 von Kaninchen.

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19 Sep 2018 08:29 #19292 von Kaninchen



Wer klappert von dem Turme
Seltsamen Gruß mir? horch!
Das ist in seinem Neste
Mein alter Freund, der Storch.

Er rüstet sich zur Reise
Weit über Land und See,
Der Herbst kommt angezogen,
Drum sagt er uns Ade!

Hast recht, daß du verreisest,
Bei uns wird's kahl und still,
Grüß mir das Land Italien
Und auch den Vater Nil.

Es werde dir im Süden
Ein besser Mahl zuteil,
Als deutsche Frösch' und Kröten,
Maikäfer und Langweil'!

Behüt' dich Gott, du Alter,
Mein Segen mit dir zieht,
Du hast in stillen Nächten
Oftmals gehört mein Lied.

Und wenn du nicht zufällig
Im Nest verschlafen bist,
So hast du auch gesehen,
Wie sie mich einst geküßt.

Doch schwatz nicht aus der Schule,
Schweig still, alter Kumpan!
Was geht die Afrikaner
Die Lieb' am Rheine an?

Joseph Victor von Scheffel
(1826 - 1886), deutscher Schriftsteller, Romanautor











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20 Sep 2018 07:57 - 20 Sep 2018 07:58 #19305 von Kaninchen
Auch ein ernstes gottesfürchtig
Leben nicht vor Alter schützet,
Mit Entrüstung seh' ich, wie schon
Graues Haar im Pelz mir sitzet.

Ja die Zeit tilgt unbarmherzig,
Was der einz'lne keck geschaffen –
Gegen diesen scharfgezahnten
Feind gebricht es uns an Waffen.

Und wir fallen ihm zum Opfer,
Unbewundert und vergessen;
– O ich möchte wütend an der
Turmuhr beide Zeiger fressen!

Quelle: Der Trompeter von Säckingen, 1854

Joseph Victor von Scheffel
(1826 - 1886), deutscher Schriftsteller, Romanautor, Kommerslieder




Letzte Änderung: 20 Sep 2018 07:58 von Kaninchen.

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21 Sep 2018 07:52 #19318 von Kaninchen



Herbstgedicht

von Heinz Erhardt

Wenn Blätter von den Bäumen stürzen,
Die Tage täglich sich verkürzen,
Wenn Amseln, Drossel, Fink und Meisen
Die Koffer packen und verreisen,
Wenn all die Maden, Motten, Mücken,
Die wir vergaßen zu zerdrücken,
Von selber sterben,
So glaubt mir,
Es steht der Winter vor der Tür.
Ich laß ihn steh'n, ich spiel ihm einen Possen,
Ich hab die Tür verriegelt und gut abgeschlossen,
Der kann nicht rein, ich hab ihn angeschmiert:
Ja, jetzt steht der Winter vor der Tür ... und friert.


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