Gedichte

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10 Sep 2018 07:48 #19142 von Kaninchen
August Wilhelm Schlegel
(1767-1845)


Schillers Lob der Frauen (Parodie)



Ehret die Frauen! Sie stricken die Strümpfe,
Wollig und warm, zu durchwaten die Sümpfe,
Flicken zerrissene Pantalons aus;
Kochen dem Manne die kräftigen Suppen,
Putzen den Kindern die niedlichen Puppen,
Halten mit mäßigem Wochengeld Haus.

Doch der Mann, der tölpelhafte
Find't am Zarten nicht Geschmack.
Zum gegornen Gerstensafte
Raucht er immerfort Tabak;
Brummt, wie Bären an der Kette,
Knufft die Kinder spat und fruh;
Und dem Weibchen, nachts im Bette,
Kehrt er gleich den Rücken zu.

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11 Sep 2018 07:57 #19160 von Kaninchen



Großmütterlein

Großmütterlein war eine schöne Frau.
Das wurde mir erst recht klar,
Als ihr Haupt gebeugt, ihr Haar längst grau
Und ihr Antlitz voll Fältchen war.

Großmütterlein war eine schöne Braut.
Das sah ich auf jenem Bild,
Wo hold sie aus Großvaters Täschchen schaut,
In Weih und Rosa gehüllt.

Großmütterlein war schon als Mädchen schön.
Das sagte mir einst eine Frau,
Die jung mit ihr war und selber schön,
Weshalb ihrem Urteil ich trau'.

Großmütterlein konnte gut kochen auch.
Die Äpfelküchlein von ihr
Und Heckenmark vom Wildrosenstrauch,
Die allein schon bewiesen es mir.

Großmütterlein manchmal auch schelten konnt'.
Drei Enkel sind auch kein Spaß,
Wenn jeder am Herd sein Höslein sonnt',
Weil die Jagd durch den Bach so naß.

Großmütterlein war sonst seelengut,
Wie alle Großmütterlein sind:
Sie verzog ihre Enkel trotz bester Hut,
Weil sie selber an Liebe ein Kind.

Großmütterlein hat mir ein Erb' vermacht:
Schriftzüge, schon lang verblaßt,
Erinnerungsblätter, ihr dargebracht
Vor einem Jahrhundert fast.

Großmütterlein glich einem Engel aufs Haar,
Wenn, was dort geschrieben stand,
Nicht über die Hälfte erdichtet war
Von der einstigen schreibenden Hand.

Großmütterlein wäre geschwommen im Glück
Als wie ein Fischlein im Meer,
Wenn jedes Sprüchlein dort Stück für Stück
In Erfüllung gegangen wär'.

Großmütterlein aber ging's, wie's so geht,
Mit Freundschaft, Liebe und Glück:
Die Freunde, die hat der Wind verweht,
Die Sprüchlein blieben zurück.

Großmütterlein längst schon gestorben ist,
Ihr Leben und Lieben dahin.
Ihr Antlitz habe ich lange vermißt
Mit dem Zug der Verklärung darin.




Heinrich Gassert, 1904
Aus der Sammlung "Heimatstrauß"


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12 Sep 2018 07:52 #19176 von Kaninchen
An eine Unbeständige

Als du mir vorüberschwebtest
Gestern um die Mittagszeit -
Eine weiße Sommerwolke
Schienst du mir im lichten Kleid.

Lachtest so verlockend lieblich,
Und dein Blick verhieß mir Glück
Freundlich war dein grüßend Neigen -
Schautest gar nach mir zurück!

Einer weißen Sommerwolke
Glichest du mein zartes Kind -
Und ich weiß, wie unbeständig
Weiße Sommerwolken sind!

Heinrich Seidel

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13 Sep 2018 07:28 - 13 Sep 2018 07:29 #19182 von Kaninchen



REGEN UND SONNE


Trinken, trinken! Alles trinket:
Wald und Wiese, Berg und Flur,
Busch und Baum mit allen Blättern –
Ich allein soll dursten nur?!
Nein, im Krug zur goldnen Sonne
Giebt es sonnig klaren Wein –
Braunes Mädchen, meine Wonne,
Meine Sonne, schenk mir ein!

Sonne droben mault in Wolken –
Sonne drunten strahlt all' Stund.
Jene Sonne dörrt die Kehle –
Diese feuchtet Herz und Mund.
Und die allerschönste Sonne,
Sie kredenzet mir den Wein:
Braunes Mädchen, meine Wonne,
Meine Sonne, schenk mir ein!

Draussen ist die Welt versunken
In die schale Wassersfluth;
Doch hier drinnen sprüht in Funken
Sonnenschein und Sonnengluth.
Aus der Flasche, aus der Tonne,
Strömt der echte Sonnenschein!
Braunes Mädchen, meine Wonne,
Meine Sonne, schenk mir ein!


Heinrich Seidel





Letzte Änderung: 13 Sep 2018 07:29 von Kaninchen.

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14 Sep 2018 07:51 #19207 von Kaninchen
Theodor Storm


Ein grünes Blatt



Ein Blatt aus sommerlichen Tagen,
Ich nahm es so im Wandern mit,
Auf dass es einst mir möge sagen,
Wie laut die Nachtigall geschlagen,
Wie grün der Wald, den ich durchschritt.


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15 Sep 2018 08:33 #19229 von Kaninchen
Joachim Ringelnatz





Arm Kräutchen

Ein Sauerampfer auf dem Damm
Stand zwischen Bahngeleisen,
Machte vor jedem D - Zug stramm,
Sah viele Menschen reisen.

Und stand verstaubt und schluckte Qualm,
Schwindsüchtig und verloren,
Ein armes Kraut, ein schwacher Halm,
Mit Augen, Herz und Ohren.

Sah Züge schwinden, Züge nahn.
Der arme Sauerampfer
Sah Eisenbahn um Eisenbahn,
Sah niemals einen Dampfer.

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