Gedichte

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29 Aug 2018 07:36 #18981 von Kaninchen



Mit fünfundzwanzig hält sich jeder für ein Genie
und hüb´ die Welt aus den Angeln, wüßt´ er nur wie !
Mit dreißig, vierzig, dann wird´s stiller
und ruhiger am Horizont,
und schließlich gibt er zu,
auch Schiller und Goethe hätten was gekonnt



Cäsar Otto Hugo Flaischlen

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30 Aug 2018 08:51 - 30 Aug 2018 09:00 #18995 von Kaninchen
Verwandlungen

Raupe.

Immer hier am Boden kleben
Ist ein gar erbärmlich Loos;
Wie der Falter fröhlich flattert —
Und ich Aermste krieche blos!

Ja, ich muß sie mir erwerben
Solche Flügel, leicht und klar,
Spinnen solch ein Kleid, und flattern
Mit der andern frohen Schar.

Puppe.

Ach, ich dürft' es nicht erringen!
Arm, verlassen häng' ich hier,
O, wo seid ihr, bunte Schwingen?
Wonnevolles Luftrevier?

Kroch' ich noch auf kahler Erden
Als ein Würmlein klar und licht!
Was ich war, darf ich nicht werden,
Was ich strebte, werd' ich nicht!

Schmetterling.

Wie lockt es, wie duftet's
So blütenschwer!
Sonnige Bläue
Rings umher!
Wo seid ihr, Leiden
Der Prüfungszeit?
Ich taumle, ich schwelge
In Seligkeit!

Eduard von Bauernfeld

Letzte Änderung: 30 Aug 2018 09:00 von Feschtbrueder. Grund: Leere Zeilen am Ende entfernt.

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31 Aug 2018 08:09 - 31 Aug 2018 08:12 #19006 von Kaninchen



Ungeduld

Ich schnitt' es gern in alle Rinden ein,
Ich grüb' es gern in jeden Kieselstein,
Ich möchte es sä'n auf jedes frische Beet
Mit Kressensamen, der es schnell verrät,
Auf jeden weißen Zettel möcht ich's schreiben:
Dein ist mein Herz, und soll es ewig bleiben.

Ich möchte mir ziehen einen jungen Star,
Bis daß er spräch' die Worte rein und klar,
Bis er sie spräch' mit meines Mundes Klang,
Mit meines Herzens vollem, heißen Drang;
Dann säng' er hell durch ihre Fensterscheiben:
Dein ist mein Herz, und soll es ewig bleiben.

Den Morgenwinden möchte ich's hauchen ein,
Ich möchte es säuseln durch den regen Hain;
O, leuchtet' es aus jedem Blumenstern!
Trüg' es der Duft zu ihr von nah und fern!
Ihr Wogen, könnt ihr nichts als Räder treiben?
Dein ist mein Herz, und soll es ewig bleiben.

Ich meint', es müßt' in meinen Augen stehn,
Auf meinen Wangen müßt' mans' brennen sehn,
Zu lesen wär's auf meinem stummen Mund,
Ein jeder Atemzug gäb's laut ihr kund;
Und sie merkt nichts von all dem bangen Treiben:
Dein ist mein Herz, und soll es ewig bleiben!

vertont von Franz Schubert



Wilhelm Müller (1794 - 1827), genannt Griechen-Müller, deutscher Liederdichter (Wander-, Müller-, Griechenlieder) und Philhellene


Denkmal im Dessauer Stadtpark
Letzte Änderung: 31 Aug 2018 08:12 von Kaninchen.

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02 Sep 2018 09:10 #19031 von Kaninchen



Der Neugierige

Ich frage keine Blume,
Ich frage keinen Stern,
Sie können mir nicht sagen,
Was ich erführ so gern.

Ich bin ja auch kein Gärtner,
Die Sterne stehn zu hoch;
Mein Bächlein will ich fragen,
Ob mich mein Herz belog.

O Bächlein meiner Liebe,
Wie bist du heut so stumm!
Will ja nur eines wissen,
Ein Wörtchen um und um.

Ja, heißt das eine Wörtchen,
Das andre heißet Nein,
Die beiden Wörtchen schließen
Die ganze Welt mir ein.

O Bächlein meiner Liebe,
Was bist du wunderlich!
Will's ja nicht weitersagen,
Sag, Bächlein, liebt sie mich?

Wilhelm Müller
Aus der Sammlung Die schöne Müllerin

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03 Sep 2018 08:15 #19041 von Kaninchen



Nur wer die Sehnsucht kennt,
Weiß was ich leide!
Allein und abgetrennt
Von aller Freude,
Seh' ich ans Firmament
Nach jener Seite.
Ach! Der mich liebt und kennt,
Ist in der Weite.
Es schwindelt mir, es brennt
Mein Eingeweide
Nur wer die Sehnsucht kennt,
Weiß, was ich leide!

Johann Wolfgang von Goethe
Wilhelm Meisters Lehrjahre, 1795

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04 Sep 2018 08:25 - 05 Sep 2018 22:55 #19059 von Kaninchen

Im September

Wir wollen in den Nussbusch gehn
Und dort einmal zum Rechten sehn.
Das Eichhorn und der Häher
Sind arge Nüssespäher,
Der Buntspecht und die Haselmaus,
Die lieben auch den Nusskernschmaus!
Sie nagen und sie zwicken,
Sie hacken und sie picken,
Und wer nicht kommt zur rechten Zeit,
Geht, wie ihr wisst, der Mahlzeit queit.

Wir wollen in den Garten gehen
Und dort einmal zum Rechten sehn.
Zur Nachtzeit war es windig!
Nun seht nur her! Was find ich
Im sand’gen Steig, im grünen Gras,
Bald hier, bald dort? Was ist denn das?
Äpfel mit roten Stirnen
Und goldgestreifte Birnen!
Und dort beim Eierpflaumenbaum ...
O seht nur hin! Man glaubt es kaum!

Wir wollen an den Zaun hin gehn
Und dort einmal zum Rechten sehn.
Was steht denn gleich dahinter?
O seht, zwei arme Kinder!
Sie ladet hinter ihrem Haus
Kein Garten ein zu frohem Schmaus.
Da sollte man doch denken:
Heut’ gibt’s was zu verschenken!
Und merkt ihr erst, wie wohl das tut,
Da schmeckt es euch noch mal so gut.


Heinrich Seidel
Letzte Änderung: 05 Sep 2018 22:55 von Feschtbrueder. Grund: Formatierung rechtsbündig > zentriert

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