Gedichte

Mehr
23 Nov 2018 07:45 #20199 von Kaninchen


Heimweg

Mein Heimweg ist nicht lang
Er lässt mir grade Zeit
zu einem Lobgesang
auf meine Tüchtigkeit.
Ich saß beim Alkohol
und schwatzte angenehm
von Kunst und Menschenwohl:
ich weiß nicht mehr zu wem.
Jetzt aber geh ich heim
und lobe meinen Fleiß,
der stets mit einem Reim
sich zu bestätigen weiß.

Erich Mühsam
deutscher Schriftsteller

Bitte Anmelden oder Registrieren um der Konversation beizutreten.

Mehr
24 Nov 2018 08:16 #20217 von Kaninchen


Das Mädchen mit den hellen Augen

Das Mädchen mit den hellen Augen,
Die wollte keines Liebste sein;
Sie sprang und ließ die Zöpfe fliegen,
Die Freier schauten hindrein.

Die Freier standen ganz von ferne
In blanken Röcken lobesam.
»Frau Mutter, ach, so sprecht ein Wörtchen
Und macht das liebe Kindlein zahm!«

Die Mutter schlug die Händ’ zusammen,
Die Mutter rief: »Du töricht Kind,
Greif zu, greif zu! Die Jahre kommen,
Die Freier gehen gar geschwind!«

Sie aber ließ die Zöpfe fliegen
Und lachte alle Weisheit aus;
Da sprang durch die erschrocknen Freier
Ein toller Knabe in das Haus.

Und wie sie bog das wilde Köpfchen,
Und wie ihr Füßchen schlug den Grund,
Er schloß sie fest in seine Arme
Und küßte ihren roten Mund.

Die Freier standen ganz von ferne,
Die Mutter rief vor Staunen schier:
»Gott schütz dich vor dem ungeschlachten,
Ohn Maßen groben Kavalier!«





Theodor Storm

Bitte Anmelden oder Registrieren um der Konversation beizutreten.

Mehr
25 Nov 2018 08:28 #20235 von Kaninchen


E. Marlitt, bürgerlich Friederieke Henriette Christiane Eugenie John (* 5. Dezember 1825 † 22. Juni 1887 ) war eine deutsche Schriftstellerin


Grauer Himmel



Die Sonne will nicht kommen,
Die Blumen so traurig sind.
»Sie hat Euch alle vergessen«,
Spricht höhnisch der kalte Wind.

Ein Schlüssel von blankem Golde
Ist heller Sonnenschein,
Der öffnet die Blumenherzen
Und stiehlt sich leise hinein.

Nun hat er sie treulos verlassen,
Die Blumen weinen allein.
Muß immer Lieben und Täuschen
So eng denn verbunden sein?

Bitte Anmelden oder Registrieren um der Konversation beizutreten.

Mehr
26 Nov 2018 08:01 #20260 von Kaninchen
Sehnsucht

Es kehrt der junge Frühling wieder
Und schmückt dem Baum mit frischen Grün
Und lehrt den Vögeln neue Lieder
Und macht die Blumen schöner blüh´n.

Doch was ist mir die Frühlingswonne
Hier im fernen, fremden Land?
Ich sehn´ mich nach der Heimat Sonne,
Ich sehn´ mich nach der Isar Strand.

Ich sehn´ mich nach den dunklen Bäumen,
Ich sehn´ mich nach dem grünen Fluss,
Der leis in meinen Abendträumen
Gemurmelt seinen Abschiedgruß.

Elisabeth von Oesterreich, 1854

Bitte Anmelden oder Registrieren um der Konversation beizutreten.

Mehr
27 Nov 2018 08:00 #20269 von Kaninchen



Diplomatischer Rat

Ein Marder fraß die Hühner gern,
Doch wußt er nicht, wie sie erhaschen;
Er fragt den Fuchs, 'nen alten Herrn,
Dem Steifheit schon verbot das Naschen.
Der sagt ihm: »Freund, der Rat ist alt,
Was hilft zu zögern, brauch Gewalt!«
Der Marder stürmt in vollem Lauf,
Die Hühner aber flattern auf,
Die eine gackernd, kreischend jene,
Gerade in des Fuchses Zähne,
Der gegenüber lauernd lag
Und mühlos hielt den Erntetag.

Wenn du nach Hühnern lüstern bist,
Frag keinen, der sie selbst gern frißt.




Franz Grillparzer



Bitte Anmelden oder Registrieren um der Konversation beizutreten.

Mehr
28 Nov 2018 07:50 #20286 von Kaninchen


November

Solchen Monat muss man loben
keiner kann wie dieser toben,
keiner so verdrießlich sein
und so ohne Sonnenschein!

Keiner so in Wolken maulen,
keiner so mit Sturmwind graulen!
Und wie nass er alles macht!
Ja, es ist 'ne wahre Pracht!

Seht das schöne Schlackerwetter!
Und die armen welken Blätter,
wie sie tanzen in dem Wind
und so ganz verloren sind!

Wie der Sturm sie jagt und zwirbelt
und sie durcheinander wirbelt
und sie hetzt ohn' Unterlass:
ja, das ist Novemberspaß!

Und die Scheiben, wie sie rinnen!
Und die Wolken, wie sie spinnen
ihren feuchten Himmelstau
ur und ewig, trüb und grau!

Auf dem Dach die Regentropfen:
wie sie pochen, wie sie klopfen!
Schimmernd hängt's an jedem Zweig,
einer dicken Träne gleich.

Oh wie ist der Mann zu loben
der solch unvernünft'ges Toben
schon im voraus hat bedacht
und die Häuser hohl gemacht:

so, dass wir im Trocknen hausen
und mit stillvergnügtem Grausen
und in wohlgeborgner Ruh
solchem Greuel schauen zu.

Heinrich Seidel







Bitte Anmelden oder Registrieren um der Konversation beizutreten.

Ladezeit der Seite: 0.165 Sekunden
Powered by Kunena Forum