Gedichte

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02 Nov 2018 08:02 #19947 von Kaninchen



Novembertag

Nebel hängt wie Rauch ums Haus,
drängt die Welt nach innen;
ohne Not geht niemand aus;
alles fällt in Sinnen.

Leiser wird die Hand, der Mund,
stiller die Gebärde.
Heimlich, wie auf Meeresgrund,
träumen Mensch und Erde.

Christian Morgenstern



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03 Nov 2018 07:57 - 03 Nov 2018 07:58 #19959 von Kaninchen
Klabund
Letzte Änderung: 03 Nov 2018 07:58 von Kaninchen.

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04 Nov 2018 08:19 #19977 von Kaninchen



An meinen Kaktus

Du alter Stachelkaks,
Du bist kein Bohnerwachs,
Kein Gewächs, das die Liebe sich pflückt,
Sondern du bist nur ein bißchen verrückt.

Ich weiß, daß du wenig trinkst.
Du hast auch keinerlei Duft.
Aber, ohne daß du selber stinkst,
Saugst du Stubenmief ein wie Tropenluft.

Du springst niemals Menschen an oder Vieh.
Wer aber mit Absicht oder versehentlich
Sich einmal auf dich
Setzte, vergißt dich nie.

Ein betrunkener, lachender Neger
Schenkte dich mir, du lustiges Kleines,
Daß ich den Vater ersetze dir kantigem Ableger
Eines verrückten, stets starren Stachelschweines.

Joachim Ringelnatz

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05 Nov 2018 07:40 #19991 von Kaninchen


Lampe und Spiegel

"Sie faule, verbummelte Schlampe!"
sagte der Spiegel zur Lampe.
"Sie altes, schmieriges Scherbenstück!"
gab die Lampe dem Spiegel zurück.

Der Spiegel in seiner Erbitterung
bekam einen ganz gewaltigen Sprung.
Der zornigen Lampe verging die Puste:
Sie fauchte, rauchte, schwelte und rußte.

Das Stubenmädchen ließ beide in Ruhe
und doch - man schob ihr die Schuld in die Schuhe.

Joachim Ringelnatz

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06 Nov 2018 07:47 #20000 von Kaninchen



Die Vogelscheuche


Die Raben rufen: "Krah, krah, krah!
Wer steht denn da, wer steht denn da?
Wir fürchten uns nicht, wir fürchten uns nicht
vor dir mit deinem Brillengesicht.
Wir wissen ja ganz genau,
du bist nicht Mann, du bist nicht Frau.
Du kannst ja nicht zwei Schritte gehn
und bleibst bei Wind und Wetter stehn.
Du bist ja nur ein blosser Stock,
mit Stiefeln, Hosen, Hut und Rock.
Krah, krah, krah!"

Christian Morgenstern
deutscher Dichter

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07 Nov 2018 08:00 - 07 Nov 2018 08:01 #20016 von Kaninchen
Die Erde wär ein Jammerthal,
(Wie unser Pfarrer spricht)
Des Menschen Leben Müh und Qual,
Hätt' er den Rheinwein nicht.
Der macht die kalte Seele warm;
Der allerkleinste Tropf
Vertreibt den ganzen Grillenschwarm
Dem Zecher aus dem Kopf.

Ludwig Heinrich Christoph Hölty
(1748 - 1776),
deutscher Lieder-, Hymnen-, Balladen- und Odendichter

Letzte Änderung: 07 Nov 2018 08:01 von Kaninchen.

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