Gedichte

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31 Okt 2017 07:45 - 31 Okt 2017 07:48 #14611 von Kaninchen
Die zwei Raben

Theodor Fontane
1855

Ich ging über's Heidemoor allein,
Da hört ich zwei Raben kreischen und schrein;
Der eine rief dem andern zu:
»Wo machen wir Mittag, ich und du?«

»Im Walde drüben liegt unbewacht
Ein erschlagener Ritter seit heute Nacht,
Und niemand sah ihn im Waldesgrund,
Als sein Lieb´  und sein Falke  und sein Hund.

Sein Hund auf neue Fährte geht,
Sein Falk´ auf frische Beute späht,
Sein Lieb ist mit ihrem Buhlen  fort, –
Wir können in Ruhe speisen dort.«

»Du setzest auf seinen Nacken dich,
Seine blauen Augen, die sind für mich,
Eine goldene Locke aus seinem Haar
Soll wärmen das Nest uns nächstes Jahr.«

»Manch einer wird sprechen: Ich hatt' ihn lieb!
Doch keiner wird wissen, wo er blieb,
Und hingehn über sein bleich Gebein 
Wird Wind und Regen und Sonnenschein.«

Letzte Änderung: 31 Okt 2017 07:48 von Kaninchen.

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01 Nov 2017 07:17 - 01 Nov 2017 07:22 #14627 von Kaninchen
NOVEMBER

Solchen Monat muss man loben:
Keiner kann wie dieser toben,
Keiner so verdriesslich sein
Und so ohne Sonnenschein!
Keiner so in Wolken maulen,
Keiner so mit Sturmwind graulen!
Und wie nass er alles macht!
Ja, es ist 'ne wahre Pracht.
Seht das schöne Schlackerwetter!
Und die armen welken Blätter,
Wie sie tanzen in dem Wind
Und so ganz verloren sind!
Wie der Sturm sie jagt und zwirbelt
Und sie durcheinanderwirbelt
Und sie hetzt ohn' Unterlass:
Ja, das ist Novemberspass!
Und die Scheiben, wie sie rinnen!
Und die Wolken, wie sie spinnen
Ihren feuchten Himmelsthau
Ur und ewig, trüb und grau!
Auf dem Dach die Regentropfen:
Wie sie pochen, wie sie klopfen!
Schimmernd hängt's an jedem Zweig,
Einer dicken Thräne gleich.
O, wie ist der Mann zu loben,
Der solch' unvernünft'ges Toben
Schon im Voraus hat bedacht
Und die Häuser hohl gemacht!
So, dass wir im Trocknen hausen
Und mit stillvergnügtem Grausen
Und in wohlgeborgner Ruh
Solchem Greuel schauen zu!

Heinrich Seidel


Letzte Änderung: 01 Nov 2017 07:22 von Kaninchen.

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02 Nov 2017 07:12 #14639 von Kaninchen


Allerseelen 


Nun welkt, was einstens grün war, Philippine.
Nach dem Gesetze der Vergänglichkeit
Weist die Natur uns ihre Sterbemiene.
Auch uns, Geliebte, droht es seinerzeit!

O schaue rings um dich! Mit ernsten Lettern
Schreibt es der Herbst in unser Lebensbuch:
Wir werden nach und nach uns ganz entblättern,
Dann, Philippine, kommt das Leichentuch

Sieh dort am Rand des Waldes: immer gelber
Färbt sich die Linde; gestern war sie grün.
Und sprich, Geliebte, merkst du es nicht selber,
Das unsre Triebe minder heftig glühn?

Die Glocken läuten dumpf. 's ist Allerseelen.
Man wendet seinen Sinn den Toten zu.
Wie bald wird eines von uns beiden fehlen!
Entweder ich – entweder oder du!

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03 Nov 2017 05:54 #14644 von Glögglifrosch
Facebook unser:
Facebook unser im Internet,
geheiligt werde dein Login,
dein Spam komme,
dein Like geschehe,
wie auf dem Computer,
so auf dem Smartphone.
Unseren täglichen Status gib uns heute,
und vergib uns unseren Stups,
wie auch wir vergeben unseren Stupsern.
Und führe uns nicht ins Bloggen,
sondern erlöse uns von den Spamern.
Denn dein sind die Phrases,
und die Uploads und die PMs
in Ewigkeit, offline

Nichts in der Welt wirkt so ansteckend, wie lachen und gute Laune.
Dateianhang:

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04 Nov 2017 07:18 #14665 von Kaninchen

Zachariä, Justus Friedrich Wilhelm
(1726-1777)

Die Republik der Spinnen

Dem Spinnenvolke fiel es ein,
In Zukunft sicherer zu seyn,
Und nicht Jedwedem zu vergönnen,
In ihrem Schloß herum zu rennen,
Sie wohnten eben dazumal
In einem großen wüsten Saal,
Durch dessen offne Fensterbogen
Stets Mücke, Schwalb' und Sperling flogen.
Wir wollen (murreten die Spinnen)
Den Vortheil euch wohl abgewinnen;
Und zogen in die Läng' und Quer'
Viel Fäden vor den Fenstern her.
Doch Schwalb' und Sperling kamen bald
Und fuhren dreist und mit Gewalt
Durch diese leichten Spinnenweben,
Und nur die Mücken blieben kleben.
Ganz so, wie diese Spinnennetze,
Sind oft im Staate die Gesetze.
Kein Mächt'ger wird darin gefangen,
Nur bloß der Schwache bleibt d'rin hangen.

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05 Nov 2017 07:10 - 05 Nov 2017 09:03 #14677 von Kaninchen
 
Joachim Ringelnatz  
(1883-1934)

Schöne Fraun mit schönen Katzen
 
Schöne Fraun und Katzen pflegen
Häufig Freundschaft,  wenn sie gleich sind,
Weil sie weich sind
Und mit Grazie sich bewegen.
 

Weil sie leise sich verstehen,
Weil sie selber leise gehen,
Alles Plumpe oder Laute
Fliehen und als wohlgebaute  
Wesen stets ein schönes Bild sind.
 

Unter sich sind sie Vertraute, 
Sie,  die sonst unzähmbar wild sind.
 

Fell wie Samt und Haar wie Seide.
Allverwöhnt.  -  Man meint, dass beide
Sich nach nichts, als danach sehnen,
Sich auf Sofas schön zu dehnen.
 

Schöne Fraun mit schönen Katzen,
Wem von ihnen man dann schmeichelt,
Wen von ihnen man gar streichelt,
Stets riskiert man,  dass sie kratzen.
 

Denn sie haben meistens Mucken,
Die zuletzt uns andre jucken. 
Weiß man recht, ob sie im Hellen 
Echt sind oder sich verstellen?
 

Weiß man,  wenn sie tief sich ducken,
Ob das nicht zum Sprung geschieht?
Aber abends,  nachts,  im Dunkeln,
Wenn dann ihre Augen funkeln,
Weiß man alles oder flieht  
Vor den Funken,  die sie stieben.
 

Doch man soll nicht Fraun,  die ihre
Schönen Katzen wirklich lieben,  
Menschen überhaupt,  die Tiere
Lieben,  dieserhalb verdammen.
 

Sind Verliebte auch wie Flammen,
Zu-  und ineinander passend,
Alles Fremde aber hassend.
 

Ob sie anders oder so sind,
Ob sie männlich,  feminin sind,
Ob sie traurig oder froh sind,
Aus Madrid oder Berlin sind,
Ob sie schwarz,  ob gelb,  ob grau,  -
 

Auch wer weder Katz noch Frau
Schätzt,  wird Katzen gern mit Frauen,
Wenn sie beide schön sind, schauen.
 

Doch begegnen Ringelnatzen
Hässlich alte Fraun mit Katzen,  
Geht er schnell drei Schritt zurück.
Denn er sagt:  Das bringt kein Glück.
Letzte Änderung: 05 Nov 2017 09:03 von Feschtbrueder. Grund: Leerzeilen am Ende entfernt

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