Gedichte
- Kaninchen
-
- Offline
- Platinum Boarder
-
Weniger
Mehr
- Beiträge: 28344
24 Mai 2019 08:04 #23340
von Kaninchen
Johann Gottfried Herder, Gemälde von Anton Graff, 1785, Gleimhaus Halberstadt
Aus dem Meer der Götterfreuden
Ward ein Tröpfchen ausgeschenkt,
Ward gemischt mit manchen Leiden,
Leerer Ahnung, falschen Freuden,
Ward im Nebelmeer ertränkt!
Aber auch im Nebelmeere
Ist der Tropfen Seligkeit;
Einen Augenblick ihn trinken,
Rein ihn trinken und versinken,
Ist Genuß der Ewigkeit.
Johann Gottfried von Herder (1744 - 1803), deutscher Kulturphilosoph, Theologe, Ästhetiker, Dichter und Übersetzer
Johann Gottfried Herder, Gemälde von Anton Graff, 1785, Gleimhaus Halberstadt
Aus dem Meer der Götterfreuden
Ward ein Tröpfchen ausgeschenkt,
Ward gemischt mit manchen Leiden,
Leerer Ahnung, falschen Freuden,
Ward im Nebelmeer ertränkt!
Aber auch im Nebelmeere
Ist der Tropfen Seligkeit;
Einen Augenblick ihn trinken,
Rein ihn trinken und versinken,
Ist Genuß der Ewigkeit.
Johann Gottfried von Herder (1744 - 1803), deutscher Kulturphilosoph, Theologe, Ästhetiker, Dichter und Übersetzer
Bitte Anmelden oder Registrieren um der Konversation beizutreten.
- Kaninchen
-
- Offline
- Platinum Boarder
-
Weniger
Mehr
- Beiträge: 28344
25 Mai 2019 07:41 - 25 Mai 2019 07:42 #23357
von Kaninchen
Roter Mohn
Rotflammender Mohn den Hag entlang,
Rotflammender Mohn am hügelhang,
Wohin auch das Auge sich wendet, loht
Es hüben und drüben in leuchtendem Rot.
Die brennende Sonne des Juli lacht
Aus strahlendem Blau herab auf die Fracht;
Ihr Kuß hat die schlummernden Knospen geweckt,
Die taufrische Halde mit Blüten bedeckt.
Und wenn nun ein flüchtiger Windhauch nur
Mit heimlichem Flüstern bestreicht die Flur,
Da fährt sie empor, ein hin und her
In purpurnen Wogen wallendes Meer.
Das letzte Gekräusel verzittert am Saum
Des Waldes, gleich wonnigem Morgentraum,
Und leise nickend grüßt Berg und Tal
Rotflammend der Mohn im Mittagsstrahl.
Antonie Jüngst *1843 †1918
Roter Mohn
Rotflammender Mohn den Hag entlang,
Rotflammender Mohn am hügelhang,
Wohin auch das Auge sich wendet, loht
Es hüben und drüben in leuchtendem Rot.
Die brennende Sonne des Juli lacht
Aus strahlendem Blau herab auf die Fracht;
Ihr Kuß hat die schlummernden Knospen geweckt,
Die taufrische Halde mit Blüten bedeckt.
Und wenn nun ein flüchtiger Windhauch nur
Mit heimlichem Flüstern bestreicht die Flur,
Da fährt sie empor, ein hin und her
In purpurnen Wogen wallendes Meer.
Das letzte Gekräusel verzittert am Saum
Des Waldes, gleich wonnigem Morgentraum,
Und leise nickend grüßt Berg und Tal
Rotflammend der Mohn im Mittagsstrahl.
Antonie Jüngst *1843 †1918
Letzte Änderung: 25 Mai 2019 07:42 von Kaninchen.
Bitte Anmelden oder Registrieren um der Konversation beizutreten.
- Feschtbrueder
-
Autor
- Offline
- Administrator
-
Weniger
Mehr
- Beiträge: 13481
26 Mai 2019 07:02 #23367
von Feschtbrueder
Humor ist, wenn man trotzdem lacht! Lachen ist die beste Medizin!
Sommer
Wenn im Sommer der rote Mohn
wieder glüht im gelben Korn,
wenn des Finken süsser Ton
wieder lockt im Hagedorn,
wenn es wieder weit und breit
feierklar und fruchtstill ist,
dann erfüllt sich uns die Zeit,
die mit vollen Massen misst.
Dann verebbt, was uns bedroht,
dann verweht, was uns bedrückt,
über dem Schlangenkopf der Not
ist das Sonnenschwert gezückt.
Glaube nur, es wird geschehn!
Wende nicht den Blick zurück!
Wenn die Sommerwinde wehn,
werden wir in Rosen gehn,
und die Sonne lacht uns Glück!
Otto Bierbaum (1865 - 1910)
Wenn im Sommer der rote Mohn
wieder glüht im gelben Korn,
wenn des Finken süsser Ton
wieder lockt im Hagedorn,
wenn es wieder weit und breit
feierklar und fruchtstill ist,
dann erfüllt sich uns die Zeit,
die mit vollen Massen misst.
Dann verebbt, was uns bedroht,
dann verweht, was uns bedrückt,
über dem Schlangenkopf der Not
ist das Sonnenschwert gezückt.
Glaube nur, es wird geschehn!
Wende nicht den Blick zurück!
Wenn die Sommerwinde wehn,
werden wir in Rosen gehn,
und die Sonne lacht uns Glück!
Otto Bierbaum (1865 - 1910)
Bitte Anmelden oder Registrieren um der Konversation beizutreten.
- Kaninchen
-
- Offline
- Platinum Boarder
-
Weniger
Mehr
- Beiträge: 28344
26 Mai 2019 08:44 #23380
von Kaninchen
Europa und der Stier - Fresko aus Pompeji
1. Jahrhundert etwa zur Zeit Ovid´s
Auf die Europa
Als Zeus Europen lieb gewann,
Nahm er, die Schöne zu besiegen,
Verschiedene Gestalten an,
Verschieden ihr verschiedlich anzuliegen.
Als Gott zuerst erschien er ihr;
Dann als ein Mann, und endlich als ein Tier.
Umsonst legt er, als Gott, den Himmel ihr zu Füßen:
Stolz fliehet sie vor seinen Küssen.
Umsonst fleht er, als Mann, im schmeichelhaften Ton:
Verachtung war der Liebe Lohn.
Zuletzt – mein schön Geschlecht, gesagt zu deinen Ehren! –
Ließ sie – von wem? – vom Bullen sich betören.
Gotthold Ephraim Lessing
Europa und der Stier - Fresko aus Pompeji
1. Jahrhundert etwa zur Zeit Ovid´s
Auf die Europa
Als Zeus Europen lieb gewann,
Nahm er, die Schöne zu besiegen,
Verschiedene Gestalten an,
Verschieden ihr verschiedlich anzuliegen.
Als Gott zuerst erschien er ihr;
Dann als ein Mann, und endlich als ein Tier.
Umsonst legt er, als Gott, den Himmel ihr zu Füßen:
Stolz fliehet sie vor seinen Küssen.
Umsonst fleht er, als Mann, im schmeichelhaften Ton:
Verachtung war der Liebe Lohn.
Zuletzt – mein schön Geschlecht, gesagt zu deinen Ehren! –
Ließ sie – von wem? – vom Bullen sich betören.
Gotthold Ephraim Lessing
Bitte Anmelden oder Registrieren um der Konversation beizutreten.
- Kaninchen
-
- Offline
- Platinum Boarder
-
Weniger
Mehr
- Beiträge: 28344
27 Mai 2019 07:27 #23391
von Kaninchen
Bitte Anmelden oder Registrieren um der Konversation beizutreten.
- Kaninchen
-
- Offline
- Platinum Boarder
-
Weniger
Mehr
- Beiträge: 28344
28 Mai 2019 07:39 - 29 Mai 2019 08:22 #23410
von Kaninchen
Seepferdchen
Als ich noch ein Seepferdchen war,
im vorigen Leben,
wie war das wonnig, wunderbar
unter Wasser zu schweben.
In den träumenden Fluten
wogte, wie Güte, das Haar
der zierlichsten aller Seestuten,
die meine Geliebte war.
Wir senkten uns still oder stiegen,
tanzten harmonisch umeinand,
ohne Arm, ohne Bein, ohne Hand,
wie Wolken sich in Wolken wiegen.
Sie spielte manchmal graziöses Entfliehn,
auf daß ich ihr folge, sie hasche,
und legte mir einmal im Ansichziehn
Eierchen in die Tasche.
Sie blickte traurig und stellte sich froh,
schnappte nach einem Wasserfloh,
und ringelte sich
an einem Stengelchen fest und sprach so:
Ich liebe dich!
Du wieherst nicht, du äpfelst nicht,
du trägst ein farbloses Panzerkleid
und hast ein bekümmertes altes Gesicht,
als wüßtest du um kommendes Leid.
Seestütchen! Schnörkelchen! Ringelnaß!
Wann war wohl das?
Joachim Ringelnatz
Als ich noch ein Seepferdchen war,
im vorigen Leben,
wie war das wonnig, wunderbar
unter Wasser zu schweben.
In den träumenden Fluten
wogte, wie Güte, das Haar
der zierlichsten aller Seestuten,
die meine Geliebte war.
Wir senkten uns still oder stiegen,
tanzten harmonisch umeinand,
ohne Arm, ohne Bein, ohne Hand,
wie Wolken sich in Wolken wiegen.
Sie spielte manchmal graziöses Entfliehn,
auf daß ich ihr folge, sie hasche,
und legte mir einmal im Ansichziehn
Eierchen in die Tasche.
Sie blickte traurig und stellte sich froh,
schnappte nach einem Wasserfloh,
und ringelte sich
an einem Stengelchen fest und sprach so:
Ich liebe dich!
Du wieherst nicht, du äpfelst nicht,
du trägst ein farbloses Panzerkleid
und hast ein bekümmertes altes Gesicht,
als wüßtest du um kommendes Leid.
Seestütchen! Schnörkelchen! Ringelnaß!
Wann war wohl das?
Joachim Ringelnatz
Letzte Änderung: 29 Mai 2019 08:22 von Feschtbrueder. Grund: Forenformatierung
Bitte Anmelden oder Registrieren um der Konversation beizutreten.
Ladezeit der Seite: 0.151 Sekunden
- Aktuelle Seite:
-
Startseite
-
Forum
-
Feschtbrueder's Foren
-
Feschtplatz
- Gedichte