Gedichte

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18 Mai 2019 07:43 #23244 von Kaninchen

Die schönen Bäume
von Heinrich Seidel

Schön ist im Frühling die blühende Linde,
bienendurchsummt und rauschend im Winde,
hold von lieblichen Düften umweht.

Schön ist im Sommer die ragende Eiche,
die riesenhafte, die blätterreiche,
die da in Stürmen und Wettern besteht.

Schön ist im Herbste des Apfelbaums Krone,
die sich dem fleißigen Wandrer zum Lohne
beugt von goldener Früchte Pracht.

Aber noch schöner weiß ich ein Bäumchen,
das gar lieblich im ärmlichsten Räumchen
strahlt in der eisigen Winternacht.

Dieser will uns am besten gefallen.
Ihn verehren wir jauchzend vor allen,
ihn, den herrlichen Weihnachtsbaum.

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19 Mai 2019 08:02 #23257 von Kaninchen


In der Maienfrühe

Gedicht von Heinrich Leuthold

Lang seufzt ich vergebens,
es war mir im Drang
und Unmut des Lebens
verstummt der Gesang.

Nun bauen die Sänger
des Waldes ihr Nest,
nun halten mich länger
die Sorgen nicht fest.

Die Sorge, die eisig,
das Herz mir umschnürt,
hat alle der Zeisig
und Buchfink entführt.

Welch üppiges Blühen
in Wald und Geheg!
Die Qualen und Mühen,
nun jauchz‘ ich sie weg.

Früh auf aus dem Bette,
durch Wald und Gesträuch …
Ich pfeif um die Wette,
ihr Vögel, mit euch!

Ich singe und pfeife,
so wie mir’s gefällt,
durchschwärme, durchstreife
die lachende Welt.

Und sättige wieder
des Herzens Begier …
Auch hab‘ ich ja Lieder
und Flügel wie ihr!


Heinrich Leuthold
war Schweizer Dichter, Übersetzer und Journalist
Ab 1865 lebte er in München, war Mitglied des Dichterkreises "Die Krokodile"
und zählte namhafte Kollegen wie Emanuel Geibel und Paul Heyse zu seinen Freunden

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20 Mai 2019 07:57 #23274 von Kaninchen
Francisca Stoecklin

Die singende Muschel



Als Kind sang eine Muschel
mir das Meer.
Ich konnte träumelang
an ihrem kühlen Munde lauschen.
Und meine Sehnsucht wuchs
und blühte schwer,
und stellte Wünsche und Gestalten
in das ferne Rauschen.

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21 Mai 2019 07:37 #23292 von Kaninchen
Nun laß das Lamentieren

Nun laß das Lamentieren
Und halte Maß!
Man kann nicht mehr verlieren
Als man besaß.

Wer einst mit vollen Armen
So reiches Glück
Umschloß, kann nie verarmen,
Denkt er zurück.

Wer so genoß der Wonne,
So lang er jung,
Den wärmt wie eine Sonne
Erinnerung.

Heinrich Leuthold

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22 Mai 2019 07:50 - 22 Mai 2019 07:52 #23317 von Kaninchen


Die Gaben

Es war ein Pastor, wer weiß wo?
Der predigte nur leeres Stroh,
und manche Klage war geschehn.

Ihn selbst zu hören und zu sehn,
beschloß der Superintendent.
Und als die Predigt war zu End,
da mußte er bedauernd sagen:
Die Leute haben recht, zu klagen.
Wie bring' ich ihm das glimpflich bei,
daß ihm das nicht zu schimpflich sei?

Und darum fing der gute Mann
ganz heimlich und verloren an:
»Ich hörte sie und war ganz Ohr.
Doch, wie bereiten Sie sich vor,
mein lieber Bruder, möcht ich wissen?«

Und jener drauf: »Das kann ich missen!
So mancher druckt und sinnt und schreibt –
ich rede, wie der Geist mich treibt!«

»Ei, ei, was sind mir das für Sachen!
So könnt' ich das fürwahr nicht machen!«
Sprach nun der Superintendent:
»Das wäre nicht mein Element.
Am Donnerstag schon fang ich an
und überlege mir den Plan.
Am Freitag wird er dann entfaltet
und durchgeführt und ausgestaltet.
Dann schreib ich alles sorglich auf
und lern' es in des Samstags Lauf
und bin dann sicher meiner Sachen –
so, denk' ich, müßt' es jeder machen!«

Der Pastor aber schmunzelt sehr,
als ob ihm stark geschmeichelt wär.
»Ja, ja, das glaub' ich. Sicherlich
kann das nicht jedermann wie ich –
das muß der Mensch so in sich haben,
mein lieber Bruder – das sind Gaben!«

Heinrich Seidel
Letzte Änderung: 22 Mai 2019 07:52 von Kaninchen.

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23 Mai 2019 07:47 #23327 von Kaninchen


Wer alles ernst nimmt, was Menschen sagen,
Darf sich nicht über Menschen beklagen.
Alles Reden ist meist nur Gered.
Weiß man erst, was dahintersteht,
Läßt man's klappern wie die Mühlen am Bach
Und geht stillfein in sein eigen Gemach.

Christian Morgenstern

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