Gedichte

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13 Jun 2020 07:58 #29264 von Kaninchen
Elisabeth

Meine Mutter hat's gewollt,
Den andern ich nehmen sollt;
Was ich zuvor besessen,
Mein Herz sollt es vergessen;

Das hat es nicht gewollt.
Meine Mutter klag ich an,
Sie hat nicht wohlgetan;
Was sonst in Ehren stünde,
Nun ist es worden Sünde.
Was fang ich an?

Für all mein Stolz und Freud
Gewonnen hab ich Leid.
Ach, wär das das nicht geschehen,
Ach, könnt ich betteln gehen
Über die braune Heid.

Theodor Storm

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14 Jun 2020 08:44 #29289 von Kaninchen
Ach, war ich glücklich, dieses Gedicht gefunden zu haben :

Die Heinzelmännchen zu Köln

Wie war zu Köln es doch vordem
Mit Heinzelmännchen so bequem!
Denn, war man faul,... man legte sich
Hin auf die Bank und pflegte sich:
Da kamen bei Nacht,
Ehe man's gedacht,
Die Männlein und schwärmten
Und klappten und lärmten,
Und rupften
Und zupften,
Und hüpften und trabten
Und putzten und schabten...
Und eh ein Faulpelz noch erwacht,...
War all sein Tagewerk... bereits gemacht!
Die Zimmerleute streckten sich
Hin auf die Spän' und reckten sich.
Indessen kam die Geisterschar
Und sah was da zu zimmern war.
Nahm Meißel und Beil
Und die Säg' in Eil;
Und sägten und stachen
Und hieben und brachen,
Berappten
Und kappten,
Visierten wie Falken
Und setzten die Balken...
Eh sich's der Zimmermann versah...
Klapp, stand das ganze Haus... schon fertig da!

Beim Bäckermeister war nicht Not,
Die Heinzelmännchen backten Brot.
Die faulen Burschen legten sich,
Die Heinzelmännchen regten sich -
Und ächzten daher
Mit den Säcken schwer!
Und kneteten tüchtig
Und wogen es richtig,
Und hoben
Und schoben,
Und fegten und backten
Und klopften und hackten.
Die Burschen schnarchten noch im Chor:
Da rückte schon das Brot,... das neue, vor!

Beim Fleischer ging es just so zu:
Gesell und Bursche lag in Ruh.
Indessen kamen die Männlein her
Und hackten das Schwein die Kreuz und Quer.
Das ging so geschwind
Wie die Mühl' im Wind!
Die klappten mit Beilen,
Die schnitzten an Speilen,
Die spülten,
Die wühlten,
Und mengten und mischten
Und stopften und wischten.
Tat der Gesell die Augen auf,...
Wapp! hing die Wurst da schon im Ausverkauf!

Beim Schenken war es so: es trank
Der Küfer bis er niedersank,
Am hohlen Fasse schlief er ein,
Die Männlein sorgten um den Wein,
Und schwefelten fein
Alle Fässer ein,
Und rollten und hoben
Mit Winden und Kloben,
Und schwenkten
Und senkten,
Und gossen und panschten
Und mengten und manschten.
Und eh der Küfer noch erwacht,
War schon der Wein geschönt und fein gemacht!

Einst hatt' ein Schneider große Pein:
Der Staatsrock sollte fertig sein;
Warf hin das Zeug und legte sich
Hin auf das Ohr und pflegte sich.
Das schlüpften sie frisch
In den Schneidertisch;
Da schnitten und rückten
Und nähten und stickten,
Und faßten
Und paßten,
Und strichen und guckten
Und zupften und ruckten,
Und eh mein Schneiderlein erwacht:
War Bürgermeisters Rock... bereits gemacht!

Neugierig war des Schneiders Weib,
Und macht sich diesen Zeitvertreib:
Streut Erbsen hin die andre Nacht,
Die Heinzelmännchen kommen sacht:
Eins fähret nun aus,
Schlägt hin im Haus,
Die gleiten von Stufen
Und plumpen in Kufen,
Die fallen
Mit Schallen,
Die lärmen und schreien
Und vermaledeien!
Sie springt hinunter auf den Schall
Mit Licht: husch husch husch husch! - verschwinden all!

O weh! nun sind sie alle fort
und keines ist mehr hier am Ort!
Man kann nicht mehr wie sonsten ruhn,
Man muß nun alles selber tun!
Ein jeder muß fein
Selbst fleißig sein,
Und kratzen und schaben
Und rennen und traben
Und schniegeln
Und biegeln,
Und klopfen und hacken
Und kochen und backen.
Ach, daß es noch wie damals wär!
Doch kommt die schöne Zeit nicht wieder her!

August Kopisch
1799 - 1853
deutscher Kunstexperte, Maler, Gelegenheitsdichter und Übersetzer von neapolitanischen Komödien






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15 Jun 2020 08:16 - 15 Jun 2020 08:18 #29310 von Kaninchen
Der Minister des Äußern
kann sich nicht äußern;
der Minister des Innern
ist schwach im Erinnern,
der Kriegsminister
trägt Szepter und Kron' im Tornister,
der Minister der Finanzen
muß nach jedes Pfeife tanzen,
der Minister des Handels
ist unsichtbaren Wandels,
der Minister der Justiz
hat nicht Stimme, nur Sitz,
der Minister des Kultus
ändert Kultus in stultus
der Chef der Polizei
schüttelt den Kopf dabei.

Franz Grillparzer







Letzte Änderung: 15 Jun 2020 08:18 von Kaninchen.

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15 Jun 2020 17:58 - 15 Jun 2020 18:00 #29314 von Kaninchen
Der Zephir und die Rose

Gedicht von Johann Aloys Blumauer




Um volle Rosenbeetchen
Schwärmt' einst zum Zeitvertreib
Ein junges Zephyrettchen,
Und suchte sich ein Weib.

Der Königin der Rosen
Ergab der Freier sich,
Zu lieben und zu kosen
Verstand er meisterlich.

Die besten Frühlingsdüfte
Bracht' er zum Morgengruß,
Die lau'sten Sommerlüfte
Nahm er zu seinem Kuß.

Und Seufzer stahl und kräuselt'
Er hin zu ihrem Ohr,
Und ganze Tage säuselt'
Er ihr von Liebe vor.

Bald hüpft er auf dem Teiche,
Und amüsirte sie,
Bald schuf er kleine Sträuche
Zu Lauben um für sie.

Der Nachtigallen Töne
Holt' er vom Wald herzu,
Und lullte seine Schöne
Des Nachts damit in Ruh.

Und schlief sie nun, so wühlte
Er kühn in ihrer Brust;
Die Rose träumt' und fühlte
Die nahe Götterlust.

Und ihre süssen Düfte
Verschlang und sammelt' er,
Und trug sie durch die Lüfte
Stolzirend weit umher.

Die Morgentropfen küßte
Er ihr vom Busen früh,
Und keine Freude mißte
Bei seiner Liebe sie.

Umbuhlt von ihrem Freier,
Wähnt sie sich hochbeglückt,
Indeß die Trauungsfeier
Tag täglich näher rückt.

Den letzten Tag im Lenzen
Da ward er Mann, sie Frau;
Von Sang und Freudentänzen
Ertönte Feld und Au.

Der Ehe Sommer glühte
Zwar manchmal heiß, doch schön,
Und seine Gattin blühte
Nun noch einmal so schön.

Der Herbst kam, und was keimte,
Stand nun in voller Frucht,
Das Eh'paar sprach und träumte
Von schöner Rosenzucht.

Doch kälter war das Wehen
Des Gatten um sie her,
Auf Auen und auf Seen
Gab's keine Freuden mehr.

Es rückte täglich kälter
Der Winter nun heran,
Die gute Frau ward älter,
Und frostiger der Mann.

Sein Hauch, der sonst sie kühlte,
Ward nun wie schneidend Eis,
In seinem Säuseln fühlte
Sie sich dem Sturme preis.

Und sprach er nun, so nahm er
Stets beide Backen voll;
Im Sturmgeheule kam er,
Und hauste bittervoll.

Und in des Winters Arme
Fiel Reiz auf Reiz von ihr;
Im kurzen sah die Arme
Sich blätterlos und dürr.

Doch ward darum nicht milder
Des Mannes Winterhauch,
Er stürmte desto wilder
In seinen - Dornenstrauch.

Aus der Sammlung Satyrische, scherzhafte und erotische Gedichte



Letzte Änderung: 15 Jun 2020 18:00 von Kaninchen.

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17 Jun 2020 07:46 - 17 Jun 2020 07:53 #29338 von Kaninchen
Schwalben-Tatoos

Glücksbringer
Wie schon ein alter Glaube besagte, bringen Schwalben auf dem Dach Glück und segnen das ganze Haus. In Asien steht sie außerdem für Erfolg und Kindersegen.

Schwalbe auf der Brust
Matrosen trugen die Schwalbe häufig auf der Brust, da sie sich damit Erlösung erhofften: Denn nach dem Tod auf See sollte die Schwalbe die Seele in den Himmel tragen. Wer also heute noch ein Tattoo auf der Brust trägt, hält auch an diesem Gedanken fest.

Seelenverwandtschaft
Schwalben bleiben ein Leben lang mit ihrem Partner zusammen. Zwei Schwalben als Tattoos stehen dementsprechend oft für Zusammenhalt, Liebe, Partnerschaft und Loyalität. Wenn sie dazu noch einen Ring in ihrem Schnabel tragen, stehen sie für das Eheversprechen oder ewige Seelenverwandtschaft.

Erinnerung an eine Person
Wenn ein geliebter Mensch gestorben ist, lassen sich viele eine Schwalbe, gemeinsam mit dem Namen der Person, stechen. Dies hat einen traurigen, aber zugleich schönen Hintergrund: So wie die Schwalbe ist auch die Seele des Menschen nun frei. Häufig werden jedoch auch noch lebende Personen als Schwalben-Tattoo verewigt.



Schwalben

Eine tote Schwalbe
Liegt auf meinem Pfad.
Allzu spät dem Nest entronnen
Hat sie nicht die Kraft gewonnen,
Mit den andern fortzufliegen
Nach den schönen bessern Sonnen,
Und blieb liegen,
Als der Frost genaht.

Arme tote Schwalbe,
Viele sind wie du,
Denen allzu spät das Leben
Allzu karg Erfolg gegeben,
Ach, und müssen dann erliegen,
Während andre weiterfliegen
Ihren Siegen,
Ihren Sonnen zu …

A. de Nora
(1864 - 1936)
Pseudonym für Anton Alfred Noder, deutscher Arzt und Dichter

Letzte Änderung: 17 Jun 2020 07:53 von Kaninchen.

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18 Jun 2020 07:42 #29362 von Kaninchen
Erich Kästner

Das verhexte Telefon

Neulich waren bei Pauline
Sieben Kinder beim Kaffee.
Und der Mutter taten schließlich
Von dem Krach die Ohren weh.

Deshalb sagte sie: „Ich gehe.
Aber treibt es nicht zu toll.
Denn der Doktor hat verordnet,
Dass ich mich nicht ärgern soll.“

Doch kaum war sie aus dem Hause,
Schrie die rote Grete schon:
„Kennt ihr meine neuste Mode?
Kommt mal mit ans Telefon.“

Und sie rannten wie die Wilden
An den Schreibtisch des Papas.
Grete nahm das Telefonbuch,
Blätterte darin und las.

Dann hob sie den Hörer runter,
Gab die Nummer an und sprach:
„Ist dort der Herr Bürgermeister?
Ja? Das freut mich. Guten Tag!

Hier ist Störungsstelle Westen.
Ihre Leitung scheint gestört.
Und da wäre es am besten,
Wenn man Sie mal sprechen hört.

Klingt ganz gut …Vor allen Dingen
Bittet unsere Stelle Sie,
Prüfungshalber was zu singen.
Irgendeine Melodie.“

Und die Grete hielt den Hörer
Allen sieben an das Ohr.
Denn der brave Bürgermeister
Sang: „Am Brunnen vor dem Tor.“

Weil sie schrecklich lachen mussten,
Hängten sie den Hörer ein.
Dann trat Grete in Verbindung
Mit Finanzminister Stein.

„Exzellenz, hier Störungsstelle.
Sagen Sie doch dreimal „Schrank“.
Etwas lauter, Herr Minister!
Tschuldigung und besten Dank.“

Wieder mussten alle lachen.
Hertha schrie: „Hurra!“, und dann
Riefen sie von neuem lauter
Sehr berühmte Männer an.

Von der Stadtbank der Direktor
Sang zwei Strophen „Hänschen klein“,
Und der Intendant der Oper
Knödelte die „Wacht am Rhein“.

Ach, sogar den Klassenlehrer
Rief man an. Doch sagte der:
„Was für Unsinn? Störungsstelle –
Grete, Grete! Morgen mehr.“

Das fuhr allen in die Glieder
Was geschah am Tage drauf?
Grete rief: „Wir tun’s nicht wieder.“
Doch er sagte: „Setzt euch nieder.
Was habt ihr im Rechnen auf?“

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