Gedichte

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13 Sep 2021 07:22 #37826 von Kaninchen
List hat gar flinke Hände
Und schleicht geheime Bahn,
Drückt sich um Zaun und Wände
An ihren Raub heran;
Sie bringt durch ihr Geblende
Der Redlichkeit oft Gram;
Doch ist des Fuchses Ende
Meist in des Kürschners Kram.

 

Karl Ferdinand Dräxler-Manfred (1805 - 1879), deutscher Schriftsteller

Quelle: Dräxler-Manfred, Sibyllinische Blätter. Selbstschau und Weltbetrachtung, 1860

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14 Sep 2021 07:26 #37840 von Kaninchen
 
 Denn Wein ist der Glättstein
Des Trübsinns, der Wetzstein
Des Stumpfsinns, der Brettstein
Des Sieges im Schach.
Ja, Wein ist der Meister
Der Menschen und Geister,
Der Feige macht dreister
Und stärket, was schwach;
Der krankes gesund macht,
Verborgenes kund macht,
Und Morgen aus Nacht.

 

al-Hariri
1054 - 1122
arabischer Dichter und Grammatiker
 

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15 Sep 2021 07:34 #37857 von Kaninchen
Volkslied

 

Wenn ich zwei Vöglein wär
Und auch vier Flügel hätt,
Flög die eine Hälfte zu dir.
Und die andere, die ging auch zu Bett,
Aber hier zu Haus bei mir.

Wenn ich einen Flügel hätt
Und gar kein Vöglein wär,
Verkaufte ich ihn dir
Und kaufte mir dafür ein Klavier.

Wenn ich kein Flügel wär
(Linker Flügel beim Militär)
Und auch keinen Vogel hätt,
Flög ich zu dir.
Da 's aber nicht kann sein,
Bleib ich im eignen Bett
Allein zu zwein.

Joachim Ringelnatz
1883 - 1934
 deutscher Lyriker,
Erzähler und Maler

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16 Sep 2021 07:35 #37867 von Kaninchen
Baum im Herbste

Was habt ihr plumpen Tölpel mich gerüttelt
Als ich in seliger Blindheit stand:
Nie hat ein Schreck grausamer mich geschüttelt
Mein Traum‚ mein goldner Traum entschwand !

Nashörner ihr mit Elefanten-Rüsseln
Macht man nicht höflich erst: Klopf ! Klopf ?
Vor Schrecken warf ich euch die Schüsseln
Goldreifer Früchte — an den Kopf.

Friedrich Nietzsche
1844 - 1900
deutscher Philosoph

 

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17 Sep 2021 07:25 #37884 von Kaninchen
Verzogen,
Verflogen,
Alle Vögel aus dem Nest !
Nur die Mauern,
Sie dauern,
Überdauern die Gäst'.

Junge Zeiten,
Sie schreiten
Wie Geister vorbei.
Wo ist nun geblieben
Das Lachen, das Lieben ?
Blieb keines dir treu ?

Von weiten
Da läuten
Die Glocken wie einst.
Alter Träumer, entrinne,
Daß am Fenster die Spinne
Nicht sieht, wie du weinst !

Paul Heyse
1830 - 1914
 deutscher Romanist
Nobelpreisträger für Literatur 1910

 

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18 Sep 2021 07:20 #37900 von Kaninchen
Das Kind, dem ein fürstlich Kleid
man anzog, und das Juwelen um seinen
Nacken trägt, verliert alle Freude an seinem
Spiel, behindert vom Kleid bei jedem Schritt.

Aus Furcht, es könnte zerreißen, vom
Staube befleckt sein, hält es sich fern von
der Welt und fürchtet beinah sich zu regen.

Mutter, es ist kein Gewinn im Zwang
deines Putzes, wenn er uns ausschließt
vom heilsamen Staube der Erde, wenn
er des Rechts uns beraubt, hinzuzutreten
zum großen Markt des gemeinen menschlichen
Lebens.

Rabindranath Tagore
1861 - 1941
in Bengali: Ravindranath Thakur
indischer Dichter und Philosoph, Nobelpreisträger für Literatur 1913

 

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