Gedichte

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23 Sep 2021 07:27 #37964 von Kaninchen
Der Entschluß

Als ich dich fragte: "Darf ich Sie beschützen ?"
Da sagtest du: "Mein Herr, Sie sind trivial."
Als ich dich fragte: "Kann ich Ihnen nützen ?"
Da sagtest du: "Vielleicht ein andres Mal."
Als ich dich bat: "Ein Kuß, mein Kind, zum Lohne !"
Da sagtest du: "Mein Gott, was ist ein Kuß ?"
Als ich befahl: "Komm mit mir, wo ich wohne !"
Da sagtest du: "Na, endlich ein Entschluß !"

Erich Mühsam
1878 - 1934

 

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24 Sep 2021 07:18 #37973 von Kaninchen
Das Gärtlein still vom Busch umhegt...

Das Gärtlein still vom Busch umhegt,
Das jeden Monat Rosen trägt,
Das gern den Gärtner in sich schließt,
Der es betaut, der es begießt,
Es lebe hoch !

 

Der Bergmann, stark und wohlgenährt,
Der ohne Licht zur Grube fährt,
Der immer wirkt und immer schafft,
Bis er erlahmt, bis er erschlafft,
Er lebe hoch !

Christoph Martin Wieland
1733 - 1813 deutscher Dichter,

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25 Sep 2021 07:21 #37986 von Kaninchen
Nachsicht

Denk oft zurück ins eigne Leben;
verlang von andern nicht zu viel !
Du weißt, es führte dich dein Streben
auch nur so nach und nach ans Ziel.
Du hast den Schwachen gern zu schonen;
du wurdest doch wohl auch geschont.
Die Liebe wird bei ihm sich lohnen,
wie sie sich einst bei dir gelohnt.
Und bist du auch nicht ganz zufrieden
mit dem, was er für dich gemacht,
wir Menschen sind ja so verschieden:
Er hat es anders sich gedacht.
Du solltest dich darüber freuen,
daß er dir guten Willen zeigt.
Auch du hast manches zu bereuen,
auch dir fiel wohl nicht alles leicht.
Drum laß den Zorn nicht überfließen;
üb' immer Nachsicht, hab' Geduld;
denn wenn dich etwas will verdrießen,
bist du vielleicht auch selbst mit schuld.

Karl May
1842 - 1912
 Pseudonym Karl Hohenthal;
dt. Jugendschriftsteller

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26 Sep 2021 07:46 - 26 Sep 2021 07:47 #38001 von Kaninchen
 

Freiligrath, Ferdinand
1810-1876

Aus dem schlesischen Gebirge

Nun werden grün die Brombeerhecken;
Hier schon ein Veilchen - welch ein Fest!
Die Amsel sucht sich dürre Stecken,
Und auch der Buchfink baut sein Nest.
Der Schnee ist überall gewichen,
Die Koppe nur sieht weiß ins Tal;
Ich habe mich von Haus geschlichen,
Hier ist der Ort - ich wag’s einmal:
Rübezahl!

Hört er’s? Ich seh ihm dreist entgegen!
Er ist nicht bös! Auf diesen Block
Will ich mein Leinwandpäckchen legen -
Es ist ein richt’ges volles Schock!
Und fein! Ja, dafür kann ich stehen!
Kein bessres wird gewebt im Tal -
Er lässt sich immer noch nicht sehen!
Drum frischen Mutes noch einmal:
Rübezahl!

Kein Laut! - Ich bin ins Holz gegangen,
Dass er uns hilft in unsrer Not!
Oh, meiner Mutter blasse Wangen -
Im ganzen Haus kein Stückchen Brot!
Der Vater schritt zu Markt mit Fluchen
Fänd er auch Käufer nur einmal!
Ich will’s mit Rübezahl versuchen -
Wo bleibt er nur? Zum drittenmal:
Rübezahl!

Er half so vielen schon vor Zeiten
Großmutter hat mir’s oft erzählt!
Ja, er ist gut den armen Leuten,
Die unverschuldet Elend quält!
So bin ich froh denn hergelaufen
Mit meiner richt’gen Ellenzahl!
Ich will nicht betteln, will verkaufen
Oh, dass er käme! Rübezahl!
Rübezahl!

Wenn dieses Päckchen ihm gefiele,
Vielleicht gar bät er mehr sich aus!
Das wär mir recht! Ach, gar zu viel
Gleich schöne liegen noch zu Haus!
Die nähm er alle bis zum letzten!
Ach, fiel auf dies doch seine Wahl!
Da löst ich ein selbst die versetzten
Das wär ein Jubel! Rübezahl!
Rübezahl!

Dann trät ich froh ins kleine Zimmer,
Und riefe: Vater, Geld genug!
Dann flucht’ er nicht, dann sagt’ er nimmer:
Ich web euch nur ein Hungertuch!
Dann lächelte die Mutter wieder,
Und tischt’ uns auf ein reichlich Mahl;
Dann jauchzten meine kleinen Brüder -
O käm, o käm er! Rübezahl!
Rübezahl!

So rief der dreizehnjähr’ge Knabe;
So stand und rief er, matt und bleich.
Umsonst! Nur dann und wann ein Rabe
Flog durch des Gnomen altes Reich.
So stand und passt’ er Stund auf Stunde,
Bis dass es dunkel ward im Tal,
Und er halblaut mit zuckendem Munde
Ausrief durch Tränen noch einmal
Rübezahl!

Dann ließ er still das buschige Fleckchen,
und zitterte, und sagte: "Hu"
Und schritt mit seinem Leinwandpäckchen
Dem Jammer seiner Heimat zu.
Oft ruht’ er aus auf moos’gen Steinen,
Matt von der Bürde, die er trug.
Ich glaub, sein Vater webt dem Kleinen
Zum Hunger- bald das Leichentuch!
- Rübezahl?!
Letzte Änderung: 26 Sep 2021 07:47 von Kaninchen.

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27 Sep 2021 07:08 #38012 von Kaninchen
Die Distel

 


Du bist als wie ein Distelkraut,
Das sticht den, der es bricht,
Und wer da Blumen pflücken geht,
Die Distel nimmt er nicht.

Was hilft die schönste Blume mir,
Kann sie nicht werden mein,
Was hilft das schönste Mädchen mir,
Schlaf ich des Nachts allein.

Ein Mädchen, das nicht lieben will,
Kein einer nach ihr sieht,
Es steht da wie ein Distelkraut,
Das ungepflückt verblüht.

Ein Mädchen, das kein Lieben kennt,
Das bleibt die Nacht allein,
Die eine Nacht, die andre Nacht,
Im dustren Kämmerlein.

Hermann Löns
1866 - 1914
deutscher Naturforscher, Tierschilderer, Heide- und Liederdichter

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28 Sep 2021 07:23 #38026 von Kaninchen
Fred Endrikat
1890-1942

Der Philosoph ohne Regenschirm

Es ist nicht alles schön auf dieser wunderschönen Welt,
Novemberstürme gibt es auch im Mai.
Beschimpfe nicht den Regen, der auf Dich herniederfällt,
bedenk : Der meiste Regen fällt an Dir vorbei.

 

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