Gedichte

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10 Dez 2021 19:14 #39058 von Kaninchen
Der andere Mann

Kurt Tucholsky

Du lernst ihn in einer Gesellschaft kennen.
Er plaudert. Er ist zu dir nett.
Er kann dir alle Tenniscracks nennen.
Er sieht gut aus. Ohne Fett.
Er tanzt ausgezeichnet. Du siehst ihn dir an ...
Dann tritt zu euch beiden dein Mann.

Und du vergleichst sie in deinem Gemüte.
Dein Mann kommt nicht gut dabei weg.
Wie er schon dasteht -- du liebe Güte!
Und hinten am Hals der Speck!
Und du denkst bei dir so: "Eigentlich ...
Der da wäre ein Mann für mich."

Ach, gnädige Frau! Hör auf einen wahren
und guten alten Papa!
Hättst du den Neuen: in ein, zwei Jahren
ständest du ebenso da!
Dann kennst du seine Nuancen beim Kosen;
dann kennst du ihn in Unterhosen;
dann wird er satt in deinem Besitze;
dann kennst du alle seine Witze.
Dann siehst du ihn in Freude und Zorn,
von oben und unten, von hinten und vorn ...
Glaub mir: wenn man uns näher kennt,
gibt sich das mit dem happy end.
Wir sind manchmal reizend, auf einer Feier ...
und den Rest des Tages ganz wie Herr Meyer.
Beurteil uns nie nach den besten Stunden.

Und hast du einen Kerl gefunden,
mit dem man einigermaßen auskommen kann:
dann bleib bei dem eigenen Mann !

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12 Dez 2021 07:17 #39092 von Kaninchen
Noch ist Herbst nicht ganz entflohn,
Aber als Knecht Ruprecht schon
Kommt der Winter hergeschritten,
Und alsbald aus Schnees Mitten
Klingt des Schlittenglöckleins Ton. 

 

Und was jüngst noch, fern und nah,
Bunt auf uns herniedersah,
Weiß sind Türme, Dächer, Zweige,
Und das Jahr geht auf die Neige,
Und das schönste Fest ist da.

Tag du der Geburt des Herrn,
Heute bist du uns noch fern,
Aber Tannen, Engel, Fahnen
Lassen uns den Tag schon ahnen,
Und wir sehen schon den Stern.

Theodor Fontane (1819 - 1898), dt. Schriftsteller, Journalist, Erzähler und Theaterkritiker

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12 Dez 2021 15:43 #39110 von Kaninchen
Mäuse im Schreibtisch

Nun ist die Plätzchenbäckerei
wohl überall im Gange
auch meine Frau war jüngst dabei,
in frohem Tatendrange.

Und die Dose, wohlverwahrt,
versteckt vor unserm Schlingel,
sind die Figuren aller Art;
die Herzen, Sterne, Kringel.

Geschützt vor jedem Zugriff rings,
vor jähem Überfalle,
steht das Gefäß im Schreibtisch – links,
und ist tabu für alle.

Jüngst kam Besuch, Frau Engelhardt;
man griff zur Plätzchendose –
und meine Frau war wie erstarrt;
die liebe Ahnungslose.

Sie blickte ins Gefäß hinein,
und dann zu mir und lachte:
"Im Schreibtisch müssen Mäuse sein,
viel mehr noch als ich dachte !"

Es war nur noch ein Kringelrest,
ich sah es mit Erschrecken!
Was müssen Plätzchen vor dem Fest,
auch so vorzüglich schmecken !!

 

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13 Dez 2021 09:12 #39120 von Kaninchen
Ein Mensch möcht´ sich im Bette strecken,
Doch hindern die zu kurzen Decken.
Es friert zuerst ihn an den Füßen,
Abhilfe muss die Schulter büßen.
Er rollt nach rechts und meint, nun gings,
Doch kommt die Kälte prompt von links.
Er rollt nach links herum, jedoch
Entsteht dadurch von rechts ein Loch.
Indem der Mensch nun dies bedenkt,
Hat Schlaf sich mild auf ihn gesenkt
Und schlummernd ist es ihm geglückt:
Er hat sich warm zurechtgerückt.

Natur vollbringt oft wunderbar,
was eigentlich nicht möglich war.

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14 Dez 2021 08:05 #39132 von Kaninchen
 

Denkt euch, ich habe das Christkind gesehen !
Es kam aus dem Walde, das Mützchen voll Schnee,
mit rotgefrorenem Näschen.

Die kleinen Hände taten ihm weh,
denn es trug einen Sack, der war gar schwer,
schleppte und polterte hinter ihm her.

Was drin war, möchtet ihr wissen ?
Ihre Naseweise, ihr Schelmenpack -
denkt ihr, er wäre offen der Sack ?

Zugebunden bis oben hin !
Doch war gewiss etwas Schönes drin !
Es roch so nach Äpfeln und Nüssen !

Anna Ritter
1865-1921
Dichterin und Schriftstellerin aus Marburg

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15 Dez 2021 07:26 #39143 von Kaninchen
Das Gummiband

Ein Mann steht vor dem Warenhaus.
Die Menschen gehen ein und aus.
Sie gehen aus - sie gehen ein.
Der Mann steht draußen ganz allein
Mit einem Hündchen an der Hand.
Die Frau kauft drin ein Gummiband.
"Ein kleines Stückchen Gummiband
Brauch'ich", so sprach sie - und verschwand.
Zuvor gab sie ihm ganz charmant
Die Hundeleine in die Hand,
Lächelt' sehr freundlich und verschwand.
Nun kauft sie drin das Gummiband.
Die Glocke schlägt die Mittagsstund.
Der Mann steht draußen mit dem Hund
Und wartet vor dem Warenhaus.
Die Menschen gehen ein und aus.
Sie gehen aus - sie gehen ein.
Der Mann steht draußen ganz allein,
Die Hundeleine in der Hand.
Die Frau kauft drin ein Gummiband.
Der Mann geht wartend hin und her,
Sein Magen knurrt, er hungert sehr.
Er wandelt her - er wandelt hin,
Der Bart sprießt ihm schon aus dem Kinn.
Die Glocke schlägt die Vesperstund.
Der Mann steht draußen mit dem Hund
Und wartet vor dem Warenhaus.
Die Menschen gehen ein und aus.
Sie gehen aus - sie gehen ein.
Der Mann steht draußen ganz allein,
Die Hundeleine in der Hand.
Die Frau kauft drin ein Gummiband.
Dem Manne wuchs bereits ein Bart.
Der Hund hat sich indes gepaart.
Es brach die dunkle Nacht herein.
Noch immer steht der Mann allein,
Die Leine in der welken Hand.
Lallt wie im Fieber: "Gummiband."
Er wankt mit schlotternd müden Knien -
Halb zieht er ihn - halb sinkt er hin.
Es flimmert vor den Augen ihm.
Die Glocke schlägt dreiviertel siem.
Da huscht sie leichtbeschwingt hinaus
Zu Mann und Hund vors Warenhaus.
Sie lacht mit strahlend heller Mien'
"Hast du gewartet?" fragt sie ihn.
Er murmelt schwer und lebensmüd:
"O nein," Dann seufzt' er - und verschied.
So gingen denn ein Mann nebst Hund
An einem Gummiband zu Grund.

 

Fred Endrikat war ein deutscher Schriftsteller, Dichter und Kabarettist. Seine humoristischen Kabaretttexte und -lieder waren seinerzeit sehr erfolgreich.
Geboren: 7. Juni 1890 · Nakło nad Notecią, Polen
Gestorben: 12. Aug. 1942 · München, Deutschland




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