Gedichte

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06 Feb 2022 15:18 #39736 von Kaninchen
Ohne Feindschaft

Meinem Hunde rief ich zu
Höre zu und sei gescheit,
Kätzchen ist ein Tier wie du,
Also tue ihm kein Leid !

Und dem Kätzchen rief ich zu,
Höre : gut sei und gescheit,
Mäuschen ist ein Tier wie Du,
also tue ihm kein Leid !

Und so leben wir im Haus,
friedlich teilend manch Gericht.
Ich, mein Hund und Katz und Maus,

Nur die Menschen lernen´s nicht.

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07 Feb 2022 10:53 #39747 von Kaninchen
Nis Randers

Krachen und Heulen und berstende Nacht,
Dunkel und Flammen in rasender Jagd -
Ein Schrei durch die Brandung !

Und brennt der Himmel
So sieht man´s gut
Ein Wrack auf der Sandbank ! Noch wiegt es die Flut;
Gleich holt sich´s der Abgrund.

Nis Randers lugt - und ohne Hast
Spricht er : "Da hängt noch ein Mann im Mast;
Wir müssen ihn holen".

Da faßt ihn die Mutter : "Du steigst mir nicht ein:
Dich will ich behalten, Du bliebst mir allein,
Ich will´s, Deine Mutter"!

Der Vater ging unter, und Momme, mein Sohn;
Drei Jahre verschollen ist Uwe schon,
Mein Uwe, mein Uwe !"

Nis tritt auf die Brücke, die Mutter ihm nach !
Er weist nach dem Wrack und spricht gemach :
"Und seine Mutter ?"

Nun springt er ins Boot und mit ihm noch sechs,
Hohes, hartes Friesengewächs;
Schon sausen die Ruder.

Boot oben, Boot unten, ein Höllentanz !
Nun muß es zerschmettern ...! Nein, es blieb ganz...!
Wie lange ? Wie lange ?

Mit feurigen Geißeln peitscht das Meer
Die menschenfressenden Rosse daher;
Sie schnauben und schäumen.

Wie hechelnde Hast sie zusammenzwingt !
Eins auf den Nacken des andern springt
Mit stampfenden Hufen !

Drei Wetter zusammen ! Nun brennt die Welt !
Was da ? - Ein Boot, das landwärts hält -
Sie sind es ! Sie kommen !

Und Auge und Ohr ins Dunkel gespannt...
Still - ruft da nicht einer ? - Er schreit´s durch die Hand
"Sagt Mutter, ´s ist Uwe !"


Otto Ernst
7.10.1862-5.3.1926


 

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08 Feb 2022 08:06 #39758 von Kaninchen
Willst lustig leben,
Geh´ mit zwei Säcken,
Einen zum Geben,
Einen um einzustecken,
Da gleichst Du Prinzen,
Plünderst und beglückst
Provinzen.


Johann Wolfgang von Goethe

Quelle Gedichte Ausgabe letzter Hand
1827
Sprichwörtlich

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09 Feb 2022 08:02 #39767 von Kaninchen
Nichts ist vollkommen auf dieser Welt,
der Rose ist der Stachel beigestellt;
Ich glaube gar, die lieben Engel
im Himmel droben,
sind nicht ohne Mängel...

Du bist, verehrte Frau, du selbst sogar
nicht fehlerfrei, nicht aller Mängel bar.
Du schaust mich an, Du fragst mich was dir fehle?
Ein Busen, und im Busen eine Seele.


Heinrich Heine

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10 Feb 2022 08:20 - 15 Feb 2022 19:41 #39777 von Kaninchen
Bei der Großmutter

Wie traulich ist´s im stillen Zimmer
die Uhr tickt heimlich auf dem Schrank 
um Blumen spielt der Sonne Schimmer
und Tisch und Bank sind spiegelblank.

Im weichen Lehnstuhl sitzt das alte,
schier achtzigjährige Mütterlein,
auf welker Stirne Falt´  an Falte, 
doch in den Augen Sonnenschein !

Vertraulich schmiegt sich ihrem Schoße
ein blühend Kinderpärchen an
dem sie das Bilderbuch, das große,
auf vieles Bitten aufgetan.

Nun blühen Märchen aus dem Munde,
wie Rosen aus dem Dorn erblüh´ n,
die Kleinen lauschen still der Kunde
und ihre vollen Wangen glüh´n..

´ s ist nur ein Bild, doch füllt es immer
die Augen mi mit Tränentau
mir ist, als kennt´  ich dieses Zimmer, 
die Kinder und die alte Frau.


Julius Sturm
1816-1896
deutscher Dichter
Letzte Änderung: 15 Feb 2022 19:41 von Georg Borer. Grund: Diverse Korrekturen

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11 Feb 2022 11:36 #39790 von Kaninchen
Die Abergläubische

Sie litt an starkem Aberglauben.
Man mühte sich, ihn ihr zu rauben,
und mehr als eine riet der Schönen,
sie möge sich ihn abgewöhnen.

Allein sie sprach : "Das geht nicht gut,
das steckt mir so in Fleisch und Blut,
daß ich zum Beispiel meinen Mann
am Freitag nicht betrügen kann".


Arthur Pserhofer
1873-1907
deutscher Kabarettist, Schriftsteller und Komponist

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