Gedichte

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12 Mai 2019 07:54 #23140 von Kaninchen
August Heinrich Hoffmann von Fallersleben



Der kleine Vogelfänger

Wart', Vöglein, wart'! Jetzt bist du mein,
Jetzt hab' ich dich gefangen,
In einem Käfig sollst du jetzt
An meinem Fenster hangen!
»Ach, lieber Bube, sag' mir doch,
Was hab' ich denn begangen,
Dass du mich armes Vögelein,
Dass du mich hast gefangen?« –
Ich bin der Herr, du bist der Knecht:
Die Tiere, die da leben,
Die sind dem Menschen allzumal
Und mir auch untergeben.
»Das, lieber Bube, glaub' ich nicht,
Das sollst du mir beweisen!« –
Schweig' still, schweig' still! sonst brat' ich dich
Und werde dich verspeisen! –
Der Knabe rannte schnell nach Haus,
Da fiel er von der Stiegen.
Das Vöglein flog zum Haus hinaus
Und ließ das Büblein liegen

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13 Mai 2019 07:42 #23154 von Kaninchen


Heinrich Seidel


Der Luftballon

Das war wohl nicht nach deinem Sinn,
o weh, mein kleiner Hans!
Da fliegt dein Luftballon dahin
im Morgensonnenglanz.

Und alle Leute um und um,
sie stehn und sehn empor
und freun sich gar und lachen drum,
daß Hänschen ihn verlor.

Da geht er ab und segelt fort,
empor mit leichtem Flug
und sucht sich einen andern Ort –
die Welt ist groß genug.

In blaue Luft steigt er gemach,
und unerreichbar fern verstrahlt
er überm Kirchendach
als wie ein roter Stern.

Nach Süden segelt er geschwind,
zum fernen Afrika,
wo all die schwarzen Menschen sind,
und bald ist er schon da.

Wie dann sich wohl die Neger freun,
und alles tanzt und springt,
wenn übermorgen um halb neun
er dort heruntersinkt!

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14 Mai 2019 07:39 #23177 von Kaninchen


Die Musik der armen Leute

Der Herr Musikprofessor spricht:
"Die Drehorgeln, die dulde man nicht!
Sie sind eine Plage und ein Skandal!"
Mein lieber Professor, nun hören sie mal:

Ein enger Hof - kein Sonnenschein
Fällt dort das ganze Jahr hinein.
Da herrscht ein seltsam muffiger Duft,
Nach Armuth riecht’s und Kellerluft,
Da blüht keine Blume, da grünt kein Laub,
Die Kinder spielen in Müll und Staub.
Nun kommt ein Leiermann hervor
Und schleppt seinen Kasten durchs offene Tor.
Den Schunkelwalzer spielt er auf,
Da rennt es herbei in schnellem Lauf,
Da krabbeln aus ihren Höhlen heraus
Die Kinder in dem ganzen Haus,
Und über die blassen, ernsten Gesichter
Fliegt es dahin wie Sonnenlichter;
Sie tanzen und wiegen sich hin und her
Bei’m Schunkelwalzer - was will man mehr?
In der Kellerthür steht ein schlumpiges Weib,
Ihr hängen die Kleider um den Leib,
Den Säugling hält sie in dem Arm,
In ein Wollentuch gewickelt warm.
Sie lässt ihn tanzen, und wie er sich regt
Und mit den magern Aermchen schlägt,
Ist über die vergrämten Wangen
Ein Strahl von Mutterfreude gegangen.
Das Mädchen für Alles im ersten Stock,
Es fasst mit den Fingerspitzen den Rock
Und trällert den Text und dreht sich und lacht:
An den blauen Dragoner hat sie gedacht;
Des Sonntags nach vollbrachtem Werk
Im "Schwarzen Adler" zu Schöneberg - -
Er war so unbeschreiblich flott
Und tanzte den Walzer wie ein Gott.

Der Leiermann hat die Blicke erhoben
Und wartet auf den Segen von oben.
Dann kommt - das hört ein Jeder gern:
"Einst spielt’ ich mit Scepter, mit Krone und Stern."
Der arme Schreiber in seiner Kammer
Vergisst eine Weile den täglichen Jammer.
Er lässt die kritzelnde Feder stehn
Und seinen Blick zu den Wolken gehn,
Die über die Dächer dahin gezogen.
So hoch sind einst seine Träume geflogen
Von Ruhm und Glück und Sonnenschein:
"O selig, o selig, ein Kind noch zu sein!"

Der Leiermann dreht seine Kurbel um,
Seine Blicke wandern rings herum.
Ein anderes Stück nun stellt er ein:
"Ich bitt’ euch, lieben Vögelein!"
Die Nähterin lässt die Maschine stehn,
Und ihre Traumgedanken gehn
Zum letzten Roman, den sie gelesen.
Wie edel ist doch der Graf gewesen,
Dass er das arme Mädchen nahm,
Obgleich es doch fast zur Enterbung kam.
Dann seufzt sie. Ach, sie weiss, wie es geht;
Die edlen Grafen sind dünn gesät!
Doch wenn auch kein Graf, wenn nur einer käme,
Den sie möchte, und der sie nähme!
Draussen schiessen die Schwalben vorbei,
Sie blickt ihnen nach und summt dabei:
"Ich bitt’ euch lieben Vögelein,
Will keins von euch mein Bote sein?"

Der Leiermann aber schaut sich stumm
Von einem Fenster zum andern um,
Zieht sein Register und spielt mit Schall:
"Es braust ein Ruf wie Donnerhall!"
In seiner Werkstatt der Schuster nun
Lässt eine Weile den Hammer ruhn.
Er war bei Wörth und bei Sedan
Und vor Paris und Orleans,
Und wie er denkt an jene Zeit,
Wird sein Soldatenherz ihm weit!
Er klappt mit kampfgewohnter Hand -
Mit Gott für König und Vaterland -
Gar mächtig auf das Leder ein:
"Lieb Vaterland, magst ruhig sein!"

Der Leiermann aber blickt und späht,
Damit sein Lohn ihn nicht entgeht.
Und sieh, der Segen bleibt nicht fern,
Denn Armuth giebt der Armuth gern.
Bald hier, bald dort mit leisem Klapp,
In Papier gewickelt, fällt es herab.
Und ob auch der Herr Professor schreit -
Hier fühlt man nichts als Dankbarkeit,
Denn ein wenig Licht in’s graue Heute
Bringt die Musik der armen Leute.

Heinrich Seidel






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15 Mai 2019 07:44 - 15 Mai 2019 07:45 #23193 von Kaninchen


Meine Puppe kriegst du nicht!

Nein, du kleiner Bösewicht,
meine Puppe kriegst du nicht!
Noch ist's gar nicht lange her;
denkst du denn, ich weiß nicht mehr,
wie's der andern ist ergangen,
was du mit ihr angefangen?
Erst die Nase abgemacht,
dann das Köpfchen ihr zerkracht,
dann den ganzen Leib zerrüttet
und die Kleie ausgeschüttet,
daß die Beine und der Bauch
hingen wie ein leerer Schlauch,
dann die Arme ausgerissen
und sie auf den Müll geschmissen!
Nein, du kleiner Bösewicht,
meine Puppe kriegst du nicht!

Heinrich Seidel
1842 - 1906

Letzte Änderung: 15 Mai 2019 07:45 von Kaninchen.

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16 Mai 2019 07:41 #23212 von Kaninchen

Foto iStock

Es lohnt sich doch


Es lohnt sich doch, ein wenig lieb zu sein
Und alles auf das Einfachste zu schrauben,

Und es ist gar nicht Großmut zu verzeihn,
Daß andere ganz anders als wir glauben.

Und stimmte es, daß Leidenschaft Natur
Bedeutete im guten und im bösen,

Ist doch ein Knoten in dem Schuhband nur
Mit Ruhe und mit Liebe aufzulösen.

Joachim Ringelnatz

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17 Mai 2019 07:21 #23227 von Kaninchen

Das Einsammeln von Orangenblüten in Nervi Menter

An eine Orange

Herrliche Frucht,
im Haine
behutsam gereift.
Von Sonne und Südwind
tausendmal überküßt,
gerötet, gegoldet.
Duftend und schwer
ruhst du in meiner Hand.

Wieviel Sonnenküsse,
wieviel Regenschauer,
wieviel Vollmondschein,
welch ein großes warmes Land
halte ich mit Dir,
Vollkommene!
in meiner kleinen
gewölbten Hand.

Francisca Stoecklin
Schweizer Dichterin aus Basel


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