Gedichte

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22 Jul 2020 07:27 #29996 von Kaninchen
Die Vorspiele der Versöhnung

Korinne schwur, mich zu vergessen:
Und doch kann sie mich nicht vergessen.
Wo sie mich sieht, und wo sie kann,
Fängt sie auf mich zu lästern an.
Doch warum tut sie das? warum erhitzt sie sich?
Ich wette was, noch liebt sie mich.

Ich schwur, Korinnen zu vergessen:
Und doch kann ich sie nicht vergessen.
Wo ich sie seh, und wo ich kann,
Fang' ich mich zu entschuld'gen an.
Doch warum tu ich das? und warum schweig' ich nie?
Ich wette was, noch lieb' ich sie.

Gotthold Ephraim Lessing
(1729 - 1781)
deutscher Schriftsteller, Kritiker und Philosoph der Aufklärung

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23 Jul 2020 07:44 #30018 von Kaninchen


Friedrich von Bodenstedt

Ein graues Auge –
ein schlaues Auge;
Auf schelmische Launen
deuten die braunen;
des Auges Bläue
bedeutet Treue,
doch eines schwarzen Augs Gefunkel
Ist stets, wie Gottes Auge, dunkel.







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23 Jul 2020 08:19 #30026 von Feschtbrueder
Das ästhetische Wiesel

Ein Wiesel
saß auf einem Kiesel
inmitten Bachgeriesel.

Wißt ihr,
weshalb?

Das Mondkalb
verriet es mir
im stillen:

Das raffinierte Tier
tats um des Reimes willen.

Christian Morgenstern

:-) Humor ist, wenn man trotzdem lacht! Lachen ist die beste Medizin!

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24 Jul 2020 07:47 #30048 von Kaninchen
Emanuel Geibel

Ein gut Gedicht ist wie ein schöner Traum,
Es zieht dich in sich, und du merkst es kaum;
Es trägt dich mühelos fort durch Raum und Zeit,
Du schaust und trinkst im Schaun Vergessenheit,
Und gleich als hättest du im Schlaf geruht,
Steigst du erfrischt aus seiner klaren Flut.

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25 Jul 2020 07:48 #30062 von Kaninchen
Über die beglänzten Gipfel
Fernher kommt es wie ein Grüßen;
Flüsternd neigen sich die Wipfel,
Als ob sie sich wollten küssen.

Ist er doch so schön und milde!
Stimmen gehen durch die Nacht,
Singen heimlich von dem Bilde -
Ach, ich bin so froh erwacht!

Plaudert nicht so laut, ihr Quellen!
Wissen darf es nicht der Morgen!
In der Mondnacht linde Wellen
Senk' ich still mein Glück und Sorgen.


Joseph von Eichendorff

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26 Jul 2020 08:19 #30077 von Kaninchen
Die Heimführung

Ich geh nicht allein, mein feines Lieb,
Du mußt mit mir wandern
Nach der lieben, alten, schaurigen Klause,
In dem trüben, kalten, traurigen Hause,
Wo meine Mutter am Eingang kaurt
Und auf des Sohnes Heimkehr laurt.

»Laß ab von mir, du finstrer Mann!
Wer hat dich gerufen?
Dein Odem glüht, deine Hand ist Eis,
Dein Auge sprüht, deine Wang ist weiß; -
Ich aber will mich lustig freun
An Rosenduft und Sonnenschein.«

Laß duften die Rosen, laß scheinen die Sonn,
Mein süßes Liebchen!
Wirf um den weiten, weißwallenden Schleier,
Und greif in die Saiten der schallenden Leier,
Und singe ein Hochzeitslied dabei;
Der Nachtwind pfeift die Melodei.


Heinrich Heine

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