Gedichte
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21 Jul 2021 07:36 #36984
von Kaninchen
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22 Jul 2021 07:41 #37002
von Kaninchen
Das Leben magst du wohl vergleichen einem Feste,
Doch nicht zur Freude sind geladen alle Gäste.
Gar manchen, scheint es, lud man nur, um die Beschwerde
Zu übertragen, daß die Lust den andern werde.
Den Esel lud man einst zu einem Hochzeitschmause,
Weil es zu tragen Holz und Wasser gab im Hause.
Der Esel dachte stolz, geladen bin ich auch.
Ja wohl, beladen mit dem Tragreff und dem Schlauch.
Friedrich Rückert
(1788 - 1866), alias Freimund Raimar, deutscher Dichter, Lyriker und Übersetzer arabischer, hebräischer, indischer, persischer und chinesischer Dichtung
Quelle: Rückert, Gedichte. Die Weisheit des Brahmanen, 1836-1839
Doch nicht zur Freude sind geladen alle Gäste.
Gar manchen, scheint es, lud man nur, um die Beschwerde
Zu übertragen, daß die Lust den andern werde.
Den Esel lud man einst zu einem Hochzeitschmause,
Weil es zu tragen Holz und Wasser gab im Hause.
Der Esel dachte stolz, geladen bin ich auch.
Ja wohl, beladen mit dem Tragreff und dem Schlauch.
Friedrich Rückert
(1788 - 1866), alias Freimund Raimar, deutscher Dichter, Lyriker und Übersetzer arabischer, hebräischer, indischer, persischer und chinesischer Dichtung
Quelle: Rückert, Gedichte. Die Weisheit des Brahmanen, 1836-1839
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23 Jul 2021 07:24 #37016
von Kaninchen
Poetenbegräbnis
Abseits des Weges grub man ihn ein,
Zwei Männer standen am Schragen,
Ohn Sing und Sang im Tannenschrein
Hat man ihn fortgetragen.
Hoch war sein Dach in lichtleerer Welt,
Sein Tun: nur nächtliches Schreiben.
Er war ein Dichter und ohne Geld:
"Was soll so nutzloses Treiben?"
Denn niemand weiß, wie ihm glühte der Kopf,
Wenn die Seele in Flammen gestanden:
"Er war ein seltsam-verrückter Tropf
Und wurde daran zuschanden."
Und keines Menschen Mund hat geklagt
Ob unverstandenem Streben;
Der Pfarrer hat nur ein Wort gesagt
Von einem verfehlten Leben.
Wilhelm Uhlmann-Bixterheide
1872 - 1936
deutscher Schriftsteller
Abseits des Weges grub man ihn ein,
Zwei Männer standen am Schragen,
Ohn Sing und Sang im Tannenschrein
Hat man ihn fortgetragen.
Hoch war sein Dach in lichtleerer Welt,
Sein Tun: nur nächtliches Schreiben.
Er war ein Dichter und ohne Geld:
"Was soll so nutzloses Treiben?"
Denn niemand weiß, wie ihm glühte der Kopf,
Wenn die Seele in Flammen gestanden:
"Er war ein seltsam-verrückter Tropf
Und wurde daran zuschanden."
Und keines Menschen Mund hat geklagt
Ob unverstandenem Streben;
Der Pfarrer hat nur ein Wort gesagt
Von einem verfehlten Leben.
Wilhelm Uhlmann-Bixterheide
1872 - 1936
deutscher Schriftsteller
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24 Jul 2021 07:26 #37039
von Kaninchen
Findling
Es war ein trüber Abend
Zwischen Herbst und Winter,
Regen strömte und strömte
Vermischt mit zerfließenden Flocken
Zeitigen Schnees,
Und eisiger Windhauch klatschte
Das rotbraune Laub des wilden Weins
Ans Gittertor –
Da standst du vor meinem Hause,
Nachdem du mir lange nachgeschlichen,
Scheu und doch hoffend,
Stumm und doch bittend.
Ich nickte dir zu,
Ich blickte dich an,
Und sah einen schlanken, biegsamen
Schwarzen Jäger,
Stammend aus schottischem Hochgebirge,
Durchnäßt und erschöpft,
Niederkauern vor mir.
Vordringliche Rippen zeugten
Von schwerer Entbehrung
Und ich erwog:
Wie lange du schon so heimatlos
Umhergeirrt in den fremden Straßen,
Und sagte: Komm!
Und du kamst.
Emil Claar
1842 - 1930
österr. Schauspieler, Schriftsteller und Theaterintendant
Es war ein trüber Abend
Zwischen Herbst und Winter,
Regen strömte und strömte
Vermischt mit zerfließenden Flocken
Zeitigen Schnees,
Und eisiger Windhauch klatschte
Das rotbraune Laub des wilden Weins
Ans Gittertor –
Da standst du vor meinem Hause,
Nachdem du mir lange nachgeschlichen,
Scheu und doch hoffend,
Stumm und doch bittend.
Ich nickte dir zu,
Ich blickte dich an,
Und sah einen schlanken, biegsamen
Schwarzen Jäger,
Stammend aus schottischem Hochgebirge,
Durchnäßt und erschöpft,
Niederkauern vor mir.
Vordringliche Rippen zeugten
Von schwerer Entbehrung
Und ich erwog:
Wie lange du schon so heimatlos
Umhergeirrt in den fremden Straßen,
Und sagte: Komm!
Und du kamst.
Emil Claar
1842 - 1930
österr. Schauspieler, Schriftsteller und Theaterintendant
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25 Jul 2021 08:24 #37059
von Kaninchen
Die Überraschte.
Amor schlich in stiller Nacht
In mein Haus verwogen,
Wie ich morgens aufgewacht,
War er eingezogen;
Als ich zürnte, bat er sehr,
Möcht' ihn nicht verjagen,
Sprach, er käm' von weitem her,
Würden uns vertragen;
Hätt' ihm nur ganz kurze Zeit
Herberg geben sollen,
Sey zu Gegendienst bereit,
Hat Zins zahlen wollen !
Und nun ist er noch im Haus,
Will noch länger bleiben,
Sagt, er gehe nicht hinaus,
Könn' ihn nicht vertreiben.
Spricht, es sey nur Scherz von mir,
Und fängt an zu lachen;
Ihm gefalle das Quartier –
Was kann ich da machen ?
Und zuletzt fing mit Gewalt
Er mich an zu küssen;
Ob ich schrie, ob ich ihn schalt –
Hab' es leiden müssen !
Joseph Christian von Zedlitz (1790 - 1862), Philipp Gotthard Joseph Christian Karl Anton Freiherr von Zedlitz und Nimmersatt, österreichischer Offizier und Schriftsteller
Amor schlich in stiller Nacht
In mein Haus verwogen,
Wie ich morgens aufgewacht,
War er eingezogen;
Als ich zürnte, bat er sehr,
Möcht' ihn nicht verjagen,
Sprach, er käm' von weitem her,
Würden uns vertragen;
Hätt' ihm nur ganz kurze Zeit
Herberg geben sollen,
Sey zu Gegendienst bereit,
Hat Zins zahlen wollen !
Und nun ist er noch im Haus,
Will noch länger bleiben,
Sagt, er gehe nicht hinaus,
Könn' ihn nicht vertreiben.
Spricht, es sey nur Scherz von mir,
Und fängt an zu lachen;
Ihm gefalle das Quartier –
Was kann ich da machen ?
Und zuletzt fing mit Gewalt
Er mich an zu küssen;
Ob ich schrie, ob ich ihn schalt –
Hab' es leiden müssen !
Joseph Christian von Zedlitz (1790 - 1862), Philipp Gotthard Joseph Christian Karl Anton Freiherr von Zedlitz und Nimmersatt, österreichischer Offizier und Schriftsteller
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26 Jul 2021 07:24 #37074
von Kaninchen
Nicht doch !
Mädel, laß das Stricken – geh,
Thu den Strumpf bei Seite heute;
das ist was für alte Leute,
für die jungen blüht der Klee !
Laß, mein Kind;
komm, mein Schätzchen !
siehst du nicht, der Abendwind
schäkert mit den Weidenkätzchen…
Mädel liebes, sieh doch nicht
immer so bei Seite heute;
das ist was für alte Leute,
junge sehn sich ins Gesicht !
Komm, mein Kind,
sieh doch, Schätzchen:
über uns der Abendwind
schäkert mit den Weidenkätzchen...
Siehst du Mädel, war's nicht nett
so an meiner Seite heute ?
Das ist was für junge Leute,
alte gehn allein zu Bett !
Was denn, Kind ?
weinen, Schätzchen ?
Nicht doch – sieh, der Abendwind
schäkert mit den Weidenkätzchen…
Richard Dehmel
1863 - 1920
dt. Dichter, Lyriker, Dramatiker und Kinderbuchautor
Nicht doch !
Mädel, laß das Stricken – geh,
Thu den Strumpf bei Seite heute;
das ist was für alte Leute,
für die jungen blüht der Klee !
Laß, mein Kind;
komm, mein Schätzchen !
siehst du nicht, der Abendwind
schäkert mit den Weidenkätzchen…
Mädel liebes, sieh doch nicht
immer so bei Seite heute;
das ist was für alte Leute,
junge sehn sich ins Gesicht !
Komm, mein Kind,
sieh doch, Schätzchen:
über uns der Abendwind
schäkert mit den Weidenkätzchen...
Siehst du Mädel, war's nicht nett
so an meiner Seite heute ?
Das ist was für junge Leute,
alte gehn allein zu Bett !
Was denn, Kind ?
weinen, Schätzchen ?
Nicht doch – sieh, der Abendwind
schäkert mit den Weidenkätzchen…
Richard Dehmel
1863 - 1920
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