Gedichte

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18 Okt 2021 07:39 #38301 von Kaninchen
Reichtum

Und alles ist mein, was mein Auge umfaßt,
Es geht mir nicht wieder verloren.
Ein andrer breche die Früchte vom Ast
Und schneid', was die Felder geboren!

Er stopfe die Scheune, er fülle die Truh'
Mit nimmer ermattenden Händen:
ich greife mit meiner Seele zu
Und hoffe im Reichtum zu enden.

Jakob Bosshart
1862 - 1924
Schweizer Schriftsteller und Philologe

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19 Okt 2021 07:09 #38312 von Kaninchen
Der neidische Mond

 


Nun küsse mich, ich halte still,
Du lieber, lieber Mann,
Und zieht der Mond ein schief Gesicht –
Was geht's den Mond wohl an !

Ich glaube gar, den alten Herrn
Plagt nur der blasse Neid:
Der ginge lieber auch zu Zwei'n
Durch seine Ewigkeit.

Anna Ritter (1865 - 1921), deutsche Dichterin und Novellistin

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20 Okt 2021 07:26 #38321 von Kaninchen
Bitteres Gedenken

Rosen ging ich aus zu pflücken,
Morgens, da der Tag erwacht,
Und im Pflücken und im Bücken,
Immer hab' ich Dein gedacht.

Dein gedacht' ich, mein vergaß ich,
Nicht vor Dornen auf der Hut,
Und ein Dorn, ein böser, stach mich
In den Finger bis aufs Blut.

Immer denk ich jener Stunde
Und ich weine, wenn ich's thu',
Daß mir solche bittre Wunde
Dein Gedenken fügte zu.

Ernst von Wildenbruch
1845 - 1909
deutscher vaterländischer Dramatiker, Erzähler und Novellist, Enkel Louis Ferdinands von Preußen

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21 Okt 2021 07:33 #38331 von Kaninchen
Das alte Lied

Ich weiß ein altes Wiegenlied,
Das hört' ich oft als junger Bub',
Wenn ich von Spiel und Springen müd'
Das Haupt in Mutters Schoß vergrub.

Sie sang es leis, als säng' im Baum
Ein schlummertrunknes Vögelein;
Die Worte, die verstand ich kaum,
Mich wiegte nur die Weise ein.

Die Weise war so still und zart.
Wie schnell mein kleines Herz auch lief,
Sie machte, daß es ruhig ward
Und ganz erfüllt von ihr entschlief.

Nun such' ich immer, immerzu
Des alten Liedes Melodie,
Das wieder säng' mein Herz zur Ruh' …
Und find' es nie – – Und find' es nie …

A. de Nora (1864 - 1936), Pseudonym für Anton Alfred Noder, deutscher Arzt und Dichter

 

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22 Okt 2021 07:24 #38342 von Kaninchen
Fallt, ihr Blätter

 

Fallt, ihr Blätter, fallet
Winter wird es wieder,
Traumverloren wallet
Sacht zur Erde nieder.

Schwindet, Blümlein, schwindet,
Sommer ist vergangen,
Wenn der Frost euch findet,
Ach, da sollt euch bangen.

Willst, mein Herz, du zagen
Ob des Winters Dräuen ?
Harre ohne Klagen,
Wirst dich dennoch freuen.

Frieren mags und tosen,
Must geduldig warten:
Bald erblühn die Rosen
In des Christkinds Garten.

Helene Most (1883 - 1913), deutsche Dichterin und Dominikanerin, nach ihrem Ordenseintritt 1907: Maria Regina Most

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23 Okt 2021 07:28 #38351 von Kaninchen
Das unschuldige Mädchen

Meine Mutter sagt' mir:
"Deine Lippen gab dir
Zum Sprechen, Tochter, die Natur,
Und zum Sprechen brauch' sie nur."
Warum sind sie so rot ?
Oh, ich könnt' auch mit weißen Lippen sprechen,
Und warum gebot
Meine Mutter: nur zum Sprechen ?
Wer zeigt mir armem Mädchen an,
Was mein Mund mehr als sprechen kann ?

Matthias Claudius
deutscher Dichter, Pseudonym Asmus

 

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