Gedichte

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11 Apr 2018 07:11 #17145 von Kaninchen
Der Spinnerin Nachtlied



Es sang vor langen Jahren
Wohl auch die Nachtigall,
Das war wohl süßer Schall,
Da wir zusammen waren.

Ich sing' und kann nicht weinen,
Und spinne so allein
Den Faden klar und rein
So lang der Mond wird scheinen.

Als wir zusammen waren
Da sang die Nachtigall
Nun mahnet mich ihr Schall
Daß du von mir gefahren.

So oft der Mond mag scheinen,
Denk' ich wohl dein allein.
Mein Herz ist klar und rein,
Gott wolle uns vereinen.

Seit du von mir gefahren,
Singt stets die Nachtigall,
Ich denk' bei ihrem Schall,
Wie wir zusammen waren.

Gott wolle uns vereinen
Hier spinn'ich so allein,
Der Mond scheint klar und rein,
Ich sing' und möchte weinen.




Clemens Brentano von Christian Friedrich Tieck 1803

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12 Apr 2018 07:26 - 12 Apr 2018 07:28 #17163 von Kaninchen
Schwalben

Hoch in die blauen Lüfte schwingt
die Schwalbe sich vom Dach.
Und eh ihr Zwitscherruf verklingt,
schwingt sich die zweite nach.

Die dritte folgt, die vierte auch
flitzt pfeilschnell hinterher.
Nun schwimmen über Dunst und Rauch
sie frei im Sonnenmeer.

Sie tummeln wie die Fischchen sich
im unbegrenzten Reich.
Ich freue ihres Treibens mich
und seh's doch täglich gleich.

Wie nisten sie so traut und treu
am heimischen Gebälk,
sie kehren alle Jahre neu,
ich werde alt und welk.

Eins aber, Schwalben, blieb mir doch
und bleibt wohl länger mir,
die Herzgedanken fliegen noch
und höher noch als ihr.

Bis in ein Licht so hell und klar,
wie ihr es nie erschaut,
und bau'n wohl noch ein Nestchen gar,
wo nie ein Vogel baut.

Gustav Falke

Letzte Änderung: 12 Apr 2018 07:28 von Kaninchen.

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13 Apr 2018 07:45 - 13 Apr 2018 07:47 #17178 von Kaninchen
Schwan auf dem Wasser



Mein Geist gleicht einem Schwane, wohlgestalt und weise,
der an der Sehnsucht Küsten ruhig gleitet
auf bodenlosen Traumgewässern, auf einem Meer der Illusion,
des Widerhalls und Nebels, des Schattens und der Nacht.

Er zieht dahin, stolz, königlich durchschneidet er den freien Raum,
sein Spiegelbild vergeblich jagend, kapriziös, geziert;
und jedes Schilfrohr beugt sich nieder, gleitet er vorüber,
dunkel, schweigend, im Silberlicht des Monds, der steigt.

Und eine um die andre Kron’ der Wasserlilien
blühet auf vor Hoffen oder Lust …
doch immer weiter zieht auf Nebeln und auf Wogen
ins fliehend’ Unbekannte jener schwarze Schwan.

Nun sagt’ ich ihm: „ Lass ab, mein schöner, wunderlicher Schwan,
von dieser langen Fahrt ins Ungewisse;
kein wundersames China und Amerika
wird dich in manchem Port begrüßen.

Die dufterfüllten Buchten und die ew’gen Inseln -
sie haben Riffe voll Gefahr für dich, du schwarzer Schwan;
Bleib’ auf den Seen, wo getreulich sich
die Wolken, Blumen, Stern’ und diese Augen spiegeln.“

Renee de Brimont
1880-1943
Letzte Änderung: 13 Apr 2018 07:47 von Kaninchen.

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14 Apr 2018 07:28 - 14 Apr 2018 07:29 #17190 von Kaninchen
Noch ein Schwan



von Fred Endrikat

Schwan auf der Alster

Am Alsterfährhaus zieht ein Schwan
mit stolzer Grazie seine Bahn.
Wie er sich wendet und sich dreht,
ist jeder Zoll ganz Majestät.
Das schöne Bild das Herz erbaut,
wenn man nicht bis nach unten schaut.
Verläßt der stolze Schwan sein Reich,
dann watschelt er der Ente gleich.
Wie er so latscht und wackelnd geht –
fürwahr, bar jeder Majestät!
Er wirkt als König bis zum Knie,
doch dann versagt die Poesie.
Zur Wirkung braucht der Schwan den See
so wie der König sein Milieu.
Zerstört man nun die Phantasie,
bleibt ein gewöhnlich Federvieh.
So offenbart sich jederzeit
wie hier die Unvollkommenheit.
Die Liebe urteilt nicht so roh,
denn Leda liebt den Schwan auch so.
Letzte Änderung: 14 Apr 2018 07:29 von Kaninchen.

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15 Apr 2018 07:24 #17205 von Kaninchen


Wer Schmetterlinge lachen hört,
der weiß, wie Wolken schmecken
der wird im Mondschein, ungestört
von Furcht die Nacht entdecken.

Der wird zur Pflanze, wenn er will,
zum Tier, zum Narr, zum Weisen,
und kann in einer Stunde
durchs ganze Weltall reisen.

Er weiß, dass er nichts weiß,
wie alle andern auch nichts wissen,
nur weiß er, was die anderen
und er noch lernen müssen.

Wer in sich fremde Ufer spürt,
und Mut hat sich zu recken,
der wird allmählich ungestört
von Furcht sich selbst entdecken.

Abwärts zu den Gipfeln
seiner selbst blickt er hinauf,
den Kampf mit seiner Unterwelt
nimmt er gelassen auf.

Wer Schmetterlinge lachen hört,
der weiß, wie Wolken schmecken,
der wird im Mondschein, ungestört
Von Furcht die Nacht entdecken.

Wer mit sich selbst in Frieden lebt,
der wird genauso sterben
und ist selbst dann lebendiger
als alle seine Erben.


Novalis
geb. 2. Mai 1772 auf Schloß Oberwiederstedt
gest. 25. März 1801 in Weißenfels

Novalis, eigentlich Georg Philipp Friedrich von Hardenberg,
ist ein deutscher Schriftsteller und Dichter der Frühromantik
und ein Philosoph. Seine "Hymnen an die Nacht", aus denen
auch diese Verse stammen, gelten als Höhepunkt seines
lyrischen Schaffens

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16 Apr 2018 07:12 #17225 von Kaninchen
Schreie der Raben

Vor der Stadt, die sommerlich im gelben Staube wirbelt,
Rasten Raben abends auf den Bäumen, krächzen, schaukeln.
Junge Frau des Kriegers, die an seidnen Fäden zwirbelt,
Hört die Raben schrein und sieht, wie auf den Fenstervorhang müde sich die abendroten Strahlen legen.
Ihre Nadel sinkt; sie denkt an ihn, den ihre Wünsche wild umgaukeln.
Schweigend sucht und einsam sie ihr Bett, und ihre Tränen fallen heiß wie Sommerregen.

Li-tai-pe


Tuschmalerei von Liáng Kai

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