Gedichte

Mehr
03 Aug 2025 15:32 #53380 von Kaninchen
 

Der Reiseleiter

Eugen Roth

In stillem Beileid denken hier
Der armen, braven Menschen wir,
Die, des Kulturtransports Begleiter,
Verpflichtet sind als Reiseleiter.
Mit wahren Bären-Seelenkräften
obliegen teils sie den Geschäften,
Teils stemmen sie, wie Schwergewichtler,
Die Zentnerlast der Kunstgeschichtler.
Sie dürfen noch nach tausend Fragen
Ein altes Fräulein nicht erschlagen,
Ja, selbst in Sturzseen von Beschwerden
Nicht einen Zoll breit wankend werden.
Sie müssen, Opfer des Berufs,
Das Nicht-mehr-Rauchen des Vesuvs,
Die Höh, den Umfang seines Kraters,
Das Alter unsres Heiligen Vaters,
Die nähern Daten Wilhelm Tells,
Ja, selbst den kleinsten Schweizer Fels
Erklären aus dem Handgelenke,
Entwirren Knäuel von Gezänke,
Und Antwort stehn dem Herrn, der immer
– Wieso?? – bekommt das schlechtste Zimmer!
Mitunter wechselt man sie aus.
Wer schadhaft, kommt ins Irrenhaus.

Bitte Anmelden oder Registrieren um der Konversation beizutreten.

Mehr
05 Aug 2025 16:25 #53405 von Kaninchen
 

Drei Wandrer

Das Gedicht „Drei Wandrer“ stammt aus der Feder von Carl Busse.

Drei Wandrer sind gegangen,
Und als der Abend fiel,
Da trugen sie Verlangen
Nach frohem Kartenspiel.

Der Jüngste sprach: "Ich bitte,
Sagt an, geht es um Geld?"
Und Antwort gab der Dritte:
"Wir spielen um die Welt."

Der Jüngste, frei vom Grame,
Und wie ein Maitag frisch,
Der warf die Herzendame
Helllachend auf den Tisch:

"Dann mag's euch nur nicht grämen,
Mir blieb das beste Stück,
Das soll mir keiner nehmen,
Juchhei! Ich bin das Glück"

Der Zweite mit dem fahlen,
Durchfurchten Angesicht
Sprach: "Bruder, laß dein Prahlen,
Die Karte fürcht' ich nicht!

Was scheert mich deine Träne
Und was dein rotes Herz!
Ich stech' mit der Kreuz-Zehne,
Gebt Raum - ich bin der Schmerz!"

Der Dritte dumpfen Tones
Hat heimlich nur gelacht,
Sprach dann voll bittern Hohnes:
"Was ihr für Späße macht!

Ich lös' die Welt vom Leide.
Von Glück und Schmerz und Not,
Ich nehm' euch alle beide,
Trumpfaß! Ich bin der Tod."

Bitte Anmelden oder Registrieren um der Konversation beizutreten.

Mehr
10 Aug 2025 16:48 #53461 von Kaninchen
 

Mein Kind sieh auf, und schau Dir an,
was dort des Nachts geschehen kann,
wenn uns’re Sonne schlafen geht,
und dann der Mond am Himmel steht.

Ein leuchtend heller Schweif aus Gold,
zieht dort vorm Horizont. Ich woll’t,
Du könntest ihn viel länger seh’n,
denn dieser Anblick war so schön.

Doch brauchen wir nicht lang zu warten,
denn oben, hoch im Sternengarten,
erstrahlt das ganze Firmament,
gerade jetzt, in dem Moment,

wo ich mit Dir am Fenster stehe,
mein liebes Kind, und ich schon sehe,
wie Du mich jetzt gleich fragen wirst,
was dort geschieht an Himmels First.

Dies soll nach ihres Laufes Schluss,
vom Mond ein letzter Abendgruß,
zur Sonne sein, die sich im Dunkeln,
erfreut am hellen Sternenfunkeln.

So wünscht er ihr mit Schnuppen sacht,
wie ich auch Dir, die Gute Nacht,
die Dir den Schlaf gleich bringt herbei.
Auch Du hast einen Wunsch nun frei!

Bitte Anmelden oder Registrieren um der Konversation beizutreten.

Mehr
11 Aug 2025 18:20 - 11 Aug 2025 18:21 #53473 von Kaninchen
 

Sonnenblumen

Weite Flächen sie bedecken,
blühen an den kleinsten Ecken,
und an manchem Regentag,
ich die Sonne bei mir hab`.

Blütenduft steigt in die Nase,
weil Sonnenblumen in der Vase,
gelb leuchtend stehen sie im Raum,
für mich erwacht ein Blumentraum.

Sonne dringt dann tief ins Herz,
nimmt den Kummer und den Schmerz,
sonnengelb erhellt`s Gemüt,
schön, daß diese Blume blüht.
Letzte Änderung: 11 Aug 2025 18:21 von Kaninchen.

Bitte Anmelden oder Registrieren um der Konversation beizutreten.

Mehr
14 Aug 2025 16:55 #53503 von Kaninchen
 

Die letzte Rose

Das Gedicht „Die letzte Rose“ stammt aus der Feder von Detlev von Liliencron.

Die Fahne der Vergessenheit,
Sie mußte lange wehen:
Auf meinen Wegen traf ich die,
Die lang ich nicht gesehen.

Woher, wohin, wie ging es dir,
Du hast so schmale Wangen.
Wenn Zeit du hast, komm mit. Bald hat
Sie mir am Arm gehangen.

An einem Flusse schritten wir,
Und in den alten Garten
Sind wir getreten, wo wir einst
Sehnsüchtig auf uns harrten.

Wir sprachen viel, wir lachten auch,
Erzählten uns Geschichten.
Wie anders damals. Heute wars
Ein mühelos Verzichten.

Wir kehrten in die Stadt zurück,
Von neuem riß der Faden.
Doch eh wir schieden, blieb ich stehn
Vor einem Blumenladen.

Die schönste Rose wählt ich aus,
Für sie die letzte Spende,
Und küßte ihr zum letzten Mal
Dankbar die lieben Hände.

Zwei Straßenbahnen kreuzten sich,
Als wir das Haus verlassen.
Wir stiegen ein – in Nord und Süd
Verschlangen uns die Gassen.

Bitte Anmelden oder Registrieren um der Konversation beizutreten.

Mehr
15 Aug 2025 10:42 #53518 von Kaninchen
 

Möwenlied

Die Möwen sehen alle aus,
als ob sie Emma hießen.
Sie tragen einen weißen Flaus
und sind mit Schrot zu schießen.

Ich schieße keine Möwe tot,
Ich laß sie lieber leben -
und füttre sie mit Roggenbrot
und rötlichen Zibeben.

O Mensch, du wirst nie nebenbei
der Möwe Flug erreichen.
Wofern du Emma heißest, sei
zufrieden, ihr zu gleichen.

Christian Morgenstern 

Bitte Anmelden oder Registrieren um der Konversation beizutreten.

Ladezeit der Seite: 0.222 Sekunden
Powered by Kunena Forum