Gedichte

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14 Mär 2026 12:07 #57248 von Feschtbrueder
Das Mädchen mit dem Muttermal

Woher sie kam, wohin sie ging,
Das hab' ich nie erfahren.
Sie war ein namenloses Ding
Von etwa achtzehn Jahren.
Sie küßte selten ungestüm.
Dann duftete es wie Parfüm
Aus ihren keuschen Haaren.

Wir spielten nur, wir scherzten nur;
Wir haben nie gesündigt.
Sie leistete mir jeden Schwur
Und floh dann ungekündigt,
Entfloh mit meiner goldnen Uhr
Am selben Tag, da ich erfuhr,
Man habe mich entmündigt.

Verschwunden war mein Siegelring
Beim Spielen oder Scherzen.
Sie war ein zarter Schmetterling.
Ich werde nie verschmerzen,
Wie vieles Goldene sie stahl,
Das Mädchen mit dem Muttermal
Zwei Handbreit unterm Herzen.

Joachim Ringelnatz

:-) Humor ist, wenn man trotzdem lacht! Lachen ist die beste Medizin!

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14 Mär 2026 13:55 #57252 von Kaninchen
 

Das Leben ist wie eine Möhre:
Relativ lang und relativ hart.
Manchmal schaust du in die Röhre
manchmal wirst du ein Salat.
Vielleicht wär man besser Petersilie:
am Anfang grün und saftig zart,
trocken welk dann als Fossilie
schmeckt nicht mehr gut, wenn’s Ende naht.

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15 Mär 2026 10:30 #57273 von Feschtbrueder
Der Mann, der...

Der Mann, der meine Schuhe putzt
Am Bahnhofsplatz,
Hat abends, wenn er die Trambahn benutzt,
Neben sich einen Schatz.

Wie gern würde ich diesem Kind
Auch mal die Schuhe reinigen.
Jedoch sie sagt: "Baron, Sie sind
Ein dickes Schweinigen."

Weil mir das Titelchen "Baron"
Nicht zukommt, noch mir nutzt,
Gab ich heute großen Extralohn
Dem Mann, der meine Schuhe putzt.


Joachim Ringelnatz

:-) Humor ist, wenn man trotzdem lacht! Lachen ist die beste Medizin!

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17 Mär 2026 16:22 #57317 von Kaninchen
 

Das Rhinoceros

Was stampfet schildkrötengestaltig
Auf niederträchtigem Bein?
Ein Panzer deckt es gewaltig,
Das muß ein Rhinoceros sein.
Das Haupt ist geformt wie 'ne Zwiebel,
Die Nase ist hörnergeschmückt;
Dem Elephanten wird übel,
Sobald er das Unthier erblickt.

Das Thier ist von schlechtem Charakter,
Der jeden Moralsatz vergißt,
Voll Unverschämtheit, ein nackter,
Gemütloser Egoist;
Denn rein zu seinem Plaisire
Begeht es den häßlichen Brauch
Und schlitzet dem Nebenthiere
Mit der Nase ein Loch in den Bauch.

Doch endlich nahet die Strafe,
Es rächt sich auf Erden die Schuld!
Und Albrecht Dürer, der Brave,
Der malte das Thier mit Geduld;
Er conterfeit' es getreulich
In all' seiner Scheußlichkeit,
Und er vermachte sein greulich
Porträt der folgenden Zeit.

Drum soll sich Jedermann hüten
Und nie ein Rhinoceros sein,
Und nie mit gefühllosem Wüten
Am Bauchaufschlitzen sich freun.
Doch ist von Natur er verwildert
Rhinocerosmäßig, - dann hält
Der Künstler Gericht, und er schildert
Sein Abbild der lachenden Welt.

Arthur Fitger, 1840-1909

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18 Mär 2026 16:38 #57329 von Kaninchen
 

Die Tulpe

Ein Gärtner steckte sinnend
eine Zwiebel in die Erden.
Sprach, die Arme in den Hüften:
„Dies soll eine Tulpe werden.“

Für die Tulpe, noch verschlossen
begann eine dunkle Zeit.
Nicht bewundert, kaum begossen:
Der Frühling war noch weit.

Nicht viel später jedoch spürt sie
wie es von oben wärmlich zieht
und sie macht sich langsam auf
in die Richtung, die sie mied.

„Was schmeichelt mir so kräftig,
von dort oben zu mir her?“
Und die Tulpe, ganz geschäftig,
lüstet es plötzlich nach mehr.

Sie lässt sich ein Köpflein wachsen
und reckt und streckt sich schlicht
eh man vernimmt ein leises Knacksen
als sie durch die Oberfläche bricht.

Blinzelnd, leicht geblendet,
so gefällt ihr, was sie sieht
sie wächst und wächst noch weiter
als ob sie nach oben flieht.

Und schon, nach wen’gen Tagen
öffnet sie die Blüte auf
und hört schon jemand sagen:
„Na schau, du kamst herauf!“

Es ist der Gärtner wieder,
der ihre Zwiebel einst vergrub.
Er lässt sich zu ihr nieder –
und die Welt, sie war jetzt gut

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19 Mär 2026 15:30 #57342 von Kaninchen
Ein Kormoran als Komodowaran

Es war ein Mal ein Kormoran
der verfiel dem blanken Wahn
und bildete sich doch glatt ein
ein Komodowaran zu sein.
Er züngelte und zischte
und täglich betischte
er sich mit ein, zwei Rehen,
doch die blieben niemals stehen.
So bekam er Hunger schließlich
und fühlte sich extrem verdrießlich.
Da sagt ein anderer Kormoran:
„Sie dich doch mal selber an!
Du bist kein Komodowaran
Sondern nur ein Kormoran.“
Das glaubte nicht der Kormoran
und ist nach Komodo gefahrn.
Traf dort zwei Komodowarane
die schlossen ihn tief in die Arme
und fraßen ihn genüsslich auf.
Da kam der Vogel (zu spät) drauf,
die Erkenntnis trat ihm ins Gesicht:
Er war wohl doch nur Kormoran,
sonst hätten ihm das niemals nicht
seine Artgenossen angetan.

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